Kulturkolumne

Der Koffer meines Vaters

Foto: KI via ClaWi

Kulturkolumne

Der Koffer meines Vaters

Wie ich versuchte, Geheimnisse zu lüften, die auch meine eigenen waren

von Sophie Albers Ben Chamo  11.09.2026 11:12 Uhr

Das Leben meines Vaters, vor allem bevor er meine Mutter heiratete, war für mich immer ein Mysterium. Die Geschichte eines Abenteurers, der sich durch die Welt schlug, in der er noch keinen Platz hatte.

Als Teenager lernte er auf einer Tankstelle, fuhr Sandbahnrennen mit Motorrädern, in deren Reifen Nägel steckten. Er liebte Mathematik, Westernhefte und an Automotoren herumzuschrauben. Bis ein Kollege starb, dem ein Autoreifen ins Gesicht explodierte. Mein Vater hatte noch keinen Koffer, als er ging.

Er hat in einer Mine gearbeitet, tief unter der Erde, wo es so heiß war, dass alle nackt schufteten. Am Ende der Schicht waren sie von Kopf bis Fuß schwarz vom Kohlenstaub. Bis zu dem Tag, als ein mit Kollegen besetzter Bergwerksaufzug abstürzte. Da nahm er seinen kleinen Koffer und ging.

Er war Seemann, probierte Opium in Japan, fror in Nordschweden, gewann in London einen Tanzwettbewerb mit einem Stuhl, zerlegte eine Kneipe auf der Hamburger Reeperbahn, weil jemand neben ihm eine Frau geschlagen hatte, schmuggelte Zigaretten in Sankt Petersburg. Bis zu einer Sturmflut, als der Kapitän nach Freiwilligen suchte, um die Stahltaue zu durchschlagen, die die Fracht hielten, damit sie alle eine Chance hatten zu überleben. Mein Vater meldete sich. Wieder im Hafen, nahm er seinen Koffer und ging.

Der Koffer lag im Keller des Hauses meiner Eltern auf einem obersten Regalbrett in der rechten Ecke, und ich war überzeugt, dass er alles über das frühere Leben meines Vaters enthielt. Er hatte einmal Fotos herausgeholt – Papa mit Pfeife und Bart. Und ein »Logbuch«, das mit der Liste seiner Habseligkeiten begann, die er damals mit an Bord nahm, und auch das Morse-Alphabet stand darin.

Ich liebte diesen vom Leben angestoßenen Koffer, dessen Inhalt ich nicht kannte, der aber Beweise für all die Geschichten enthalten würde, die mein Vater manchmal erzählte.

Ich liebte diesen vom Leben angestoßenen Koffer, dessen Inhalt ich nicht kannte, der aber Beweise für all die Geschichten enthalten würde, die mein Vater manchmal erzählte, wenn er nicht gerade auf Reisen war, im Garten Baumwurzeln ausriss oder mir erklärte, dass wir anders sind als die anderen Leute und ich deshalb nicht die gleichen Maßstäbe ansetzen dürfte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eines Tages konnte mein Vater keine Baumstümpfe mehr ausreißen, und er ging auch weniger auf Reisen, denn er wurde sehr krank. Er musste seine geliebten Camel-Zigaretten aufgeben und sprach kaum noch über die Geschichten aus dem Koffer, ich glaube auch, weil es ihn schmerzte, dass sie immer weiter zurücklagen. Ich vergaß den Koffer manchmal sogar.

Die Ärzte waren verblüfft, wie zäh mein Vater trotz der Krankheit und mehrerer Operationen war. Nach der letzten schaute er einen Boxkampf im Fernsehen, während ein junger Doktor an seinem Krankenhausbett versuchte, den Rhythmus seines Herzens wieder einzutakten.

Mein Vater starb an einem frühen Morgen. Es hatte über Nacht gefroren, obwohl es eigentlich weder davor noch danach kalt genug dafür gewesen war. Als wir an den Tagen danach im Wohnzimmer kauerten und uns Geschichten über ihn erzählten, fiel mir der Koffer wieder ein. Nun könnte ich ihn öffnen, flüsterte ich in der Nacht meinem Mann ins Ohr.

Der Moment war gekommen, den ich mir immer wieder vorgestellt hatte. Ich würde die Geheimnisse meines Vaters lüften, die doch auch meine eigenen waren. Ich brauchte mehrere Anläufe, um den Koffer wirklich vom Kellerregal zu holen. Schließlich sind Geheimnisse nicht umsonst Geheimnisse. Als ich ihn herunterwuchtete, war er leichter als erwartet. Und als ich ihn öffnete, war er leer.

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