Manchmal ist eine Berufung mehr, als nur eine redaktionelle Randnotiz. Mehr als nur eine Personalie. Sondern eine Botschaft. Wie im Fall der Berufung der Literaturkritikerin Maha El Hissy in die Jury des Deutschen Buchpreises 2026. Diese Jury ist wohlgemerkt viel mehr als ein bloßes Fegefeuer der üblichen Feuilleton-Eitelkeiten. Schließlich entscheidet sie über den bedeutendsten deutschsprachigen Roman des Jahres.
Der Deutsche Buchpreis ist das Prestigeprojekt des Literaturbetriebs hierzulande. Er schafft Aufmerksamkeit, Anerkennung, Auflage und kulturelle Autorität. Wer in seiner Jury sitzt, urteilt nicht nur über Literatur. Er bestimmt, was der deutsche Literaturbetrieb für preiswürdig, relevant und kulturell maßgeblich hält.
Kritik an der israelischen Regierung ist ebenso legitim wie notwendig. Hier geht es um etwas anderes.
Und genau deshalb ist die Berufung Maha El Hissys nicht nur bemerkenswert. Sondern ein Warnsignal für den moralischen und politischen Kompass des deutschen Literaturbetriebs. Um direkt klarzustellen: Nicht, weil sie scharfe Kritik an Israels Politik übt. Das tut der Autor dieser Zeilen ebenso wie das Medium, in dem dieser Text erscheint. Kritik an der israelischen Regierung ist ebenso legitim wie notwendig und findet auch - ohne das dies skandalisiert werden würde - in Deutschland Hundertfach statt, mal mit guten, mal weniger guten Gründen. Im Grunde ist es banal: Der jüdische Staat sollte nicht anders bewertet und behandelt werden wie jedes andere Land dieser Erde auch.
Auch und gerade polarisiert und hoch emotional geführte Debatten müssen in einer offenen Gesellschaft möglich sein. Für die Literatur gilt das erst Recht. Sie darf verstören, widersprechen, mitunter sogar verletzen. Sie darf berühren, aufwühlen, erschüttern. Sie darf Geschichten erzählen, die erzählt werden wollen, sollen, ja vielleicht sogar erzählt werden müssen. Sie kann Menschen zum Sprechen bringen, deren Stimmen sonst kaum gehört werden, und sichtbar machen, was sonst unsichtbar bleiben würde. Das ist nicht nur legitim. Es ist wichtig. Ja sogar unverzichtbar.
Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten.
»Problematisch« (um das Lieblingsvokabular der postmodernen und postkolonialen Kulturwissenschaften zu bemühen) wird es jedoch dort, wo Literatur und Literaturkritik nicht mehr nur eine bestimmte Perspektive sichtbar macht, sondern die Wirklichkeit so unnachgiebig in ein politisches Korsett zwingt, dass aus der Erzählung Ideologie wird. Und aus Empathie eine massive Anklage. Wo das literarische Florett also nicht mehr dazu dient, die Wirklichkeit zu durchdringen und ihre Widersprüche offenzulegen, nicht mehr dazu dient Ideologie zu sezieren und Ambivalenzen zu skizzieren, sondern zu einer Streitaxt in einem politischen Kampf wird.
Wer Maha El Hissys Essayreihe »Literature of Unsettlement« in der Berlin Review liest, muss leider genau diesen Eindruck gewinnen. Schon in der Einleitung erscheint Israel ausschließlich als Täter. Da ist vom »Siedlerkolonialismus« die Rede, von »Militärbesatzung, Vertreibung, Landnahme«, von »Apartheid«, »ethnischer Säuberung«, der »Nakba« und immer wieder von »Völkermord«, der wohl populärsten antisemitischen Ritaulmordlegende unserer Gegenwart.
