Eine Feststellung zu Beginn: Der Tod eines jeden Menschen und die weitläufige Zerstörung in einem Kriegsgebiet bringen tiefgreifende, generationenübergreifende Traumata sowie soziale Verwerfungen mit sich, deren Folgen unabsehbar sind.
Demzufolge könnte man NAZA, einen der besonders heftig diskutierten Filme der vergangenen Jahre, als Antikriegsfilm betrachten. Eine Dokumentation, deren Ziel es ist, die Welt besser zu machen, indem sie den Menschen einen Spiegel vorhält, die Krieg anprangert und für Frieden wirbt. Doch scheint das Werk der Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor noch ganz andere Ziele zu verfolgen, und das ist ihnen vorzuhalten.
Aber von Anfang an: NAZA steht für »nezek agavi«, den hebräischen Begriff für Kollateralschaden. Der gibt in diesem Fall vor, wie viele Zivilisten man bereit ist zu töten, um einen Hamas- oder Islamischer-Dschihad-Anführer auszuschalten. Die Prämisse des Films lautet, das israelische Militär habe den »Naza« immer wieder sehr hoch angesetzt, weil die Zahl ziviler Opfer in Gaza in dem aus den Hamas-Massakern im Süden Israels am 7. Oktober 2023 resultierenden Krieg besonders hoch ist – seriöse Organisationen wie »The Lancet« und das Max-Planck-Institut kommen erstaunlicherweise zu vergleichbaren Ergebnissen wie die Hamas, die 73.000 angibt (was auch Terroristen einschließt). Angeblich bis zu 500. Und das mithilfe von Künstlicher Intelligenz, die Ziele ausmache, lokalisiere und den »Naza« berechne.
Aussehen und Stimmen digital verändert
Zum Beweis führt der Film angebliche Soldaten aus der Einheit 8200 der israelischen Armee (IDF) vor, die Abraham interviewt. »8200« ist die Elite-Einheit für Cyberkriegsführung und Signalaufklärung. Sowohl das Aussehen der Interviewten als auch deren Stimmen wurden verändert, so die Macher, um sicherzugehen, dass niemand die »Whistleblower« erkennen kann.
Was diese berichten, ist unerträglich grauenhaft. Das Versagen von Empathie und Menschlichkeit. Die Entmenschlichung von Zielen durch räumliche Trennung, da die Drohnenlenker an Computern mehr als 60 Kilometer entfernt vom Explosionsort säßen. Kaum einem fällt es leicht zu sprechen. Geführt wurden die Interviews ab 2023, und sie waren ursprünglich Grundlage für Artikel, die Abraham in der britischen Zeitung »Guardian«, bei dem linken israelischen Online-Medium »+972« und der ebenfalls israelischen News-Website »Sikha Mekomit« veröffentlichte.
Als NAZA, co-produziert vom »Guardian« und von James Wilson (Co-Produzent von Die Stimme von Hind Rajab), am 10. September auf dem Filmfest von Venedig Premiere feierte, herrschte Begeisterung im Saal. Es gab 25 Minuten Standing Ovations, angeblich der Rekord des Festivals, und den Spezialpreis der Jury dazu – sowie blanke Wut im Heimatland der Regisseure.
Ihre Gesichter sind schwarze Löcher, und Tel Aviv bleibt ein düsteres Ungetüm.
Während Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und einige Minister forderten, den Filmemachern die Staatsangehörigkeit abzuerkennen, gab es auch Todesdrohungen gegen sie, unter anderem bei Demonstrationen vor dem Haus der Eltern von Rachel Szor. Die ehemalige Hamas-Geisel Eliya Cohen warf den Regisseuren vor, Lügen zu verbreiten und Israelis und Juden weltweit in Gefahr zu bringen.
Die IDF wiederum wies die Film-Behauptung, es gebe eine Strategie, Zehntausende Menschen in ihren Häusern zu töten, entschieden zurück. Bei den beschriebenen Systemen einschließlich des KI-Programms »Lavender« handele es sich um Hilfsmittel für Analysten. Alle Ziele müssten einer unabhängigen Überprüfung durch Menschen unterzogen werden. Generalstabschef Eyal Zamir drohte mit rechtlichen Schritten gegen den Film.
