Die Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels und an der umstrittenen Jurorin Maha El Hissy reißt nicht ab. Nun hat sich die Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, in deutlichen Worten zu der Debatte geäußert.
»Maha El Hissy, die in diesem Jahr in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen wurde, hat sich neben ihrer literarischen Tätigkeit mit wüsten anti-israelischen Publikationen einen zweifelhaften Namen gemacht. Die postkoloniale Sprache schlägt bei ihr aber, wie bei vielen anderen auch, oft in Judenhass um«, betonte die Schoa-Überlebende, die in diesen Tagen ihre Autobiografie Trotzdem weiter. Ein jüdisch-deutsches Fazit veröffentlicht hat.
»Wer wie El Hissy den Hass, den jüdische Menschen in Deutschland ohnehin unentwegt erleben, weiter anfacht, hat nichts von der versöhnenden Kraft der Literatur verstanden«, beklagt Charlotte Knobloch.
»Wer wie El Hissy den Hass, den jüdische Menschen in Deutschland ohnehin unentwegt erleben, weiter anfacht, hat nichts von der versöhnenden Kraft der Literatur verstanden«, beklagt Knobloch. Dabei lasse sich über Israel und seine Politik natürlich streiten. Wer aber nicht streiten will, sondern bloß hasserfüllt und verzerrend urteilt, der verfolge eine fragwürdige politische Agenda – »und ist damit nicht geeignet, über den besten deutschsprachigen Roman des Jahres mitzuentscheiden«.
Ebenso deutlich konstatiert die in Berlin ansässige WerteInitiative. jüdisch-deutsche Positionen: »Dass der Börsenverein an dieser Personalie festhält, obwohl Maha El Hissy antisemitische Stereotype verbreitet, sendet ein denkbar falsches Signal zu einem denkbar falschen Zeitpunkt«, sagt Elio Adler, Vorsitzender der WerteInitiative. Der Deutsche Buchpreis entscheide mit darüber, welche Bücher, Stimmen und Perspektiven besondere gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten. Eine solche Personalie droht deshalb, eine sich selbst verstärkende und selbstbestätigende antizionistische Echokammer im Kulturbetrieb weiter zu verfestigen.
»Dass der Börsenverein an dieser Personalie festhält, obwohl El Hissy antisemitische Stereotype verbreitet, sendet ein denkbar falsches Signal.«
»Antizionismus und die Dämonisierung des jüdischen Staates sind längst nicht folgenlos«, so Adler weiter. »Sie werden als Legitimation für Diskriminierung, Ausgrenzung und handfeste Gewalt gegen Juden benutzt. Es ist unverantwortlich, an einer Personalie festzuhalten, die genau diese Legitimation liefert und im Kulturbetrieb weiter verankert.«
Scharfe Kritik kommt auch vom Antisemitismusbeauftragten Brandenburgs. »Ich will offen sagen, dass mich diese Debatte inzwischen nicht mehr nur beschäftigt, sondern ärgert – und zwar nicht deshalb, weil über Israel gestritten wird«, schreibt Andreas Büttner in einem Gastbeitrag für die Jüdische Allgemeine. »Die israelische Regierung muss man kritisieren können, auch scharf, auch in einer Sprache, die niemandem gefällt; das geschieht in Deutschland täglich, in Zeitungen, Talkshows und Parlamenten, und daran ist nichts auszusetzen. Darum geht es hier aber nicht.«
Von El Hissy benutzte Begriffe wie ethnische Säuberung und Völkermord kritisierten nicht mehr eine Regierung, eine Siedlungspolitik oder eine militärische Entscheidung, sondern stellten Israel kontrafaktisch unter Unrechtsverdacht. »Nach der Arbeitsdefinition der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) beginnt hier israelbezogener Antisemitismus. Das ändert sich nicht dadurch, dass die entsprechenden Sätze in akademischen Texten stehen und mit Fußnoten versehen sind. Antisemitismus wird nicht harmloser, weil er sich einer gebildeten Sprache bedient. Maha El Hissy ist deshalb denkbar ungeeignet für die Jury«, bilanziert der Antisemitismusbeauftragte.
