Teschuwa

Umkehrer und Rückkehrer

»Als ob ich dabei gewesen wäre, als die Juden diese Zehn Gebote erhalten haben«: Ben Salomo (49) Foto: Jan Feldmann

Teschuwa

Umkehrer und Rückkehrer

Der Berliner Rapper Ben Salomo brauchte lange, um herauszufinden, woher die eigene Stimme kommt

von Nicole Dreyfus  10.09.2026 10:22 Uhr

Es gibt Dinge, die verschwinden nicht einfach, nur weil man sie lange nicht benutzt. Eine Sprache kann irgendwo im Hinterkopf liegen, und trotzdem gleitet sie auf Abruf über die Lippen. Ein Geruch kann innerhalb von Sekunden Erinnerungen zurückholen. Oder ein Lied, das man als Kind gesungen hat, erhält Jahrzehnte später jene Bedeutung, die man früher nicht verstanden hat.

Bei Jonathan Kalmanovich ist es das Judentum. Er wusste immer, dass er jüdisch ist. Natürlich wusste er das. Er wurde beschnitten, feierte mit 13 Jahren seine Barmizwa, und an Pessach kam die Familie für den Sederabend zusammen. Trotzdem spielte Religion zu Hause kaum eine Rolle.

»Wie viel Currywurst oder Shrimps in meiner Familie gegessen wurden, habe ich nicht gezählt«, meint er schmunzelnd. Dann ernster: »Wieso sollten meine Eltern Schabbat-Kerzen anzünden, wenn es meine Großeltern schon nicht taten?« Das fragt sich ein Mann von 49 Jahren, der eine lange Reise hinter sich hat. Nicht die Reise durch einen anderen Kontinent. Nein, es ist die nie enden wollende Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Identität.

Mit drei Jahren kam er mit seinen Eltern von Israel nach Berlin

Kalmanovich wurde in Rehovot geboren. Mit drei Jahren kam er mit seinen Eltern von Israel nach Berlin, wo er seither lebt. Aus Jonathan Kalmanovich wurde irgendwann Ben Salomo, aus dem jüdischen Jungen ein Rapper, der tief in eine Szene eintauchte, die mit religiösem Leben wenig zu tun hatte. Ein »ziemlich gottloser Lifestyle«, sagt er heute. Trotzdem war da immer diese andere, spirituelle Seite, die in ihm schlummerte. »Es war vielleicht die Frage nach Gott. Oder nach dem, was über das unmittelbar Sichtbare hinausgeht. Denn für mich war immer klar, dass etwas Höheres vorhanden ist, das die Menschen anleitet.«

Jonathan Kalmanovich las viel über Religionen, beschäftigte sich mit unterschiedlichen Kulturen und suchte das Faszinierende an ihnen. Dabei kehrte er immer wieder zum Judentum zurück. »Und zwar nicht, weil es mir vertraut war, eher aus dem Gegenteil heraus: Je mehr ich darüber lernte, desto fremder wurde es mir zunächst. Ich realisierte auf einmal, wie wenig ich darüber wusste.«

Ein leises Anklopfen an dieses Universum zeichnete sich bereits vor zehn Jahren ab.

Teschuwa oder Tschuwa, das hebräische Wort, das rund um Rosch Haschana und Jom Kippur eine zentrale Rolle spielt, wird oft mit »Umkehr« übersetzt. Aber auch »Rückkehr« steckt darin. Für Ben Salomo sind beide Bedeutungen wichtig. Die eine führt zurück zu den eigenen Wurzeln. Die andere geht weg von einem Leben, das nicht mehr zu einem passt. Bei ihm ist das eine nicht vom anderen zu trennen. Aber das sei nicht über Nacht gekommen, wie er erklärt: »Ich bin nicht morgens aufgewacht und war auf einmal religiös praktizierend.«

Die Metamorphose habe sich über Jahre hingezogen. »Rückblickend stelle ich fest, dass ich ein Umkehrer und ein Rückkehrer bin, obwohl ich lange nicht gewusst habe, wohin ich eigentlich zurückkehre. Aber es ist dieses Zurückkehren zu den tiefsten Wurzeln, vielleicht auch zu diesem Zustand, als wäre ich am Berg Sinai. Als ob ich dabei gewesen wäre, als die Juden diese Zehn Gebote erhalten haben und meine Seele sagen würde: Ich werde tun, und ich werde hören.«

