Berlin

»Die Zukunft interessiert mich nicht mehr so furchtbar dolle«

»Die Zeit vergeeeeht«, singen die zwölf grauhaarigen Männer und Frauen einstimmig. Einer sitzt im Rollstuhl, andere haben ihre Stöcke und Krücken an der Wand abgestellt oder ihre Rollatoren abseits geparkt. Ari Benjamin Meyers sitzt am Flügel und begleitet die Sängerinnen und Sänger. »Wem es zu hoch ist, der kann in die Kopfstimme übergehen«, sagt der Komponist. Es probt: der »Chor der Zeitastronauten«. Er ist Teil der Jubiläumsausstellung des Jüdischen Museums, die jetzt eröffnet wurde.

»Das Gegenteil von Jetzt«, heißt sie. Museumsdirektorin Hetty Berg erklärt bei der Vorstellung, die Schau wolle der oft düsteren Stimmung der Gegenwart andere Vorstellungen entgegensetzen - mittels künstlerischer Projekte. »Alle diese Werke geben am Ende Hoffnung«, sagt sie.

Meyers‘ »Chor der Zeitastronauten« - der mutmaßlich älteste Chor Deutschlands - ist eines davon. Die Mitglieder proben alle drei Wochen live in der Ausstellung. Dabei tragen die alten Damen und Herren orangefarbene Astronautenanzüge; soll heißen: Sie sind in einer anderen Zeit angekommen. »Diese Menschen planen nicht hektisch ihren Tag und eilen nicht mehr von Termin zu Termin«, sagt der Chorleiter. »Sie planen auch nicht mehr fünf Jahre im voraus.« Das heiße nicht, dass sie mit ihrem Leben abgeschlossen hätten. »Ich wollte aber zeigen: Wie ist es dort, wo sie sind? Was herrscht dort für ein Verständnis von Zeit?«, sagt Meyers.

Suche in Kirchenchören

Dass sie tatsächlich genügend fitte und gesangsinteressierte Menschen in diesem hohen Alter finden, daran glaubten die Kuratorinnen der Ausstellung Julia Friedrich und Shelley Harten nach eigenem Bekunden nicht. Aber Meyers war hartnäckig, suchte Gemeinden auf, fragte in Seniorenzentren und bei Kirchenchören.

Klavierbauer Knut, 90 Jahre, ist auch dabei. »Ich habe eine enge Bindung an das Jüdische Museum«, erzählt er. Seine Tochter arbeitete hier früher und machte ihn durch einen Newsletter aufmerksam, dass Über-90-jährige Chormitgliedern gesucht würden. Knut warb dann in seinem Steglitzer Seniorenzentrum um weitere Mitglieder - mit Erfolg. Musik statt Messer

Alle Chormitglieder haben eine Sache mitgebracht, die ihnen besonders wichtig ist. In der Ausstellung sind diese Dinge hinter Glas zu sehen. Für Knut ist das sein rotes Schweizer Taschenmesser. Nur ungern habe er es hergegeben. »Das habe ich eigentlich immer bei mir«, sagt er. So lange die Ausstellung läuft, trägt er deshalb jetzt immer sein Ersatzmesser in der Hosentasche. »Als Opa kann man das immer gebrauchen«, sagt er.

Eine 92-Jährige hat alte Klaviernoten von Greta Gebhardt mitgebracht, die in einer Vitrine ausgestellt werden. Die Stücke spielte sie bereits als Schülerin - »lange bevor ich Organistin wurde«. Ihre Tochter, die heute mitgekommen ist, führt sie am Arm. Warum sie mitmacht? »Musik ist mir viel wert«, sagt die alte Dame.

Jeder der Sängerinnen und Sänger erachtet in seinem Leben etwas Anderes als wichtig. In den Vitrinen zu sehen sind auch eine rote Plastikrose, Fotos von Enkelkindern, das Bundesverdienstkreuz oder ein Siegelring mit Familienwappen.

Was ist Zeit?

In einem Film in der Ausstellung werden die singenden Zeitastronauten etwa nach ihrem Verständnis der Zeit befragt. Ewig sei sie, sagt einer. Unendlich, sagt ein anderer. »Einer der schwierigsten Begriffe überhaupt«, so ein dritter. - Und was fällt den Mitgliedern zur Zukunft ein? »Die Zukunft kennen wir nicht. Und sie interessiert mich auch nicht mehr so furchtbar dolle«, sagt Knut.

Alle Chormitglieder haben mit ihrem Chorleiter einen Vertrag abgeschlossen, der auch in der Ausstellung zu sehen ist. So lange sie dauert, proben sie alle drei Wochen vor Ort. Ist sie am 10. Januar vorbei, verpflichten sich die Mitglieder zu einer jährlichen Probe - mit Open End. Nur der Tod von Mitglied - oder Chorleiter - beendet die Mitgliedschaft. »Ich wollte ein unendliches Projekt«, sagt Meyers.

Warum haben es alle diese Menschen geschafft, über 90 zu werden? »Ich glaube, sie haben sich alle die Neugier bewahrt«, sagt der Chorleiter. Malte, 90 Jahre, gibt ihm Recht: »Ich bin hier, weil ich immer noch wissbegierig bin«, sagt er.

Lesen Sie mehr über die Ausstellung »Das Gegenteil von Jetzt« in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

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