Der Film »Naza« der Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor sorgt nicht nur im Ausland für extreme Reaktionen. Auch in Israel, der Heimat von Abraham und Szor, schlägt er hohe Wellen.
Der ehemalige Premierminister Naftali Bennett bezeichnete »Naza« als »Ritualmordlegende«. Besonders schmerzhaft und empörend sei es, dass diese Lüge von israelischen Filmemachern stammt und nun weltweit verbreitet werde, schrieb er nach der Filmpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig auf X. Am Samstag wurde »Naza« dort mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.
»Wenn Israel der Bevölkerung von Gaza schaden wollte, würden wir unsere Söhne und Töchter nicht in den Häuserkampf schicken – durch Gassen und Tunnel, unter dem schrecklichen Preis, dass unsere eigenen Soldaten getötet und verwundet werden«, argumentiert Naftali Bennett. »Der Krieg in Gaza ist schrecklich. Der Tod jedes Kindes ist eine Tragödie«, fährt Bennett fort. »Aber ein schrecklicher Krieg ist kein Völkermord.«
Kulturminister Miki Zohar vom Likud ging noch weiter. Er bezeichnete die Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor als »Verräter« und kündigte an, den Entzug ihrer israelischen Staatsbürgerschaft anzustreben.
Kulturminister will Filmemachern Staatsbürgerschaft entziehen
Seine ehemalige Parteikollegin, nun Mitglied der rechtsextremen »Jüdischen Macht« meint, der Film sei eine »komplette Erfindung von Israel-Hassern von innen«. Gleichzeitig kritisierte sie Verteidigungsminister Israel Katz und Armeechef Eyal Zamir, ihrer Ansicht nach nicht hart genug auf den Film reagiert zu haben.
Avigdor Lieberman, Vorsitzender von Yisrael Beitenu, griff die Filmemacher ebenfalls massiv an. Er sprach von einer Verleumdungs- und »Blutlügen«-Kampagne gegen Israel und die IDF und warf Abraham und Szor vor, »für internationale Festivalpreise das eigene Land zu verkaufen«.
Rückhalt kommt von linksliberalen Politikern
Einige Abgeordnete der linken Partei Demokraten stellten sich dagegen hinter die Filmemacher. Kritik am Vorgehen Israels und der Armee müsse in einer Demokratie möglich sein, erklärte die Partei. Die Abgeordnete Naama Lazimi, Nummer zwei auf der Parteiliste, bezeichnete Zohars Forderung als »reinen Wahnsinn«.
Gabi Lasky, die auf Platz sechs der Liste steht, argumentierte, der Diskurs gegen die Filmemacher sei gewalttätig geworden, und plädierte dafür, die Möglichkeit zu wahren, auch in Kriegszeiten moralische Fragen zu stellen. »Der gewalttätige Diskurs gegen die Schöpfer muss aufhören«, schrieb Lasky. Ihrer Ansicht nach sei es »am einfachsten, die Verletzung von Menschenrechten im Krieg zu rechtfertigen. Und gerade deshalb besteht auch die Pflicht, Fragen zu stellen und Grenzen zu setzen. Das ist das Wesen der Demokratie.«
Naftali Bennett: »Der Krieg in Gaza ist schrecklich. Der Tod jedes Kindes ist eine Tragödie. Aber ein schrecklicher Krieg ist kein Völkermord.«
Filmpremiere mitten im Wahlkampf
Auch im derzeitigen Wahlkampf spielt der Erfolg des Filmes eine Rolle in Israel. Am 27. Oktober wählen die Israelis ein neues Parlament, die Stimmung im Land ist ohnehin bereits aufgeheizt.
Der Likud verschärfte am Montag seine Kampagne gegen den Herausforderer von Premierminister Benjamin Netanjahu: »Die Likud-Bewegung fordert Gadi Eisenkot auf, das Abkommen über Stimmenresteverwertung mit der extremistischen Partei Demokraten zu annullieren«, erklärte die Regierungspartei. Der Likud warf den »Demokraten« vor, eine Partei zu sein, »deren Mitglieder den Schöpfern des antisemitischen Films ‚NAZA‘ Rückhalt und Unterstützung gewähren«.
Die Demokraten sind eine linksliberale Partei, ihr Vorsitzender Golan war Generalmajor und stellvertretender Stabschef der IDF.
Eisenkot selbst kritisierte den Film scharf – allerdings aus einer anderen Position. Er bezeichnete die Darstellung des Krieges als verzerrt und moralisch schädlich für israelische Soldaten. Kritik sei in einer Demokratie legitim, aber die internationale Präsentation eines einseitigen Bildes schade den Soldaten, die Israel verteidigten.
In der linksliberalen Tageszeitung Haaretz findet der Film deutliche Unterstützung. Ein Kommentator schreibt nach der Sichtung, er habe noch nie einen Film so schwer ertragen und sei körperlich regelrecht im Sitz zusammengesunken. Er zieht dann einen Vergleich zu einem Deutschen, der während des Zweiten Weltkriegs von den Verbrechen seines Landes erfahren habe.
Abraham und Szor betonen, Film richte sich »nach innen«
Auf der Nachrichtenseite Ynet bekommt der Film eine differenzierte Bewertung. Kulturkritiker Amir Bogen schreibt: »Naza ist ein kühl und analytisch gemachter, überzeugender Film« und hebt hervor, dass die Filmemacher nicht mit emotionalen Bildern arbeiteten, sondern die Aussagen der anonymisierten Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter eher nüchtern präsentierten. Bogen titelt: »Wir haben als Erste den Film gesehen, der die Welt erschüttert – und Israel erheblichen, nicht nur ‚kollateralen‘ Schaden zufügen könnte.«
In der linken israelischen Publikation Sicha Mekomit schreiben Abraham und Szor selbst, dass sich ihr Film nicht nur an ein internationales Publikum wende, sondern ausdrücklich »nach innen« – an die israelische Gesellschaft.
Die IDF selbst hat die Vorwürfe des Filmes kategorisch zurückgewiesen. Zentraler Einwand ist, dass die 24 Interviewten im Film anonym auftreten. Ihre Identität, ihr militärischer Hintergrund, ihre Funktionen und ihre tatsächliche Beteiligung an den geschilderten Vorgängen könnten nicht überprüft werden.
Außerdem erklärt die Armee, dass einige Aussagen über strategische Entscheidungen von Personen stammen sollen, die aufgrund ihrer damaligen Position gar keinen Einblick in derartige Beschlüsse gehabt hätten. Besonders deutlich weist die IDF auch die Darstellung zurück, Künstliche Intelligenz entscheide über Angriffe. Nach offizieller Darstellung werden Auswahl und Genehmigung von Angriffszielen durch Menschen vorgenommen – nicht durch KI.
Nach Berichten israelischer Medien soll Generalstabschef Eyal Zamir zudem eine Besprechung zu den im Film erhobenen Vorwürfen einberufen haben.