Er entdeckt Philosophie, Ethik, Spiritualität

Jonathan Kalmanovich beginnt irgendwann, Gedanken in der Tora zu entdecken, die ihn tief berühren. Je mehr er lernt, desto weniger erscheint ihm Religion als Ansammlung alter Vorschriften. Er entdeckt Philosophie, Ethik, Spiritualität – und eine Vorstellung vom Menschen, die ihm erstaunlich modern vorkommt. Irgendwann habe er verstanden, weshalb sich die jüngeren monotheistischen Religionen so intensiv am Judentum bedient haben: »Weil das Judentum unfassbar viel Weisheit beinhaltet. Die jüdische Philosophie ist 3000 Jahre alt, und bis heute sind so viele Fragen für uns Menschen von zentraler Bedeutung. Das Judentum ist ein Universum an Wissen. Es umfasst einen Ozean an Büchern.«

Ein leises Anklopfen an dieses Universum zeichnete sich bereits vor zehn Jahren ab. Auf seinem ersten Album Es gibt nur einen, das der Rapper 2016 herausgab, formulierte er seine starke jüdische Identität. »Ich versuchte damals schon, gleichermaßen Brücken zu bauen oder zu entdecken.« Das Jüdische war also längst da. Nur hatte es noch keine religiöse Form gefunden. »Und mit religiösen Ritualen hatte ich sprichwörtlich nicht viel am Hut. Die Kippa lag irgendwo in einer Schublade.« Dennoch war das Tragen einer Kippa für Kalmanovich nicht nur eine religiöse Pflicht. Er trug sie natürlich beim Beten oder beim Besuch religiöser Stätten wie der Kotel.

Lediglich in den jüdischen Ferienlagern vergaß er sie manchmal auf dem Kopf, denn dort fühlte es sich irgendwann so an, als gehöre sie bereits zu ihm. Kaum zurück in Berlin, verschwand sie allerdings wieder. Seine Eltern hatten große Sorge um ihn. Sie befürchteten, dass es draußen gefährlich sein könnte, nicht nur eine Kippa zu tragen, sondern auch eine Kette mit Davidstern. »Diesbezüglich haben sich die Zeiten nicht viel geändert«, erinnert sich der Jonathan von damals – heute die Kippa immer auf dem Kopf.

Er erinnert sich auch, als wäre es gestern gewesen, wie er zusammen mit seinem Großvater, der in Israel lebte, das erste Mal die Westmauer besuchte. »Mit meinem Großvater, der ab und an mal Schweinefleisch aß und sich eigentlich nicht viel aus Religion machte, stand ich also da, und wir wussten beide, wie wichtig es war. Es war nicht so, als würde man sich den schiefen Turm von Pisa oder das Empire State Building anschauen. Die Kotel berührte mich wie nichts auf der Welt, weil ich wusste, hier gehöre ich dazu.«

Dieses Gefühl der Zugehörigkeit war für ihn keineswegs selbstverständlich

Doch dieses Gefühl der Zugehörigkeit war für Kalmanovich keineswegs selbstverständlich. Er wuchs in einer säkularen Familie auf, in der ihm niemand vorschrieb, wen er eines Tages heiraten sollte. »Bei uns war es immer so: Die Liebe fällt hin, wo sie hinfällt – Hauptsache, man fällt nicht mit der Liebe hin«, sagt er. Dann verliebte er sich in eine Frau aus einer christlichen Familie. Und zunächst schien diese Liebe ganz selbstverständlich in sein Leben zu passen. »Wir hinterfragten nicht viel. Ganz niederschwellig feierten wir die jüdischen Feiertage. Mal eine Chanukka-Feier da, mal eine Purim-Party dort.«

Es war tatsächlich auch Chanukka, als er und seine Frau einen Anlass in der Gemeinde besuchten. Kalmanovich erzählt: »Da verschwand sie plötzlich für eine halbe Stunde, und als sie zurückkam und ich sie fragte, wo warst du denn, denn ich musste die ganze Zeit auf unsere Tochter aufpassen, hatte sie Tränen in den Augen. Sie sagte nur: ›Ich fühle mich zu Hause angekommen.‹« Sie habe ihm erklärt, dass sie zum Judentum übertreten wolle. Für Kalmanovich kam das völlig unerwartet. Das brauche sie doch nicht, niemand verlange von ihr, Jüdin zu werden, habe er zu ihr gesagt.

