Neulich waren wir bei einem Summer Open Air Movie. Gezeigt wurde Dirty Dancing. Ein lauer Abend, die Leinwand unter freiem Himmel – und kaum erklangen die ersten Takte von (I’ve Had) The Time of My Life, war man plötzlich wieder dort: 1987. Ich war 14, trug Brille und Zahnspange und wollte nur eines: wenigstens für einen Abend so cool sein wie Johnny und Baby auf der Leinwand. Dirty Dancing ist für mich ein echter Kultfilm, geradezu getränkt mit den Sehnsuchtsmomenten der 80er-Jahre. Aber es ist auch ein Film über eine Welt, die längst verschwunden ist.
Denn das Kellerman’s Resort, in dem Frances »Baby« Houseman ihren Sommer verbringt, hat ein reales Vorbild: die großen jüdischen Ferienhotels in den Catskills im Bundesstaat New York. Allen voran »Grossinger’s«, eines der legendärsten Häuser des sogenannten Borscht Belt. Damit war eine ganze Ferienregion gemeint, in der jüdische Familien aus New York und anderen Städten ihre Sommer verbrachten. Hier gab es zudem Hotels wie das Concord, Brown’s und das Nevele – riesige Anlagen mit Swimmingpools, Golf- und Tennisplätzen, Restaurants, Nachtklubs und großen Tanzsälen.
Die Catskills waren eine eigene soziale Welt. Diese Hotels wurden zu jüdischen Parallelwelten – nicht allein aus dem Wunsch nach Abgrenzung, sondern auch, weil jüdische Gäste in vielen anderen amerikanischen Ferienhotels schlicht nicht willkommen waren.
Die Catskills waren eine eigene soziale Welt. Diese Hotels wurden zu jüdischen Parallelwelten.
Die Drehbuchautorin Eleanor Bergstein kannte diese Welt aus eigener Erfahrung. Sie hatte ihre Sommer in den Catskills verbracht. Vieles von dem, was später zu Dirty Dancing wurde, stammt aus diesen Erinnerungen: die Ferienhotels, die Tanzlehrer, die strengen Hierarchien zwischen Gästen und Personal, die Mädchen und Jungen, die sich ausprobieren – und die Erwachsenen, die glauben, alles unter Kontrolle zu haben.
Heute sind die großen Hotels des Borscht Belt weitgehend verschwunden. Grossinger’s schloss 1986. Viele der einst prächtigen Anlagen verfielen oder wurden abgerissen. Eine ganze jüdisch-amerikanische Ferienkultur löste sich auf – als Flugreisen erschwinglicher wurden, Florida und die Karibik lockten und die nachfolgenden Generationen andere Vorstellungen von Urlaub, Freiheit und Identität entwickelten.
Aber an einem Sommerabend, irgendwo vor einer Leinwand unter freiem Himmel, kann diese Welt plötzlich wieder auftauchen. Dann steht Baby am Rand der Tanzfläche. Johnny wartet. Die Musik beginnt. Und plötzlich versteht man, dass Dirty Dancing nicht nur von einem Mädchen erzählt, das Tanzen lernt. Der Film erzählt – ohne es ausdrücklich auszusprechen – auch von einer jüdisch-amerikanischen Welt, die einmal existierte: von den Catskills, von Sommern im Hotel, von Gemeinschaft und Aufbruch, von ersten Freiheiten und kleinen Grenzüberschreitungen, die sich vielleicht gerade deshalb so leicht anfühlen, weil man weiß, dass der Sommer irgendwann vorbei sein wird.
Vielleicht ist das der Grund, warum man diesen Film auch nach all den Jahren noch immer sehen möchte