Am Schultor wartet der Direktor, er wirkt etwas nervös. Eingeladen hatte mich ein Lehrer für das Fach Ethik. Er sorgt sich um die Zunahme antisemitischer Einstellungen in den Schulklassen, besonders seit dem 7. Oktober 2023. Als Psychologe und Experte für De-Radikalisierung, und auch als palästinensischer Israeli, soll ich hier Rede und Antwort stehen. Beim kurzen Gespräch bei einer Tasse Kaffee versichert der Schulleiter gleich: »Mit Antisemitismus haben wir hier an sich kein Problem.« Der Ethiklehrer, mit dem ich den Besuch vorbereitet habe, wechselt rasch das Thema: »Dann gehen wir jetzt einmal zur Aula, Herr Mansour!«
Auf dem Weg zur Diskussion ahne ich bereits, welcher der beiden Pädagogen wohl näher an der Realität liegt. Man wird hellhörig durch häufiges Arbeiten an Schulen. Seit vielen Jahren, erst recht seit dem 7. Oktober, erreichen uns ratlose bis verzweifelte Anfragen von Lehrkräften. Sie melden sich bei MIND, meiner Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention, und schildern die antisemitischen Aussagen, die sie von jungen Menschen hören.
Ein Lehrer schrieb, Schüler hätten das Massaker beim Nova-Musikfestival gerechtfertigt: Dass halbnackte Leute, darunter auch Lesben und Schwule, unweit der Grenze zu Gaza getanzt haben, sei schließlich eine Provokation. Es geschah denen doch recht, fanden die Schüler des entsetzten Lehrers. Jetzt, nach dem Attentat beim Christopher Street Day am 25. Juli in Berlin, fühle ich mich an solche Aussagen erinnert, bei denen Antisemitismus und Homophobie mit Islamismus zusammenwirken.
Viele Lehrkräfte erklären inzwischen, Diskussionen über den Nahen Osten seien seit dem 7. Oktober kaum noch möglich. Der Unterricht über NS-Verbrechen und Erinnerungskultur sei schwer belastet, aufgeladen mit Affekten. Schüler verweigern passiv die Mitarbeit, sie schweigen, geben sich aggressiv und beleidigt. Manche sehen bei dem Thema einander vielsagend an, einige grinsen sogar, wenn von Konzentrationslagern die Rede ist.
An der Schule (der Name der Schule ist der Redaktion bekannt) soll ich, wie in vielen Dutzend Fällen zuvor, helfen, die Sprachlosigkeit zu überwinden und einen neuen Raum zu schaffen, in dem Gespräche möglich sind. Nach der Begrüßung des Referenten und der großen Gruppe durch den Schulleiter greife ich zum Mikrofon. Vor mir sitzen mehr als 300 Heranwachsende, ein Spiegel der Gesellschaft. Mädchen mit und ohne Kopftuch, Jungen mit und ohne eingewanderte Eltern, Muslime, Christen, Atheisten. Linke, Rechte und Unpolitische. Alle wissen nicht so recht, was sie erwartet. Sie wirken skeptisch bis gespannt. Zuhören, das hat der Direktor angeordnet. Muss wohl sein.
Die Schüler erfahren, dass es in Gaza auch muslimische Geiseln gab.
Als Erstes stelle ich klar: Ich bin palästinensischer Araber und komme aus Israel. Schon das verblüfft viele. Ich erzähle von meiner Herkunftsfamilie. Die Schüler erfahren, dass mein Großvater 1948 gegen den gerade neu gegründeten Staat Israel gekämpft hat, dessen Bürger er wenig später wurde. Ich erzähle davon, wie mein Vater als Kind den Krieg erlebt hat, wie unsere Familie bei der Staatsgründung auseinandergerissen wurde. Ein Teil lebte, wie meine Eltern und ich, im Kernland von Israel, ein Teil im Westjordanland und in Jordanien.
Narben wirken nach, auch das sage ich. Und ich berichte, wie fast jeder von uns mit dem Hass auf Juden aufgewachsen ist, auch ich selbst. Ich erzähle, dass ich radikalisiert wurde. Als ich 13 Jahre alt war und in der arabischen Schule in der Nähe von Tel Aviv gemobbt wurde, erkannte ein Imam: Der Junge hat ein Bedürfnis nach Rückhalt. Ich schildere, wie der Imam mich und andere manipulierte, wie er Islamisten aus uns machte. Unser Hass auf Juden bekam eine religiöse Dimension. Wir würden Juden verjagen und Al-Andalus zurückerobern. Das fühlte sich toll an, groß und stark. Und wir hatten die Illusion, Allah wäre auf unserer Seite.