Klar ist: Diese Darstellung ist keine objektive Erzählung. Keine historisch belastbare Darstellung. Und keine juristisch fundierte Analyse. Sie ist literarisch verpackter Antizionismus. Poetischer Israelhass. Und damit eine politische Anklage. Sicher: Man darf sie formulieren. Man darf sie sogar literarisch ausschmücken. Und strafbar ist es in Deutschland auch nicht. Aber man sollte nicht so tun, als handele es sich lediglich um die unschuldige Sichtbarmachung einer verschwiegenen Perspektive.
Denn interessant ist nicht nur, was El Hissy erzählt. Interessant ist auch, was in dieser Erzählung nahezu vollständig verschwindet.
Das Massaker von Hebron 1929. Die Kollaboration des Führers der palästinensischen Araber, Al Husseini, mit den Nazis. Die Vernichtungskriege der Araber gegen den Judenstaat. Die unverarbeitete Schmach darüber, dass ausgerechnet der in der Entstehung befindliche Judenstaat, und damit das kleinste, schwächste und »erbärmlichste« Volk der Erde, die angreifenden arabischen Nationen wieder und wieder besiegte. Besiegen musste, weil es von ihnen angegriffen und mit dem Tode bedroht wurde. Die jahrzehntelange Entscheidung der palästinensischen Führung für Terror, Krieg und Ablehnung einer staatlichen jüdischen Existenz. Die Indoktrinierung ganzer Generationen mit der Idee eines kollektiven Rückkehrrechts und eines palästinensischen Staates an der Stelle Israels. Die Verantwortung der Hamas dafür, Gaza zu einer militärischen Operationsbasis und die Bevölkerung zu einem Teil der Kriegsstrategie gemacht zu haben.
Und weiter: Die Geschichte gescheiterter Teilungs- und Friedensangebote, die konsequent abgelehnt wurden. Die Vertreibung der Juden aus der arabischen Welt. Die konsequente Schuldverlagerung und Opfererzählung der palästinensischen Araber. Und die Frage, ob Palästinenser nicht nur als Objekt fremden Handelns betrachtet werden können, sondern auch Subjekte mit eigener politischer Verantwortung sein könnten. Subjekte, deren Handeln Konsequenzen hat. Die Entscheidungen treffen und über ihre Gegenwart und Zukunft entscheiden. Mit anderen Worten: Von Eigenverantwortung und Selbstkritik ist nichts zu lesen.
Stattdessen wird uns jene klassische postkoloniale Rollenverteilung serviert, die inzwischen weite Teile des progressiven Kulturbetriebs beherrscht: Hier die Kolonisatoren, dort die Kolonisierten. Hier Unterdrücker, dort Unterdrückte. Hier Privilegierte, dort Marginalisierte. Hier Macht, dort Ohnmacht. Hier Täter, dort Opfer. Hier Weiße, dort People of Colour. Hier Israel, dort »Palästina«. Es ist postkoloniale Ideologie in literarischer Form. Kritische Theorie in poetischer Verpackung. Antizionismus (und also genauer: klassischer Antisemitismus) im Gewand kultureller Sensibilität.
Besonders aufschlussreich ist dabei El Hissys Umgang mit zwei im März 2025 getöteten palästinensischen Journalisten, Mohammed Mansour und Hossam Shabat. Ihr Essay beginnt mit deren Tod und stellt ihn unmittelbar in einen Zusammenhang mit der angeblichen gezielten Tötung von Journalisten und Schriftstellern. Dabei gab es hinsichtlich Shabats den Nachweis der israelischen Streitkräfte, dass er sei zugleich Mitglied der palästinensischen Terrororganisation Hamas und als Scharfschütze tätig gewesen ist.
Mansour wiederum arbeitete für Palestine Today TV, das CPJ selbst als »pro-Islamischer-Dschihad ausgerichteten Sender« bezeichnet. Das beweist nicht zwangsläufig, dass ihre Tötung rechtmäßig war. Aber es gehört zu einer redlichen Darstellung der Kontroverse. Bei El Hissy allerdings fehlt diese Ambivalenz. Sie muss fehlen. Denn Ambivalenz stört das sorgfältig gepflegte Weltbild, die gut geölte Ideologie, das stilistisch raffinierte israelfeindliche Narrativ vom blindwütig, willkürlich tötenden Juden.
