Glosse

Der Rest der Welt

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Wer hat eigentlich bestimmt, dass das Jahr im September beginnt? Noch umhüllt mich diese spätsommerliche Wärme, die mich sämtliche herbstliche Vorboten ignorieren lässt. Noch bin ich mitten im Alltag, der mich schon genug beansprucht. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon an Rosch Haschana denken will. Abgesehen vom ganzen Planungsstress (wer, wo, wann, bei wem …?) bin ich gedanklich noch nicht an diesen Punkt gelangt, über den Sinn von »Schana towa umetuka« (»Gutes und süßes neues Jahr«) nachzudenken – und damit über das Ausmaß dieser geradezu bittersüßen Schwere, die diesen Wunsch gleich mit beinhaltet.

Was ich jedoch weiß, ist, dass ich an den zwei Tagen, die ich dieses Jahr in der Synagoge verbringen werde, den Menschen um mich herum immer wieder »Schana towa umetuka« sage. Mal mit einer warmen Umarmung, mal mit einem Händedruck oder mal nur mit einem Kopfnicken, den Blick über die Reihen hinweggleitend, um nachzusehen, wer bisher alles da ist.

Süß soll das Jahr also werden? Das jüdische Neujahr begnügt sich nicht mit »gut«.

Süß soll das Jahr also werden? Das jüdische Neujahr begnügt sich nicht mit »gut«. Es verlangt »süß«. Als hätten unsere Vorfahren schon gewusst, dass ein Leben zwar gelingen kann und trotzdem manchmal ziemlich bitter schmeckt. Da ist die jüdische Tradition ganz schön realistisch. Also hat sie den Honig als Allegorie für Süße gepachtet. Und gleichzeitig weiß sie, dass Honig nicht das ganze Leben ist. Deshalb stehen neben dem Apfel und dem Honig auf dem Tisch auch noch Granatapfel, eine runde Challa und für die, die es mit der Tradition ganz genau nehmen, ein Fischkopf oder Tzimmes, die bis zum Abwinken in Honig zubereiteten Karottengerichte. Jeder soll sein Rosch Haschana so zelebrieren, wie er es mag, jeder nach seinem Geschmack – buchstäblich.

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind in der Synagoge neben meiner Mutter und meiner Großmutter saß. Beide jeweils elegant gekleidet, meine Mutter modern, meine Großmutter in ihrem ganz eigenen Stil. Oft ließ sie sich in Hinblick auf die Feiertage bei der Schneiderin ein neues Kleid nähen. Viel Stoff wurde dabei verwendet. Als sie älter wurde, tat es etwas Neues »von der Stange« auch. Rosch Haschana war der Feiertag, an dem man sich selbst ein Geschenk machte, gut zu sich war. An manchen Orten ist die Synagoge bis heute ein abgewandelter Laufsteg, einer, über den nicht defiliert wird, auf dem sich jedoch die persönliche Herbstmode mit großem Selbstbewusstsein entfaltet. Ich werde an den Feiertagen Stunden an meinem Platz verbringen, die Gedanken abschweifend und beobachtend, wer wie daherkommt. Und natürlich werde ich urteilen, wenn auch nur für mich selbst.

Aber wenn ich zurück an meine Großmutter denke, die vermutlich auch dieses Jahr irgendwo auf der imaginären Empore meines Gedächtnisses sitzen wird, Kleid und Schmuck perfekt aufeinander abgestimmt, so wird mir erst heute klar, dass das vielleicht ihre Art von »Süße« war. Oder ihre Form zu sagen: Das Leben ist nicht nur Pflichterfüllung und Alltag. Die persönliche Freude darf auch sein. Gerade weil uns das Leben keine Zuckerwatte serviert, ist es angebracht, gelegentlich die süßen Stellen zu erkennen oder sie selbst herzustellen – wie ein neues Kleid, ein schön gedeckter Tisch, nette Worte. Oder vielleicht doch die Honig-Apfel-Sache, wohl wissend, dass das kommende Jahr dadurch nicht automatisch besser wird.

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