Gebannt hören die Schüler und Schülerinnen im Saal zu. Viele erleben zum ersten Mal, dass jemand derart offen spricht. Dann erzähle ich, warum ich mich verändert habe – warum ich heute hier stehe. Dass ich in Tel Aviv studiert, jüdische Lehrende und Gleichaltrige kennengelernt, Freundschaften geschlossen, Denken, Fragen und Kritikfähigkeit gelernt habe. Die radikale Ideologie habe ich abgelegt wie alte Kleidung.
»Unglaublich«, scheinen die großen Augen der Gruppe zu sagen, in denen man buchstäblich Fragezeichen sieht. Ich erzähle, wie ich zum Beenden des Studiums nach Deutschland ging, nachdem ich die Schrecken der Zweiten Intifada durchmachen musste. Das Fazit aus meiner Geschichte: Heute engagiere ich mich in Deutschland gegen Antisemitismus, als Muslim, Araber, deutscher Israeli und Palästinenser. Nach dem 7. Oktober unterstütze ich Israel, wo immer ich bin, im Kampf gegen den Terror.
Ich erzähle jungen Menschen, wie dieser Tag auf Israelis gewirkt hat, welche unerträglichen Ängste er ausgelöst hat, wie viel Trauer und Trauma. Und dass nicht nur Juden bei dem Massaker der Hamas ermordet wurden, sondern auch Araber – wie die Beduinin, die ihr Baby im Arm hielt. Die Schüler erfahren, dass es in Gaza muslimische Geiseln gab, dass sich Holocaust-Überlebende an dem Tag des Grauens in engen Räumen und Schränken vor mordenden Terroristen verstecken mussten. Ich hoffe, dass die Schüler und Schülerinnen wenigstens ansatzweise erahnen können, was das bedeutet.
Nach dem Vortrag danke ich allen im Saal für die Aufmerksamkeit und sage: »Ich bin nicht mit der absoluten Wahrheit zu euch gekommen, sondern mit meiner Erfahrung. Jetzt seid ihr an der Reihe. Fragt mich alles, was ihr möchtet!« Applaus. Dann melden sie sich, erst wenige, dann immer mehr. Der Schulleiter vorn in der ersten Reihe wirkt noch nervöser als zu Beginn der Veranstaltung. Mir kommt es so vor, als hätte er Angst, die Schüler könnten »etwas Falsches« sagen.
Häufig kommt als Erstes die Frage: »Warum sind Personenschützer im Raum?« Ich erkläre, dass islamistische Fanatiker, Extremisten mich bedrohen, und dass der deutsche Staat für meinen Schutz sorgt. Ein Junge, Ali, fragt: Was heißt eigentlich »arabischer Israeli«? Warum bezeichne ich mich nicht wie mein Vater und mein Großvater als Palästinenser? Ich erkläre, dass in Israel Menschen vieler Herkunft leben, dass israelische Araber Parteien gründen können, dass sie Wahlrecht und Sitze in der Knesset haben. Das erstaunt viele, die in ihrem Umfeld von »Apartheid« hören, von komplett rechtlosen Nichtjuden in Israel.
Oft höre ich auch: »Was? Sie durften in Israel zur Schule gehen? Studieren?« Die Schülerin Lina, die von mir etwas zur »Apartheid in Israel« wissen will, verschränkt die Arme. Sie muss erst einmal fassen, dass ich das nicht bestätigen kann. Die Unkenntnis kennt häufig keine Grenzen, Verzerrungen und Vorurteile finden sich überall. Vor dem 7. Oktober gehörte die Frage nach »reichen Juden« zu den ersten. »Voll unfair, dass Juden in Deutschland keine Steuern zahlen! Warum ist das so?« Doch, kläre ich auf, alle zahlen hier Steuern, auch Juden. »Krass, was den Juden alles gehört, Aldi, Lidl, Media Markt, Saturn, die BILD-Zeitung, echt alles!« Nein, kläre ich auf. Informiert euch besser, recherchiert, fragt nach.
Viele wollen von mir wissen: »Was sagen denn Ihre Eltern zu Ihrer Meinung? Sprechen die noch mit Ihnen?« Ab und zu, erzähle ich, sie denken anders als ich, sie haben viele alte Vorurteile. »Aber wir reden, und ich liebe meine Familie, auch wenn wir andere Ansichten haben.«
Eine 17-Jährige mit Kopftuch, Nawal, die seit der frühen Kindheit in Deutschland lebt, liest ihre Frage vom Handy ab: »Wie können Sie Israel unterstützen, obwohl die Vereinten Nationen, Amnesty International und andere dem Land einen Genozid vorwerfen?« Ich erkläre das Kalkül der Hamas. Die Terrororganisation wollte, dass nach dem Massaker so viele Opfer wie möglich in Gaza gezählt würden. Sie wusste, dass Israel sich wehren musste. Sie versteckte Munition und Geschütze in tiefen Tunneln unter Kindergärten und Kliniken. Sie benutzte Zivilisten als Schutzschilde, Frauen und Kinder.
