Ein während der NS-Zeit verschwundenes Gemälde aus der Sammlung des niederländisch-jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker soll an dessen Familie zurückgegeben werden, wie die »Jewish Telegraphic Agency« berichtet. Ein argentinischer Bundesrichter ordnete am Freitag die Restitution des Bildes »Portrait of a Lady« an. Das Werk war in einem Haus im argentinischen Badeort Mar del Plata entdeckt worden.
Auf die Spur des Gemäldes führte die Recherche des niederländischen Journalisten Peter Schouten. Er hatte nach eigenen Angaben jahrelang versucht, Patricia Kadgien, die Tochter des früheren deutschen NS-Finanzbeamten Friedrich Kadgien, zu dem Verbleib von Kunstwerken aus Goudstikkers Sammlung zu befragen. Ohne Erfolg. Im vergangenen Jahr fuhr Schouten deshalb zu Kadgiens Haus in Mar del Plata.
Dort war niemand anzutreffen. Vor dem Gebäude entdeckte Schouten jedoch ein Verkaufsschild eines örtlichen Immobilienunternehmens. Auf dessen Internetseite fand er das Haus für 265.000 US-Dollar zum Verkauf angeboten. Auf einem Foto des Wohnzimmers erkannte er ein Gemälde über einem Sofa. Nach Einschätzung von Experten handelt es sich um »Portrait of a Lady«, das dem norditalienischen Maler Giacomo Antonio Melchiorre Ceruti, genannt Il Pitocchetto, zugeschrieben wird.
Bundesrichter Santiago Inchausti verwies in seiner Entscheidung auf die Immobilienanzeige als entscheidenden Hinweis. Das Haus sei im Internet zum Verkauf angeboten worden; eines der dazugehörigen Fotos habe ein Gemälde gezeigt, das mit einem seit Jahren gesuchten Werk aus Goudstikkers Sammlung übereingestimmt habe.
Göring riss Goudstikkers Sammlung an sich
Goudstikker gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zu den bedeutendsten jüdischen Kunsthändlern der Niederlande. Nach der deutschen Besetzung des Landes floh er 1940 mit seiner Frau und seinem Sohn. Bei sich hatte er ein schwarzes Notizbuch mit Angaben zu rund 1.400 Kunstwerken. Goudstikker starb während der Überfahrt. Seine Witwe bewahrte das Verzeichnis auf, das später eine wichtige Rolle bei den Bemühungen der Familie um die Rückgabe der Kunstwerke spielte.
Goudstikkers Galerie und seine Sammlung gerieten nach seiner Flucht unter nationalsozialistische Kontrolle. Hermann Göring, einer der führenden Vertreter des NS-Regimes, erwarb Hunderte Gemälde aus dem Bestand. Niederländische Behörden stellten später fest, dass der Verkauf in unmittelbarem Zusammenhang mit der Verfolgung der Familie durch die Nationalsozialisten stand.
Besitzerin versteckte die Raubkunst zuerst
Nach dem Fund des Gemäldes wurde die New Yorker Kunstrechtsspezialistin Yael Weitz eingeschaltet. Sie nahm Kontakt zu Herberto Robinson auf, dem Anwalt von Marei von Saher, der Schwiegertochter Goudstikkers und dessen alleiniger Erbin. Robinson zufolge ging es der Familie ausschließlich um die Rückgabe des Kunstwerks. »Sie waren nicht daran interessiert, gegen diejenigen vorzugehen, die es besessen hatten, oder eine finanzielle Entschädigung zu verlangen«, sagte er. Ziel sei gewesen, das Gemälde zurückzuerhalten.
Kadgien und ihr Ehemann Juan Carlos Cortegoso kooperierten zunächst nicht mit den Ermittlern. Nachdem die niederländische Zeitung »Algemeen Dagblad« über den Fund berichtet hatte, wurde die Immobilienanzeige entfernt. Am 26. August 2025 durchsuchten argentinische Behörden das Haus. Das gesuchte Gemälde war zu diesem Zeitpunkt verschwunden. An der Wand war jedoch noch sein Umriss zu sehen; dort hing inzwischen ein anderes Bild.
Kadgien und Cortegoso wurden für 72 Stunden unter Hausarrest gestellt. Ermittler durchsuchten zudem weitere Immobilien der Familie. Später übergaben die beiden das Gemälde an die Bundesstaatsanwaltschaft. Gegen das Ehepaar wurde wegen erschwerter Verheimlichung ermittelt.
Experten der argentinischen Nationalen Akademie der Schönen Künste kamen zu dem Ergebnis, dass das Bild Ceruti, bekannt als Il Pitocchetto, zugeschrieben werden kann. Den Wert des Gemäldes bezifferten sie auf etwa 250.000 Euro. Auch die jüdischen Gemeinden Argentiniens verfolgten den Fall mit Interesse.
Rechtmäßige Eigentümerin will Gemälde an Museum verleihen
»Wir sind sehr erfreut und hoffen, dass dies der Beginn vieler weiterer Restitutionen ist«, sagte Claudia Beatriz Malamud, Präsidentin der jüdischen Gemeinde Sociedad Union Israelita Marplatense. Es gebe vermutlich weitere Kunstwerke, die Familien gehörten, deren Eigentum während der NS-Zeit geraubt worden sei.
Das Strafverfahren gegen Kadgien und Cortegoso wurde nach einer von Richter Inchausti gebilligten Vereinbarung für zwei Jahre ausgesetzt. Daran sind mehrere Bedingungen geknüpft. Unter anderem müssen beide unwiderruflich auf sämtliche Ansprüche an dem Gemälde verzichten. Die Voraussetzung soll damit geschaffen werden, das Werk an von Saher zurückzugeben.
Bis zur Durchführung der Restitution bleibt das Bild in der Obhut des argentinischen Obersten Gerichtshofs. Das Ehepaar muss außerdem 4,8 Millionen argentinische Pesos, umgerechnet etwa 3.180 US-Dollar, in 24 monatlichen Raten an eine Unterstützerorganisation des interzonalen Spezialkrankenhauses für Mütter und Kinder in Mar del Plata zahlen.
Nach Angaben mit dem Vorgang vertrauter Quellen aus dem Holocaust-Museum in Buenos Aires erwägt von Saher, das Gemälde für eine vorübergehende Ausstellung an das Museum auszuleihen. Im Gespräch ist demnach eine Laufzeit von einem oder zwei Jahren. Eine solche Ausstellung könnte auf den systematischen Raub jüdischen Kunstbesitzes während der NS-Herrschaft und die bis heute laufenden internationalen Restitutionsbemühungen aufmerksam machen. Eine endgültige Vereinbarung darüber gibt es bislang nicht. ja