Büttners Amtskollege aus Bayern, Ludwig Spaenle, schließt sich dieser Einschätzung an. »Maha El Hissy setzt in der Artikelserie ›Literature of Unsettlement‹ Israel über palästinensische Literatur und Erinnerungskultur einseitig ins Unrecht, erwähnt die Terrororganisation Hamas aber noch nicht einmal und die Rolle der arabischen Nachbarstaaten Israels kaum. In weitgehenden Behauptungen oder Auslassungen, gerade auch mit Blick auf den Kulturbereich, verbindet sie die Literatur immer wieder mit konkreten politischen Vorgängen. Eine derart holzschnittartige Verzeichnung kann man sich für die Beurteilung der für den Literaturpreis nominierten Texte keinesfalls wünschen«, so Spaenle.
»Erneut zeigt sich, dass Judenhass in großen Teilen der Kulturszene mit einer beängstigenden Ignoranz begegnet wird.«
Zuvor hatte bereits die Jüdische Gemeinde Frankfurt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels geübt, nachdem dieser bekannt gegeben hatte, trotz der israelfeindlichen und antisemitischen Ausfälle an der umstrittenen Literaturkritikerin Maha El Hissy für die Aufnahme in die Jury zum Deutschen Buchpreis 2026 festzuhalten . »Die kühle Mitteilung des Börsenvereins ist beschämend und ein verhängnisvoller Fehler«, erklärte Gemeindechef Benjamin Graumann im Gespräch mit dieser Zeitung.
Und weiter: »Erneut zeigt sich, dass Judenhass in großen Teilen der Kulturszene mit einer beängstigenden Ignoranz begegnet wird. Während jüdisches Leben in Deutschland massiv bedroht wird und gefährdet ist, sendet die Uneinsichtigkeit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ein fatales Signal aus, welches weit über Frankfurt hinauswirkt.«
Enttäuschend sei auch erneut, wie wenig Widerspruch und Kritik aus dem Kulturbereich selbst erfolgen, betonte Graumann. »Wer judenfeindliche Motive verbreitet, sollte nicht über die Vergabe des Deutschen Buchpreises entscheiden.« Dass dieser Satz derzeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist, müsse jeden Demokraten alarmieren.
Ausgangspunkt der Debatte ist ein Essay vom Vorsitzenden des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, der die Berufung El Hissys in die Jury des Deutschen Buchpreises kritisiert und sich dabei insbesondere auf die Textreihe »Literature of Unsettlement« der Literaturkritikerin bezogen hatte.
Darin erscheine »Israel ausschließlich als Täter«, so Neumann, der die Essays als »literarisch verpackten Antizionismus« und »poetischen Israelhass« bezeichnete. El Hissy scheue nicht einmal davor zurück, mit dem kontrafaktischen Vorwurf des Genozids und des Völkermords die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten.
Auch Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker hatte der Akademie Deutscher Buchpreis empfohlen, die Berufung des Jurymitglieds Maha El Hissy zurückzunehmen. Die Literaturkritikerin sei »eine Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype« und ihre Aufnahme in die Jury zum Deutschen Buchpreis 2026 »ein falsches Signal in schwieriger Zeit«, sagte Becker.
»Positionen, wie sie von Maha El Hissy öffentlich verbreitet werden, sind Teil der fatalen Entwicklung in Deutschland und Europa, wo jüdisches Leben inzwischen so bedroht ist wie noch nie seit der Schoa«, so der hessische Antisemitismusbeauftragte. »Daher empfehle ich der Akademie Deutscher Buchpreis die Rücknahme dieser Berufung.«
Mit dem renommierten Deutschen Buchpreis wird der beste deutschsprachige Roman ausgezeichnet.
Laut Becker überschreite El Hissy die Grenze zwischen legitimierter Kritik an Israel und der Verbreitung anti-israelischen Hasses. »Wer so grundhaft wie Maha El Hissy israelfeindliche Stereotype vom Siedlerkolonialismus über Apartheid und ethnische Säuberung bis zum angeblichen Völkermord verbreitet, der trägt zur Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas in Deutschland und zum Anwachsen des israelbezogenen Antisemitismus bei.«
Die Akademie des Deutschen Buchpreises ernennt jedes Jahr die Jury für den Deutschen Buchpreis und ist eine Gründung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der seinen Sitz in Frankfurt am Main hat. Mit dem renommierten Deutschen Buchpreis wird der beste deutschsprachige Roman ausgezeichnet. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. ja