Dabei spannt sie die Geschichte Israels geschickt in das koloniale Deutungsmuster ein. Sie beschwört »vorkoloniale Zeiten«, die durch Kunst wiederaufleben könnten, und von Geschichten derjenigen, »die das Land schon lange kennen und denen es am ehesten gehört«. Man muss kein ausgewiesener Historiker sein, um zu erkennen, wie viel Geschichte in dieser scheinbar poetischen Formulierung verschwindet. Denn was genau soll die »vorkoloniale« Epoche Palästinas sein? Wann begann sie und wer hat sie geprägt? Bei den beiden jüdischen Königreichen, die zu biblischer Zeit auf diesem Gebiet existierten? Bei der römischen Fremdherrschaft? Den arabisch-muslimischen Eroberungen durch Mohammed und seine Nachfolger? Den christlichen Kreuzfahrern? Die Mamluken? Dem osmanischen Reich? Dem britischen Mandat? Es kann, ja es darf keine Rolle spielen, weil Geschichte - und nicht Geschichten - den verklärenden Erzählnebel lichten würde.
Mit anderen Worten: Die postkoloniale Matrix funktioniert hier nur, wenn jüdische Geschichte verkürzt oder ausgelöscht wird. Aus einem Volk mit einer dreitausendjährigen unauflöslichen Verbindung an dieses Land werden »Siedlerkolonialisten«. Aus dem Zionismus, einer wahrhaft antikolonialen Bewegung zur Erlangung nationaler Freiheit und Souveränität eines über Jahrhunderte verfolgten und schließlich industriell ermordeten Volkes, wird ein koloniales und imperialistisches Unternehmen. Und aus dem arabisch-israelischen Konflikt wird ein moralisches Drama zwischen völkermordenden Weißen hier und sprachlosen indigenen Opfern dort.
Mit wenigen Worten wird eine komplexe Geschichte zur Eindeutigkeit verdammt. Mit literarischer Wucht wird Auslassung zur treibenden Kraft. Mit emotionaler Kraft wird eine antizionistische (auch hier, genauer: klassisch antisemitische) Ideologie zu einem wohlformulierten Aufschrei der vermeintlich Machtlosen. Dass mehr als die Hälfte der israelischen Juden familiäre Wurzeln im Nahen Osten und Nordafrika hat und als »«nicht weiß gelesen» respektive «schwarz gelesen» werden passt schlecht in dieses Schema.
Der Fall Maha El Hissy: Warum müssen es wieder die Juden selbst sein, die das selbstverständliche aufschreiben und öffentlich machen?
Dass Hunderttausende Juden aus arabischen und muslimischen Ländern vertrieben wurden oder fliehen mussten, ebenfalls. Dass Juden niemals ein kolonialistisches Mutterland besaßen, in dessen Auftrag sie ihre imperialen Ambitionen hätten verwirklichen können, schon gar nicht. Dass Israel ein antikoloniales Projekt ist ebenso. Aber wen interessiert das überhaupt noch? Solange die gängige Erzählung längst eine breite kulturelle Anschlussfähigkeit erreicht hat.
Doch gerade darin liegt das eigentliche Problem der Berufung El Hissys. Denn spätestens seit dem 7. Oktober ist sie unübersehbar: eine eigentümliche und verstörende Verschiebung. Begriffe, die Israel nicht mehr kritisieren, sondern moralisch totalisieren, dämonisieren, delegitimieren - Genozid, Apartheid, Siedlerkolonialismus, ethnische Säuberung -, haben sich tief in den akademischen und kulturellen Mainstream hineingefressen. Sie haben eine kulturelle Hegemonie erzeugt, die längst den politischen Betrieb erfasst hat.