Gleichzeitig merkte er, dass ihn ihre Entscheidung auf eine unerwartete Weise bewegte. Da war neben dem anfänglichen Unverständnis auch ein Gefühl von Faszination und vielleicht sogar ein leises »Wie cool eigentlich«. Er wollte wissen, was sie nun vorhatte und wie ein solcher Übertritt überhaupt funktioniert. Sie begann, sich daraufhin zu informieren, fand einen Rabbiner und leitete schließlich bei einer liberalen Gemeinde die ersten Schritte in die Wege. Zunächst geschah dies ausdrücklich »unter Vorbehalt« – doch damit war ein Prozess angestoßen, der auch Kalmanovichs eigenes Verhältnis zum Judentum verändern sollte.

Die Jahre in der Rap-Szene, die Erfahrungen, dort, haben Spuren hinterlassen.

»Auf Englisch sagt man ›Fake it until you make it‹, also tu so, als ob, bis es klappt. So begannen wir, am Freitagabend die Kerzen zu zünden und die Segenssprüche über den Wein zu sagen. Und irgendwann fingen wir an, Challot zu backen.« Nicht nur seine Frau habe sich mit dem Judentum neu auseinandergesetzt, auch er saß bei Schiurim und hörte Rabbinern zu, lernte. Mit dem liberalen Übertritt in der Tasche war für seine Frau nach einiger Zeit klar, dass sie auch halachisch zum Judentum konvertieren wollte. Insgesamt dauerte der ganze Prozess dann etwas mehr als drei Jahre. Die letzten Schritte fielen in die Zeit unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023, so auch die Hochzeit.

»Nach dem Übertritt war klar, dass wir schnell jüdisch heiraten mussten. Als wir unter der Chuppa standen, saß den Gästen und auch uns noch der Schock der Terrorattacke, die uns alle betroffen hatte, in den Knochen. Trotzdem tanzten wir zur Liebe, feierten mit allen Gästen unsere Freude. Es war, als würde ein Knoten platzen.«

Er meint es ernst und arbeitet daran

Heute beschreibt Jonathan Kalmanovich seine Frau als seine große Inspiration. »Sie ist die Positive von uns beiden«, sagt er. Er selbst sei eher die andere Seite der Medaille. Die Jahre in der Rap-Szene, die Auseinandersetzungen mit Antisemitismus, die Erfahrungen, die er dort gemacht habe, hätten Spuren hinterlassen. Ja, er könne ein fröhlicher Mensch sein, sagt er. Aber so leicht und positiv wie seine Frau sei er noch nicht. Das sagt er nicht kokett. Er meint es ernst und arbeitet daran.

Eine seiner Übungen ist die Dankbarkeit. Jeden Morgen sage er deshalb das »Modeh Ani«, das kurze Gebet nach dem Aufwachen. Es geht um etwas sehr Grundsätzliches: Dafür dankbar zu sein, dass man wieder aufgewacht ist und einen weiteren Tag geschenkt bekommt.

Bei Jonathan Kalmanovich bedeutet dieses Zurückkommen auch, mit Veränderungen leben zu müssen. Am Anfang musste er lernen, Einladungen abzulehnen, wenn er an Schabbat dafür hätte fahren müssen. Das Telefon blieb aus. Dinge, die für andere selbstverständlich sind, wurden komplizierter. Oder das Essen bei seiner Mutter. »Ich liebe das Essen meiner Mutter«, sagt er. Dann folgt die Pointe: »Aber es ist nicht koscher.« Dieser Satz sagt viel. Der säkulare Junge ist nicht verschwunden. Auch der Rapper nicht. Genauso wenig die Erfahrungen mit Antisemitismus. Aber vielleicht hat die persönliche Teschuwa dazu geführt, dass die Dinge neu angeordnet werden mussten. Jonathan Kalmanovich kehrte nicht zu etwas zurück, das er verlassen hatte – er musste es nur wieder neu kennenlernen.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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