Seit fast einer Woche finden in Venedig die 83. Internationalen Filmfestspiele statt. Das israelische Kino ist in diesem Jahr komplett abwesend. Von einem Boykott kann allerdings keine Rede sein, betonte Festivalleiter Alberto Barbera zum Auftakt im Gespräch mit der Presse. »Wir haben keine Vorbehalte gegenüber irgendwem auf der Welt«, zitiert ihn das Branchenblatt »Variety«. »Hätte es einen guten russischen Film gegeben, der in unser Programm gepasst hätte, dann hätten wir ihn gezeigt. Und einen israelischen von überzeugender Qualität ebenso.«
Ein Regisseur aus Israel ist immerhin präsent auf dem Lido, und zwar Amos Gitai, der im Oktober seinen 76. Geburtstag feiert und inzwischen seit bald 50 Jahren hinter der Kamera steht. Er präsentierte außer Konkurrenz seinen neuen, überwiegend aus Frankreich finanzierten Dokumentarfilm.
In The Road to Jericho richtet er seinen Blick auf die im Westjordanland lebenden Beduinen, vor allem auf das palästinensische Dorf Khan al-Ahmar und dessen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gitai beschreibt seine poetische Film-Collage als Metapher, in der die Erinnerung an Yitzhak Rabin und dessen Hoffnungen auf ein friedliches Miteinander widerhallen. Sie besteht aus Aufnahmen der vergangenen 40 Jahre, zu Wort kommen darin neben Rabin und Schimon Peres auch Jeanne Moreau, Samuel Fuller oder Arthur Miller.
Jüdische Filmemacher mit neuen Werken
Im Wettbewerb um den Goldenen Löwen sind derweil einige jüdische Filmemacher mit neuen Werken vertreten. Für viel Aufsehen am ersten Festival-Wochenende sorgte etwa die US-Produktion Primetime von Lance Oppenheim. Der junge Amerikaner, der bislang ausschließlich dokumentarisch gearbeitet hat, widmet sich in seinem ersten Spielfilm einer wahren Geschichte. 2006 gelingt dem TV-Journalisten Chris Hansen (Robert Pattinson) mit seiner Reality-TV-Sendung To Catch a Predator ein waschechter Hit: Millionen Amerikaner schalten ein, als Hansen mithilfe eines Online-Investigativ-Teams und jugendlich aussehender Lockvögel vor laufender Kamera pädophile Männer überführt, die ein Sex-Date mit einem Teenager erwarten.
Als die Show ins Hauptabendprogramm verlegt wird, wächst nicht nur Hansens Ego, sondern auch die Erwartung des Senders. Im Bemühen, die Sensationslust des Publikums zu befriedigen, kommt es schließlich zu einer tragischen Eskalation.
Es geht Oppenheim in Primetime weniger um die Straftäter als um Hansens Persönlichkeit im Spannungsfeld zwischen seinen Rollen als Investigativ-Journalist und TV-Persönlichkeit. Der Film ist mehr als ein Biopic, weil der Fokus auch auf der sich in den 2000er-Jahren radikal ändernden Medienlandschaft liegt, in der Nachrichten und Entertainment sich zunehmend zu vermischen begannen, der True Crime-Boom seinen Anfang nahm und das Zeitalter von Smartphones und sozialen Netzwerken unmittelbar bevorstand.
In »Naza« von Yuval Abraham und Rachel Szor geht es um Aktionen des israelischen Militärs und ihre Folgen für palästinensische Zivilisten.
Das Ergebnis ist eine bunte, enervierende Mediencollage, kalt und durchaus zynisch, in der niemand gut wegkommt und Pattinson in seiner vielleicht bislang besten Rolle so monströs aufspielt, dass Primetime nie Gefahr läuft, vom Publikum Sympathie für seinen Protagonisten einzufordern.
Unterdessen siedelt der französische Regisseur Cédric Kahn, dessen vorangegangener Film The Goldman Case mit zahllosen Preisen bedacht wurde, sein neues Werk 15/18 in der Jugendpsychiatrie eines Krankenhauses an. Unterstützt von einem starken Ensemble zeichnet er ein sehr menschliches und eindrückliches Bild von den Emotionen und Konflikten, mit denen dort Personal wie Patienten gleichermaßen konfrontiert werden. Nur in seiner Zuspitzung gegen Ende verliert der Film dann leider doch den Fokus.
Die Favoriten unter den Filmen
Wenn nun am Samstag die Jury, zu der neben der Vorsitzenden Maggie Gyllenhaal unter anderem auch die Regisseurinnen Kaouther Ben Hania und Shahrbanoo Sadat sowie der aus London stammende jüdische Musiker Daniel Blumberg, von dem unter anderem die Filmmusik zu The Brutalist stammt, gehören, ihre Preise vergibt, dürften zu ihren Favoriten allerdings andere Filme gehören.
Die schwarzhumorige Tragikomödie Wild Horse Nine des Iren Martin McDonagh, die im Jahr 1973 spielt und in der John Malkovich und Sam Rockwell zwei CIA-Agenten auf der Osterinsel darstellen, gehört im diesjährigen Venedig-Programm bislang ebenso zu den Favoriten wie Possible Love des koreanischen Filmemachers Lee Chang-dong oder der neue Film der dänischen Regisseurin May el-Toukhy, die in Woman Unknown von einer jungen Frau erzählt, die im Nachkriegs-Kopenhagen zu verhindern versucht, dass jemand von dem Verhältnis erfährt, das sie in der Besatzungszeit mit einem Deutschen hatte.
Und dann ist da noch Naza. Der neue Dokumentarfilm des Journalisten Yuval Abraham, der im vergangenen Jahr für seinen umstrittenen Film No Other Land mit dem Oscar ausgezeichnet wurde und sich für sein neues Werk nun wieder mit seiner Kollegin Rachel Szor zusammengetan hat, feiert seine Weltpremiere an diesem Donnerstag (nach Redaktionsschluss).
Ob der Film, der basierend auf Recherchen des linken israelischen »+972 Magazine« und des britischen »Guardian« Militäraktionen der israelischen Armee und ihre Folgen für die palästinensische Zivilbevölkerung unter die Lupe nimmt, Chancen auf einen Preis in Venedig hat, bleibt abzuwarten. Festivalchef Barbera hat jedenfalls schon einmal angekündigt, dass er die politische Brisanz und die erwarteten heftigen Diskussionen rund um diesen Wettbewerbsbeitrag nicht scheut.