Was gestern noch als radikale politische Parole galt, die vor allem in linksextremen, islamistischen und damit antizionistischen Milieus beheimatet war, hat sich inzwischen zu einem selbstverständlichen Vokabular von Teilen des Wissenschafts- und Kulturbetriebs entwickelt. Es ist ein kultureller Code, der sich in Universitäten ebenso findet, wie im Theaterbetrieb. In der Kunst ebenso wie in der Musikszene. In der intellektuellen Oberschicht und in den Tiefen extremer Geister.
El Hissy verwendet dieses Vokabular weder beiläufig noch zufällig. In ihrem Essay wird der «Genozid» zur unanfechtbaren Tatsachenbeschreibung. Sie beklagt, akademische Institutionen würden über den «Völkermord» schweigen, und erklärt das Weitersprechen darüber sogar zum Bestandteil eines antifaschistischen Kampfes. Später heißt es erneut, palästinensische Literatur entstehe «unter den Bedingungen eines Völkermords», während eine «ethnische Säuberung» von offizieller israelischer Seite geplant werde. Niemand verbietet ihr, das zu schreiben. Aber sie muss sich gefallen lassen, dass diese Begriffe nicht als neutrale literaturwissenschaftliche Umschreibungen behandelt werden, sondern als das, was sie sind: hochpolitische, antizionistische, antisemitische Anklagen gegen den jüdischen Staat.
Und genau hier bleibt es nicht bei einer abstrakten Debatte über die Grenzen literarischer Freiheit, der Publikationsmöglichkeiten aktivistischer Schriften oder der Demarkationslinie zwischen Wort und Tat. Nein. Genau hier berührt die Angelegenheit unmittelbar die Lage von Juden in Deutschland. Denn Ideen haben Macht. Worte haben Einfluss. Und der Hass bleibt auch dann Hass, wenn er sich nicht in alltäglicher Gewalt manifestiert, sondern in Buchstaben, Worten, Sätzen und Beiträgen seinen Ausdruck findet, die unter dem Label literarischer Notwehr einen umfassenden Angriff darstellen.
Die Vorstellung vom jüdischen Staat als kolonialem, genozidalen, apartheidartigen Unrechtsprojekt hat Konsequenzen. Wer Israel nicht mehr als einen Staat betrachtet, der falsche oder sogar verwerfliche Entscheidungen treffen kann, sondern als Verbrechen an sich, verschiebt zwangsläufig auch die Frage nach seiner Existenzberechtigung. Und wenn das Problem nicht israelische Politik ist, sondern Israel selbst - seine Gründung, seine Existenz, seine jüdische Staatlichkeit -, dann lautet die logische Konsequenz: Dieses Israel muss verschwinden. Und hier wird der Antizionismus (auch hier, also genauer: klassischer Antisemitismus) für Juden existenziell.
Jedes Volk hat das Recht auf Selbstbestimmung. Dieses Recht aber spricht die antizionistische Literaturkritikerin dem jüdischen Volk ab.
Denn ein abstraktes Israel gibt es nicht. Dort leben Millionen Juden. Es ist der einzige Ort weltweit, in dem Juden kollektive und nationale Selbstbestimmung verwirklichen können. Die einseitige, antikoloniale, antizionistische Dämonisierungsrhetorik Israels schafft damit das Fundament, auf dem der Judenhass weltweit gedeiht. Die Auswüchse dieser harmlos daherkommenden «Palästina»-freundlichen Anti-Israel Prosa sind unübersehbar. Öffentliche Aufrufe zur Beseitigung des Zionismus, der Ruf nach einer globalen Intifada und die verklausulierte Forderung zur Dekolonisierung des Judenstaates. Sie alle bleiben nicht folgenlos. Denn wenn Israel als das ultimative Böse beschrieben wird und der Judenhass gleichzeitig explodiert, dann ist es geradezu fahrlässig, so zu tun, als hätten diese Dinge nichts miteinander zu tun.
Klar ist nämlich: Man kann nicht Tag für Tag Öl in ein Feuer gießen und sich anschließend wundern, warum der Brand sich ausweitet. Man kann den antizionistischen Wind nicht permanent anfachen und dann behaupten, dass es nur darum ginge, den Machtlosen eine Stimme zu geben. Und man kann keine essayistischen Brandbomben produzieren und dann erstaunt sein, wenn der Brand außer Kontrolle gerät.
