Es ist wie das Eindreschen auf einen Ampelknopf, wie das Anschreien einer automatischen Telefonansage oder das Treten gegen eine Betonwand, an der man sich gerade gestoßen hat. Es ist sinnlos, manchmal sogar schmerzhaft, aber so befriedigend. Das ist das erste Gefühl, das der britische Schriftsteller Howard Jacobson den Lesern seines 18. Romans Howl schenkt. Ja, genau, Howl wie beim Beatnik Allen Ginsberg. Sogar der erste Satz ist derselbe: »Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn.« Aber Jacobson heult anders.
Während Ginsberg 1955 zugedrogt und angejazzt gegen das kapitalistische Establishment dichtete, wird Jacobsons Held Ferdie Draxler in perfekter Prosa wahnsinnig an einer Welt, die ihre Ordnung verliert; in der die Moral den Rückwärtsgang einlegt, alte Barbarei gebildete Anerkennung erfährt und die Logik aus dem Fenster springt. Minuten, Stunden, Tage nach den Hamas-Massakern in Israel feiert die Welt die schlimmste Katastrophe für die Juden seit der Schoa auch vor Ferdies Haustür. Und die wird brutal aufgestoßen, als seine Tochter sich den »propalästinensischen« Aktivisten anschließt, »Tod den Zionisten« schreiend durch London marschiert und in Fernsehkameras lachend ein Geiselposter abreißt und beschmiert.
Mit zertrampeltem Herzen und jahrtausendealter Wut taumelt der Vater durch London
Mit zertrampeltem Herzen und jahrtausendealter Wut taumelt der Vater durch London und erkennt seine Heimat nicht wieder. Ein Polizist will ihn daran hindern, einem Protest zu nahe zu kommen, weil Ferdies »zu jüdisches« Aussehen provoziere. Kollegen an der Schule, deren Direktor er ist, gehen ebenfalls auf die Straße oder ins innere Exil. Der stellvertretende Schulleiter, ein Konvertit, ergeht sich in besonders exzessivem Selbsthass. Und als an der Tür seiner Mutter, einer Schoa-Überlebenden, »Hakenkreuz-Banksys« auftauchen, geht Ferdie bald nur noch mit Farbe und Pinsel vor die Tür. Hass und Zerstörung lauern immer und überall, wobei man nie genau weiß, was Hysterie ist und was nicht. Die Unsicherheit macht es nur noch schlimmer.
Während Ginsbergs Selbstverständnis den Verdacht nahelegt, dass er sich heutzutage selbst eine Kufiya um den Hals schlingen würde, weiß Jacobson, dass die »antizionistischen« Demonstranten sie ihm zuziehen würden. Schließlich war der wilde Dichter Jude, und das ist ihnen genug. »Gab es in der Geschichte des Hasses je solch einen Andrang von Beamten und Gelehrten, sich der Grausamkeit hinzugeben?«, fragt Ferdie und schreit kurz darauf den Fernseher an: »Vor fünf Minuten waren Juden noch verhasst, weil sie Flüchtlinge waren. Jetzt werden sie gehasst, weil sie Kolonialisten sind. Entscheidet euch, verdammt noch mal!« Ironie versus blanke Angst.
Die 300 Seiten strotzen nur so vor Diaspora-Insider-Geschichten.
Jacobson spuckt und erbricht sich aufs Papier in Beschreibungen jeder Reaktion, jeder Gefühlswallung, jedes zu Recht und zu Unrecht paranoiden Gedankens, der einem Diaspora-Juden dieser Tage kommt, während Menschen mit einem »Baby-Wissen« über Geschichte eine neue Weltordnung ohne den Staat Israel, am besten gleich ohne Juden, fordern. Dabei werden die vergeblichen Besänftigungsversuche von Ferdies nichtjüdischer Frau und das Dauergefrotzel mit der Mutter und dem Bruder zu willkommenen Durchatmern.
Die 300 Seiten strotzen nur so vor Diaspora-Insider-Geschichten und Geschichte, literarischen und philosophischen Anspielungen und verbalem Slapstick. Selten so verstanden gefühlt, könnte man auch sagen. Und dann ist da noch diese süß-schmerzende Wahrheit der Sprache, die einen von den Buchseiten aufblicken und genießen lässt. Mal als Ventil, mal als Abwehr, mal als Eskapismus. Wenn ein kleines Kind Ferdie fragt, ob Juden schlimmer sind als Nazis, und der Lehrer ernsthaft und mit zärtlichem Glauben an die Vernunft antwortet; wenn die Mutter von ihrer Wahrheit nach der Schoa spricht; und wenn irgendwann nur noch Beten hilft.
Der Autor und der Held glauben zutiefst an die Macht der Worte
Der Autor und der Held glauben zutiefst an die Macht der Worte, die blendende Schönheit eines perfekten Satzes. Denn »nur wenn du dich präzise ausdrückst, kannst du auch präzise denken«, schreibt Ferdie seiner Tochter, die seit dem Nova-Massaker glaubt, »dass die Palästinenser das auserwählte Volk sind«. Und die ihm antwortet: »Grammatik ist rassistisch, so wie du es bist.« Weil Jacobson und Ferdie Shakespeare verehren, wird anschließend Macbeth auf heute gedreht: »In jüngster Zeit hat Dogma die Grammatik des Ereignisses umgedreht und die Natur so brutal von ihrem Kurs abgebracht, dass nichts ist, was nicht ist.«
»Ich hatte ein Wort für die kranken, dreisten Wichser, die das getan hatten. Aber ich suchte noch danach«, sagt Ferdie. »Du machst Witze oder du stirbst«, sagt Jacobson. Und weil das so ist, kann er sich ein unglaubliches Ende erlauben, das trotz allen Wahnsinns Hoffnung macht.
Howard Jacobson: »Howl« Jonathan Cape, Penguin Random House, London 2026, 304 S., 25 € (nur auf Englisch)