Die israelische Armee hatte kaum eine Chance, die Hamas ohne zivile Opfer zu bekämpfen. Vereinzelt kam es auch zu schlimmen Übergriffen aufgrund von Panik und Wut. Von Genozid könne man sprechen, wenn ein Gericht darüber geurteilt hätte. Dies sei nach meinem Eindruck kaum möglich. Und ich betone: Natürlich dürfe man Empathie und Mitgefühl für die jüdischen Opfer haben und gleichzeitig die unbeteiligten Opfer in Gaza sehen und mit ihnen mitfühlen.
Aufgewühlt erzählt der Schüler Hassan, das Haus seines Onkels im Südlibanon sei von israelischen Kampfflugzeugen komplett zerstört worden. Ich gebe zu verstehen, dass ich seine Gefühle sehr gut nachvollziehen kann, dass es aber auch notwendig ist, sich über die Hisbollah und den Iran zu informieren. Mir ist wichtig, jedem Menschen und seinen Fragen mit Empathie zu begegnen, auch dann, wenn ich die Dinge völlig anderes sehe.
Ein Gespräch hat begonnen. Statt der geplanten zwei Stunden dauert es drei.
Max will wissen: »Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Widerstand und Terror?« Schließlich habe es ja auch jüdische Gruppierungen gegeben, die während der britischen Mandatszeit Anschläge verübt hatten. Eine sehr gute Frage, finde ich, differenziere, so gut es auf die Schnelle geht, zwischen den Taten und Zeiten, und empfehle, die Geschichte des Nahen Ostens nachzulesen. Ein Schüler fragt: »Wenn es Israel nur um die Hamas geht, warum werden Palästinenser im Westjordanland angegriffen, wo die Hamas gar nicht herrscht?« So gut ich kann, erkläre ich die komplizierte Lage dort, wo oft beide Seiten fanatisch sind und die aktuelle Regierung nicht konstruktiv genug handelt, weil sie sich abhängig von sehr nationalistischen Koalitionspartnern sieht. Wieder staunen einige, dass ich in manchen Punkten Kritik übe.
Das Gute, das Überwältigende: Es geschieht ein Vulkanausbruch an Fragen und Kritik. Ein Gespräch hat begonnen. Statt der geplanten zwei Stunden dauert es drei und könnte noch lange weitergehen. Doch der Schulleiter erinnert daran, dass nun alle in den Unterricht müssen. Einige drängen sich dann doch noch zu mir, Fragen über Fragen prasseln auf mich ein. Und ja, manche wollen einfach ein Selfie mit mir machen.
Etwas von alldem macht mich glücklich, trotz der schwierigen Themen, der vielen Fehlinformationen, der ungelösten Fragen. An dieser Schule konnte zum ersten Mal seit drei Jahren über diese Themen gesprochen werden. Jedes Mal bin ich dankbar für eine solche Erfahrung. Dringend notwendig ist es, dass möglichst alle Schulen im Land solche Gespräche initiieren, Tabus brechen, Redner einladen, Diskussionen erlauben.
In Deutschland scheint es oft doppelte und dreifache Tabus zu geben, was den Nahen Osten angeht. Historische Last und Schuldgefühle führen einerseits zu Schweigen und Beklemmung. Das trägt zur Vermeidung des Themas Nahost bei, auch an Schulen. Auf der anderen Seite gibt es eine deutsche Suche nach Entlastung von Schuld, wenn Israel vorgeworfen wird, der Staat würde gegen Terror »mit Nazimethoden« vorgehen. Das trägt dazu bei, antisemitische Vorurteile zu verfestigen, auch und gerade in migrantischen Milieus. Beide Ansätze sind falsch, weil fern von Fakten und Realität.
Lehrerinnen und Lehrer müssen allerdings weder Islam- noch Nahostexperten sein. Sie sollten vielmehr Räume für den Dialog öffnen, zuhören, sich informieren und zum Informieren ermutigen. Schulen müssen das Gefühl vermitteln: Hier können wir über alles sprechen! Selbstverständlich sollen Grenzen gesetzt werden, wenn es um Hassrede, Fanatismus oder Aufrufen zur Gewalt geht. Schule braucht auch Widerspruch, Kritik und Haltung. Doch nur so funktioniert Lernen. Durch das Vermitteln von Werten. Nicht durch Schweigen. Am Anfang war das Wort. Das gilt gerade auch hier.