Filmfestival

25 Minuten Beifall in Venedig

Aus dem Film »NAZA« von Yuval Abraham und Rachel Szor Foto: Filmfestspiele Venedig

25 Minuten Beifall und Standing Ovations: So reagierte das Publikum bei den Filmfestspielen Venedig am Donnerstag auf den neuen Film »NAZA« der Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor, die mit dem umstrittenen Film »No Other Land« bekannt wurden.

In »NAZA« geht es um mutmaßliche Mechanismen hinter den israelischen Luftangriffen im Gazastreifen. Die Filmemacher zeigen in der Dokumentation anonymisierte Interviews mit 24 israelischen Geheimdienstmitarbeitern, die detaillierte Einblicke in ihre Operationen geben. Sie wurden nachts auf Dächern in Tel Aviv befragt.

Der Titel »NAZA« bezeichnet demnach einen internen Code des israelischen Geheimdienstes. Dieser Begriff steht als militärisches Kürzel für die Anzahl von Zivilisten, die bei einem Angriff sterben. Die israelische Armee (IDF) hat nach Angaben der Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency (JTA) die in dem Film erhobenen Behauptungen zurückgewiesen und erklärt, konventionelle militärische Überlegungen seien darin aus dem Kontext gerissen worden. In einem Statement der IDF, veröffentlicht in der britischen Zeitung »Guardian« (die »NAZA« mitproduziert hat), hieß es laut JTA: »Die IDF weist die Behauptung über jedwede Politik, Zehntausende von Menschen in ihren Häusern zu töten, rundum zurück.«

In einem Statement der israelischen Armee heißt es: »Die IDF weist die Behauptung über jedwede Politik, Zehntausende von Menschen in ihren Häusern zu töten, rundum zurück.«

Die Aussagen der befragten Geheimdienst-Offiziere dürften besondere Aufmerksamkeit erregen. Sie erklären die technische und logistische Vorgehensweise bei der Zielerfassung in Gaza in einem nüchternen Tonfall. In den Gesprächen fallen distanzierende Bemerkungen wie »Ich kann nur sagen, dass wir die Mission erfüllen.« Es sind aber auch selbstkritische Worte zu hören. Ein Offizier sagt am Anfang, er müsse anonym bleiben, weil er in Israel sonst ins Gefängnis käme. 

»Das scheint mir die Art von Film zu sein, die nur israelische Filmemacher und Regisseure hätten drehen können«, sagte der »Guardian«-Journalist und Produzent Paul Lewis.Yuval Abraham fügte hinzu: »Wir befassen uns mit einem System, von dem wir wissen, dass wir darin Privilegien genießen, dass wir darin eine gewisse Macht haben - einem System, das wir ablehnen und dessen Zustand wir für ungerecht halten -, um das, was wir aus unserer Position heraus tun können, zu nutzen.«

Israel betont immer wieder, seine Angriffe im Gazastreifen zielten nur auf Mitglieder von Terrororganisationen, man bemühe sich, zivile Opfer zu vermeiden. Die im Film interviewten Offiziere sagen, zivile Opfer seien stets in Kauf genommen worden.

Der Film bezieht sich an einer Stelle auf den Filmemacher Claude Lanzmann, der in seinem Dokumentarfilm »Shoah« Zeitzeugen zum Holocaust befragte. »Wenn wir sagen: «Nie wieder», wenn wir sagen, dass wir aus den Ereignissen des Holocaust lernen wollen, dann besteht der Weg dahin darin, über Muster nachzudenken, die übertragbar sind und in unserer Gegenwart erkennbar und beobachtbar sind«, sagte Abraham. 

Er wolle nicht sagen, dass der Holocaust und das Vorgehen des israelischen Militärs im Gazastreifen vergleichbar seien, so Filmemacher Yuval Abraham.

Er wolle damit nicht sagen, dass der Holocaust und das Vorgehen des israelischen Militärs im Gazastreifen vergleichbar sind, ergänzte er. »Ich glaube nicht, dass es das ist. Ich denke, was wir sagen und tun sollten, ist, ähnliche Muster der Entmenschlichung zu erkennen.«

Am Anfang des Films ist auch der 7. Oktober 2023 Thema, als beim Massaker der Hamas rund 1200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 weitere als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Der beispiellose Überfall der islamistischen Terrororganisation löste den Gaza-Krieg aus. 

Seitdem wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 73.600 Palästinenser getötet. Menschenrechtsorganisationen und UN-Gremien werfen Israel wegen seines Vorgehens im Gaza-Krieg unter anderem Kriegsverbrechen vor.

Dass bei einem Angriff Zivilisten getötet werden, bedeutet nicht automatisch einen Verstoß gegen das Völkerrecht; verboten sind vielmehr Angriffe, bei denen der erwartete zivile Schaden im Verhältnis zum konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil unverhältnismäßig ist.

Als Produzent unterstützte der britische Regisseur Jonathan Glazer (»The Zone of Interest«) das Projekt, zudem ist die britische Zeitung »The Guardian« beteiligt. »NAZA« konkurriert mit 20 anderen Filmen um den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Löwen.

Mit dem Dokumentarfilm »No Other Land« gewannen Abraham und Szor mit weiteren Filmemachern bei der Berlinale 2024 den Dokumentarfilmpreis. Im Film geht es um die Räumung palästinensischer Dörfer im Westjordanland. Bei der Verleihung sprach Regisseur Yuval Abraham von »Apartheid« im Westjordanland.

Angefeuert durch Äußerungen weiterer Protagonisten an dem Abend – auch der Begriff »Genozid« fiel –, folgte nach dem Ende der Berlinale eine heftige Diskussion über Antisemitismus in der Kulturszene. Die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatte, wie Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner auch, nach der Dankesrede geklatscht, distanzierte sich aber später, indem sie erklären ließ, ihr Applaus habe nur dem »jüdisch-israelischen Journalisten und Filmemacher Yuval Abraham« gegolten, »der sich für eine politische Lösung und ein friedliches Zusammenleben in der Region ausgesprochen« habe. dpa/ja

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