Musik

Tagebuch in Tönen

Der Komponist und Pianist Robert Kahn (1865–1951) Foto: ullstein bild

Ein Abend bei guten Freunden. Alle sind Hardcore-Kammermusikfans, geben Hauskonzerte, reisen zu Festivals. Erfüllt und begeistert von der Lektüre des gerade erschienenen Buches Idylle und Vertreibung über den Komponisten Robert Kahn (1865–1951) frage ich in die Runde: Wer kennt ihn, den Lehrer des Pianisten Wilhelm Kempff, den Schützling und Schüler von Brahms, den engen Freund von Einstein und Gerhart Hauptmann, den Komponisten, dessen Werke auch die Berliner Philharmoniker uraufgeführt haben? Der den größten Klavierzyklus komponierte, den je ein namhafter Künstler geschaffen hat? 

Ungläubiges Staunen. Robert Kahn? Nie gehört. 

Erstmals erschlossenes Quellenmaterial

Dem bekannten Juristen und Musikverleger Reinhard Wulfhorst ist es jetzt zu verdanken, dass endlich ein gründlich recherchiertes Werk zum Leben und Schaffen dieses wegen der Nazis zu Unrecht vergessenen Künstlers erschienen ist. Wulfhorst erzählt die Geschichte von Robert Kahn mit erstmals erschlossenem Quellenmaterial. Er hat Briefe und Dokumente gesichtet und nachgeborene Zeitzeugen befragt. 

Robert Kahn entstammt einer musikbegeisterten, wohlsituierten jüdischen Familie in Mannheim. Sein Vater war 30 Jahre Stadtrat, die Familie mit acht Kindern ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der Kurpfalz. Roberts Begabung erkennen die Eltern früh und fördern sie. Kahn verehrt Beethoven, Bach, Brahms und Schumann. Wagner hinterlässt bei ihm einen zwar physischen, aber seelisch nicht nachhaltigen Eindruck. 

Kahn komponiert spätromantisch, traditionell, er ist kein Neutöner, kein Schönberg. »Ein wenig klingen seine Werke«, so Wulfhorst, »als hätte Brahms im Alter von 150 Jahren noch komponiert«.

Kahn studiert Klavier und Komposition und trifft 1886 auf Johannes Brahms. Der berühmte Komponist wird eine Weile sein Mentor. Kahns Arbeiten begeistern Brahms. »Er blätterte die Noten um und schnurrte dazu von der ersten bis zur letzten Anordnung wie ein Kater«, so Kahn, und »sagte mir nach jedem Satz einige kurze, aber herzliche Worte des Lobes«. Auch Clara Schumann schreibt über Kahn von »Leidenschaft, Wärme und Anmut, einer vortrefflichen Arbeit«.

Kahn komponiert spätromantisch, traditionell, er ist kein Neutöner, kein Schönberg. »Ein wenig klingen seine Werke«, so Wulfhorst, »als hätte Brahms im Alter von 150 Jahren noch komponiert«. Die Berliner Philharmoniker präsentierten einige Uraufführungen seiner Werke. Sinfonien sind Kahns Sache nicht, stattdessen konzentrierte er sich auf Serenaden und Kammermusik. 

Der Dirigent Wilhelm Furtwängler entdeckt ihn und setzt sich nicht nur musikalisch für ihn ein, sondern versucht später, dem bislang so erfolgreichen, plötzlich verbotenen und verfemten Künstler zu helfen. Der berühmte Pianist Wilhelm Kempff wird ein enger, ebenfalls hilfsbereiter Freund, ebenso Albert Einstein, dem Kahn verblüffend ähnlich sieht. 

Kahn wird 1916 Mitglied der Akademie der Künste und dort in den Senat gewählt

Kahn wird 1916 Mitglied der Akademie der Künste und dort in den Senat gewählt. Sechs Jahre zuvor haben er und seine Frau Katharina für sich und die drei Töchter einen Lebensmittelpunkt in Mecklenburg geschaffen, in Feldberg am Ufer eines Sees lassen sie ein Haus bauen, das bald zum Treffpunkt vieler Intellektueller, Dichter und Musiker wird. »Haus Obdach« heißt es, und es entwickelt sich ab 1933 zu einem Refugium, weitab der Metropole, vor der Verfolgung zunächst Schutz bietend.

Kahn muss als Jude den Senat der Akademie verlassen, darf nicht einmal mehr ordentliches Mitglied sein. Er darf keine Komposition veröffentlichen oder als Pianist auftreten. Und so beginnt er, 1935 sein Tagebuch in Tönen zu verfassen. 1160 Stücke für Klavier. Es sind keine Tagesereignisse in Tonfassung, dafür klingen die Fugen, Doppelfugen und Kanons zu abstrakt. 

Robert und Katharina emigrieren 1939 vollkommen mittellos nach England

Diese Arbeit tröstet ihn, bis er nach der Pogromnacht erkennt, dass die Emigration die einzige Möglichkeit ist, zu überleben. Die Nazis plündern ihn aus, belegen nach dem erzwungenen Verkauf des Hauses in Feldberg den Erlös von lächerlichen 22.500 Reichsmark mit einer Steuer von 95 Prozent. Robert und Katharina reisen 1939 vollkommen mittellos nach England, dort unterstützt von wohlhabenden Verwandten. 

Kahn selbst wurde kein Opfer der Schoa, wohl aber sein Werk, denn die Vernichtung war nicht allein eine physische, sondern auch eine künstlerische und geistige. Er selbst und seine Familie waren 12 Jahre entrechtet, sein Werk verboten. Nach dem Krieg gerieten seine Kompositionen deshalb in Vergessenheit. Kahn starb 1951 im englischen Exil in Biddenden und ist dort auch begraben. In seiner Edition Massonneau gelingt es Reinhard Wulfhorst mit der umfangreichen und höchst spannend geschriebenen Biografie endlich, Kahn einem hoffentlich großen Publikum bekannt zu machen.

Reinhard Wulfhorst: »Idylle und Vertreibung«, Edition Massonneau, Schwerin 2026, 186 S., 22 €

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