Die israelische Zeitung »Ynet« schließlich zitierte einen Reserveoberst und Kampfpiloten, der nach eigenen Angaben an Tausenden von Luftangriffen an verschiedenen Fronten teilgenommen hat. Er widerspricht der NAZA-Behauptung, dass ein Luftangriff genehmigt worden sei, bei dem die Möglichkeit bestand, dass dabei Hunderte von Zivilisten ums Leben kommen – im Film ist von 500 die Rede. »Ich bin nie auf eine solche Zahl gestoßen, nicht einmal annähernd. Ich kann mit großer Sicherheit sagen: Es gab keinen solchen genehmigten Luftangriff«, wird er zitiert. »Jeder Luftangriff birgt das Risiko, unbeteiligte Menschen zu verletzen, und auf menschlicher Ebene ist das schrecklich«, fügt er hinzu. »Krieg ist die Hölle.«
Das Ende der Sachlichkeit
Sie ahnen es schon, bei diesem Film geht es vor allem um die Reaktionen. Und auf die ist er geradezu perfide angelegt. Hier kommt das Ende der Sachlichkeit. Im Film wie in diesem Artikel.
Die Darstellung der Interviewten ist schlicht und ergreifend monströs. Ihre Gesichter bleiben schwarze Löcher, und damit nicht genug, die Stadt, auf deren Dächern die Interviews stattfinden, bleibt ein ebenso düsteres Ungetüm. Ewige Nacht, Autokolonnen, eine Tonspur unheilvollen Dauerdröhnens und Menschen, gefangen hinter ihren Fenstern, die auf die Nachrichten starren. Immer wieder werden Ausschnitte aus Reden von Netanjahu oder auch Israels Präsident Isaac Herzog eingeblendet. Als Beweis für Gehirnwäsche. Die Menschen Tel Avivs, die der Film beobachtet, so wie die Drohnen die Menschen in Gaza ausspähen, bleiben gesichtslos. Auch sie sind »Kreaturen der Nacht«. Bis einem auffällt, dass Abraham und Szor selbst Szenen bei Tageslicht ins Dunkel getaucht haben, angefangen mit dem Jom Haschoa, dem israelischen Holocaust-Gedenktag. Plötzlich wird klar, dass den Autos ab und an das Scheinwerferlicht fehlt.
Und während fast Langeweile aufkommt, weil man das Prinzip, das dunkle Tel Aviv mit dem Horror von Gaza zu verbinden, schon nach zehn Minuten verstanden hat, wächst die Wut über die schwarze Manipulation, die Dämonisierung eines ganzen Landes und seiner Bevölkerung. Die ist allerdings gar nichts im Vergleich zu der Empörung, die einen fast aus dem Kino rennen lässt, wenn NAZA anfängt, das Geschehen im Gaza-Krieg mit der Schoa gleichzusetzen
Gleichsetzung mit der Schoa
Es beginnt überraschend, als ein Interviewter seltsamerweise klingt wie Adolf Eichmann, der Organisator der »Endlösung«, als er direkt hintereinander sagt: »Ich bin nur ein Rädchen im Getriebe« und »Wenn ich es nicht getan hätte, hätten es andere getan«. Es folgen weitere Beschreibungen von Grausamkeiten. Dann sagt einer: »Wenn die Nazis das reine Böse sind, was bin ich dann?«
Aus der Wut wird das Abgestoßensein von der verantwortungslosen Geschichtsvergessenheit der Filmemacher.
Dann plötzlich ist eine Ankündigung der Tel Aviv Cinematheque zu Claude Lanzmans epochalem Doku-Werk Shoah von 1985 zu sehen, samt Interviewmomenten aus dem neunstündigen Film. Sogar der renommierte Filmkritiker des US-Magazins »New Yorker«, Richard Brody, stellt die beiden Filme auf eine Ebene. Dazu hat sich nicht einmal »Guardian«-Kritiker Peter Bradshaw verstiegen, der schrieb: »Doch Gaza, so schrecklich es auch sein mag, ist nicht mit dem Holocaust gleichzusetzen. Diese trügerische Parallele wird nur allzu gern gezogen.« Die Filmemacher bestreiten eine solche Absicht.
So wird aus der Wut der Rezensentin das Abgestoßensein von der verantwortungslosen Geschichtsvergessenheit der Filmemacher, die offensichtlich die Welle des Trends zum Israelhass reiten wollen. Das taten sie bereits 2024 mit ihrem Film über das Westjordanland The Other Land. Der hat ihnen 2025 einen Oscar eingebracht. Was soll dann erst passieren, wenn sie die emotionalen Themen »Juden« und »Künstliche Intelligenz« vermengen?
»NAZA« ist ab dem 1. Oktober im Kino zu sehen.