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Nicht so viel fluchen, Spenden verdoppeln

Adriana Altaras Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

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Nicht so viel fluchen, Spenden verdoppeln

Das neue Jahr soll besser werden. Unsere Autorin listet ihre Vorsätze auf. Eine Glosse

von Adriana Altaras  11.09.2026 12:04 Uhr

Wenn die Äpfel einen roten Schimmer bekommen, steigt auch mir die Hitze ins Gesicht: Die Hohen Feiertage stehen vor der Tür, der 14-tägige Marathon beginnt. Ich habe rote Wangen und sehe jetzt schon aus wie ein Apfel.

Oj weh! Nur ruhig und der Reihe nach, flüstere ich mir ermutigend zu. Vier Kilo Äpfel kaufen, Honig besorgen, die weiße Bluse waschen, deren Flecken hartnäckig am Kragen kleben.

Das Honigglas zerbricht in der Tasche, in der die weiße Hose liegt, die gerade aus der Reinigung kommt. Ich weiß nicht – geht es nur mir so?

Ruhig, Adriana! Es wird alles gut. Das neue Jahr wird wunderbar, viel besser als das letzte – was angesichts der Weltlage noch keine Leistung ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

In welche Synagoge soll ich gehen? In die, in der ich alle kenne und ein entspanntes Schwätzchen halten kann, man kommt ja das ganze Jahr nicht dazu: Was machen die Kinder? Das Rheuma? Der Hund?

Oder doch lieber in die andere mit dem weltbesten Kantor? Ist doch kein Problem. Wozu gibt es mehrere Feiertage? Rosch Haschana in die eine, Jom Kippur in die andere.

Halt! Kurz innehalten und nachdenken. Mit wem habe ich mich gestritten, mit wem will ich mich aussöhnen? Aussprechen? Gilt diese Regelung auch für Gojim? Muss ich vor Nichtjuden zu Kreuze kriechen, weil ich sie als Antisemiten beschimpft habe? Diese Feiertage haben mich schon früher an den Rand meines Nervenkostüms gebracht!

Ich füge mich meinem Schicksal und entschuldige mich pauschal bei jedem.

Wenn die Kinder eine Woche nach den Sommerferien für 14 Tage schulfrei hatten und zu Hause blieben und nervten. Was machen wir heute? Tropical Islands? Können wir fernsehen? Wir brauchen Chips und Schokolade. Es war morgens um 8.30 Uhr, und ich wollte mich beim Rabbinat beschweren.

Gott sei Dank ist das vorbei. Sie müssen in Amsterdam oder Istanbul nach einer Synagoge suchen – und dort mit dem Honig fertig werden, der immer an allem klebt.

Sollte ich diese beiden Großereignisse überstehen, folgt direkt Sukkot, wo ich eingeklemmt zwischen Betenden die Abende in der winzigen Sukka verbringe. Alles riecht vergoren, auch meine Nachbarn rechts und links, mir wird übel, ich renne auf die Straße, die halb aufgegessene Birne in der Hand.

Dummerweise nutzt es nichts zu konvertieren, denn die Seele bleibt jüdisch, und wer will schon ohne Seele leben? Außerdem scheint mir Weihnachten zu feiern auch kein Vergnügen, glaubt man den Berichten der Betroffenen.

Ich füge mich meinem Schicksal, entschuldige mich pauschal bei jedem, dem ich begegne (die Dame in der Reinigung war ein bisschen konsterniert), und verfasse eine schöne To-do-Liste für Rosch Haschana.

Frieden. Bitte! Ein Licht am Horizont. Und wenn es ein klitzekleines ist. Gesundheit und keine neue Brille. Bessere Musik aus der Nachbarwohnung. Hämorrhoiden allen AfD-Wählern. Menschlichkeit üben. Ich. Wir. Am besten alle. Der Natur eine Ruhepause gönnen. Deutschlandticket verlängern, Radfahren. Notfalls laufen. Dem Hund bei Durchfall nicht fünf Kohletabletten geben. Nicht fluchen. Oder wenigstens nicht so viel. Fünf Minuten Zähne putzen. Spenden verdoppeln.

Das muss reichen. Einverstanden, Adonai? Ich wünsche allen Schana towa!

Die Autorin ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.

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