Gesellschaft

Exodus der Ärzte

Das Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv Foto: picture alliance/dpa

1370 Ärzte haben in den vergangenen drei Jahren Israel verlassen. Das ist so viel wie die medizinische Belegschaft eines kompletten Krankenhauses. Die aktuelle Studie von Forschern der Tel Aviv Universität (TAU) zeigt einen Anstieg um fast 100 Prozent im Vergleich zum vorherigen Jahrzehnt.

Den Studienergebnissen zufolge verließen in den Jahren 2023–2025 rund 1370 Ärzte Israel für mindestens ein Jahr. Die Studie wurde von Itai Ater, Leiter des Economists for Democracy Forum, Nitai Bergman und Doron Zamir durchgeführt. Den Wissenschaftlern zufolge packten im Jahr 2023 416 Ärzte ihre Koffer, im darauffolgenden 530 und rund 419 im Jahr 2025. (Die Zahl für 2025 ist eine vorläufige Schätzung und steht noch nicht endgültig fest.) In den Jahren 2013–2015 hingegen kehrten lediglich 705 Ärzte ihrer Heimat den Rücken.

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Die auffälligsten Erkenntnisse der Studie seien das Alter und die Erfahrung der abwandernden Ärzte, so die Forscher: In den drei untersuchten Jahren verließen 281 Ärzte ab 45 Jahren Israel. Der Anstieg der Abwanderungsrate erfahrener Ärzte sei besonders besorgniserregend, da deren Weggang seltener auf Ausbildungs- und Weiterbildungsaufenthalte im Ausland zurückzuführen ist und sie seltener zurückkehrten.

Bei einigen Arztgruppen liegt Abwanderungsrate bei fast 10 Prozent

Die Studie ist detailliert und zeigt: 94 Kinderärzte (6,2 Prozent aller Kinderärzte in Israel), 81 Allgemeinmediziner (2 Prozent) und 72 Gynäkologen (4 Prozent) verließen das Land zwischen 2023 bis 2025. 51 Psychiater (3,2 Prozent) und 39 Intensiv- und Notfallmediziner (4,7 Prozent) zogen ebenfalls woanders hin.

Betrachtet man nur Ärzte unter 60 Jahren, sind die Abgangsraten in einigen Berufsgruppen sogar noch höher, zeigt die Untersuchung der TAU. Bei Augenärzten, Dermatologen und HNO-Ärzten unter 60 Jahren lag die Abgangsrate bei nahezu zehn Prozent, bei Chirurgen unter 60 Jahren erreichte sie 8,8 Prozent.

Der Bezirk Tel Aviv führte die Liste mit 429 Ärzten an, es folgte das Gebiet im Zentrum, Gusch Dan, mit 290, Haifa mit 190, Jerusalem mit 132 und der Süden des Landes mit 125 Ärzten.

Itai Ater: »Seit 2023 verliert der Staat Israel seine besten Fachkräfte.«

Besonders besorgniserregend sei laut den Forschern: Selbst nach Abzug der Rückkehr israelischer Ärzte bestand immer noch ein deutlicher Ärzteverlust. Zwischen 2023 und 2024 verlor Israel demzufolge 509 Ärzte netto, also pro Jahr knapp 255. Zum Vergleich gingen im Jahrzehnt von 2010 bis 2019 lediglich 54 Ärzte pro Jahr endgültig. Somit ist die Nettoverlustrate in den letzten Jahren fast fünfmal so hoch.

Laut den Forschern könnte die zunehmende Abwanderung von Ärzten, insbesondere erfahrenen Medizinern, nicht nur den Umfang der medizinischen Versorgung, sondern auch deren Qualität und die Ausbildung der nächsten Medizinergeneration beeinträchtigen. Die Gefahr liege ihrer Ansicht nach nicht nur in der Anzahl der bereits abgewanderten Ärzte, sondern auch in der Möglichkeit, dass sich dieser Trend fortsetzt und in den kommenden Jahren sogar noch verschärfen könnte

Es sei dringend notwendig, frühzeitig gegen die Faktoren vorzugehen, die die Abwanderung begünstigen, warnen sie. Es müssten Bedingungen geschaffen werden, die dazu beitragen, wichtige medizinische Fachkräfte in Israel zu halten.

»Seit 2023 verliert der Staat Israel seine besten Fachkräfte«, fasst Ater zusammen. »Wir alle haben Angehörige, die auf eine Operation oder andere medizinische Behandlung warten. Der Weggang von fast 1400 Ärzten führt direkt zu längeren Wartezeiten, weniger effektiver medizinischer Versorgung und letztendlich zu einer gravierenden Beeinträchtigung unserer Lebensqualität.«

Auslandsaufenthalt bedeutet jedoch nicht immer Auswanderung

Das Forschungsteam betont jedoch, dass ein einjähriger Aufenthalt eines Arztes außerhalb Israels nicht zwangsläufig eine dauerhafte Auswanderung bedeutet. Viele Ärzte würden sich länger im Ausland aushalten, beispielsweise für Fortbildungen oder Forschungsprojekte, und einige kehren voraussichtlich nach Israel zurück.

Doch einige von ihnen verlassen Israel tatsächlich dauerhaft, und für andere könnte ein ursprünglich als vorübergehend geplanter Aufenthalt zu einer Entscheidung für einen dauerhaften Verbleib im Ausland führen.

»Sollte sich dieser Trend fortsetzen«, so Alter, »wächst die Sorge um einen irreparablen Schaden für Israels Widerstandsfähigkeit«.

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