Oder besser gesagt: Man kann schon. Aber eigentlich sollte die Gesellschaft sich schützend vor die stellen, die von dem Brand bedroht werden. Sollte Grenzen setzen, um politisch-ideologischen Aktivismus gegen Israel nicht zu einer Gefährdung der Juden in Deutschland werden zu lassen. Sollte Brandmauern errichten, um dem antizionistischen Furor Einhalt zu gebieten. Selbst wenn er in scheinbar harmlosem Gewand erscheint.
Denn Fakt ist: Die Hitze dieses Feuers können Juden in Deutschland längst nicht mehr nur erahnen. Viele spüren sie. An Universitäten. Auf der Straße. In Schulen. In Kulturbetrieben. In sozialen Netzwerken. Vor den Türen jüdischer Einrichtungen, vor denen Polizisten stehen und die zunehmend militärischem Sperrgebiet ähneln. Und in den neu entstehenden, wieder entstehenden sozialen Ghettos, die zu Schutzräumen vor der sengenden Hitze und dem lodernden Hass werden.
Was würde passieren, wenn man einen intellektuell versierten Rechtsextremen in die Jury berufen hätte? Götz Kubitschek etwa. Der kollektive Aufschrei wäre ohrenbetäubend. Zu Recht!
Ausgerechnet in dieser Situation wird eine Vertreterin eines radikal einseitigen, postkolonialen, antizionistischen, Anti-Israel-Narrativs in die Jury des prominentesten deutschen Literaturpreises berufen. Ein Literaturkritikerin, die die jahrtausendealte judenfeindliche Ritualmordlegende, wonach die Juden die Nichtjuden vernichten wollen, in einer postkolonialistischen Verpackung präsentiert und nun der Heimstatt von Millionen von Juden, Israel, kontrafaktisch einen Genozid unterstellt.
Gerade diese Position, diese Perspektive, diese ideologische Grundierung im gegenwärtigen deutschen Kulturbetrieb gilt als besonderer Ausweis von Progressivität, Mut und moralischer Sensibilität. Intellektuelle wie Maha El Hissy dürfen nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer progressiv-postkolonial-antizionistischen Agenda eine prominente Rolle einnehmen - ein weiteres Symptom einer tektonisch-kulturellen Verschiebung, die schon bei der Dokumenta 15 oder der Berlinale sichtbar wurden. Erzählungen, die Israel dämonisieren und seine Geschichte in das schlichte Täter-Opfer-Schema des Postkolonialismus pressen, werden nicht trotz ihrer Einseitigkeit gesellschaftlich aufgewertet, sondern gerade wegen ihr.
Was würde wohl passieren, wenn man einen intellektuell versierten Rechtsextremen in die Jury berufen hätte? Götz Kubitschek etwa. Der kollektive Aufschrei von Literatur- und Kulturbetrieb wäre ohrenbetäubend. Zu Recht! Warum aber bleibt es bei den bösartigen und geschichtsrevisionistischen Äußerungen von Maha El Hissy still?
Warum müssen es wieder die Juden selbst sein, die das selbstverständliche aufschreiben und öffentlich machen? Warum muss es wieder ein jüdisches Medium sein, das transparent macht, dass Maha El Hissys Argumentation sich nicht nur erstaunlich geschmeidig mit altbekannten judenfeindlichen Denktraditionen verbindet, sondern dass das deutsche Feuilleton ausgerechnet dort, wo es sich seit Jahrzehnten von den geistigen Traditionen seiner Vorväter emanzipiert wähnt, erstaunlich tief in ihnen steckengeblieben ist?
Manchmal ist eine Berufung eine Botschaft. Und die Reaktion der Gesellschaft noch viel mehr. Und das ist wahrlich keine gute Botschaft.
Der Autor ist Publizist, Jurist und Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland.