Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz wurde 1992 in Bnei Brak geboren.

Ihr Konzert in Frankfurt findet nur wenige Tage vor Rosch Haschana statt. Was bedeutet es für Sie, zu dieser Zeit des jüdischen Jahres aufzutreten?
Das ist eine sehr besondere Zeit vor einem großen und heiligen Tag, an dem über das kommende Jahr entschieden wird. Es gibt verschiedene Wege, wie wir uns darauf vorbereiten. Wir denken darüber nach, was wir in unserem Leben verbessern müssen, wir beten und wir geben Spenden. Eine weitere Möglichkeit ist das Singen heiliger Worte, zum Beispiel aus den Psalmen. Ich hoffe, dass wir uns mit dem Konzert also gemeinsam auf Rosch Haschana vorbereiten.

Ihre Musik verbindet chassidische Melodien mit Texten aus jüdischen Gebeten und der Tora. Was möchten Sie beim Publikum auslösen, wenn Sie diese Lieder singen?
Wenn ein Mensch meine Musik hört, wünsche ich mir, dass sie ihn erhebt und ihm Freude schenkt, sie soll sein Herzen öffnen und ihn berühren. Ich würde es tatsächlich als eine Form von Kiruw bezeichnen – als eine Möglichkeit, einen Menschen näher zu Gott zu bringen. Die Texte und Melodien können Menschen Trost spenden und ihren Glauben stärken, dass Gott über sie wacht und dass ihnen nichts geschehen wird, was nicht Teil dessen ist, was für ihr Leben bestimmt ist. Auf Hebräisch nennen wir das Emuna. In dem Moment, in dem man dem Heiligen, gelobt sei Er, vertraut und glaubt, dass Er das Beste für einen tut, fühlt man sich besser. Man empfindet Sicherheit und Trost. Manchmal kann Musik sogar ein Weg sein, Schmerzen zu erleichtern.

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Sie sind in einem chassidischen Umfeld aufgewachsen. Gibt es Melodien aus Ihrer Kindheit, zu denen Sie bis heute eine besondere Verbindung haben?
Natürlich. Je mehr ich mich mit den Niggunim beschäftige, die wir über den Jahreszyklus singen, desto stärker spüre ich, dass ein Teil davon in mir ist. Die Melodien des Vischnitzer Chassidut, aus dem auch meine Familie stammt: Die liegen mir einfach im Blut.

Was kann das Publikum musikalisch erwarten?
Ich werde gemeinsam mit einem Live-Orchester auftreten. Sein Leiter Ruby Bennett ist seit mehr als 35 Jahren als hervorragender Arrangeur bekannt. Ein Teil der Musiker reist mit mir aus Israel an, ein anderer Teil aus Frankfurt. Unter Rubys Leitung bin ich sicher, dass es etwas ganz Besonderes werden wird. Auch der Zamru-Chor wird dem Abend eine besondere Note geben. Die Sänger kommen aus Antwerpen. Wir arbeiten in ganz Europa mit ihnen zusammen, wann immer ich dort auftrete.

Sie treten zum ersten Mal in Deutschland auf. Ist das für Sie ein Ort wie jeder andere?
Ich bin Enkel eines Holocaust-Überlebenden. Mein Großvater stammte aus der Gegend an der Grenze zwischen Rumänien und Ungarn. Die Deutschen deportierten seine Familie nach Auschwitz. Er sollte mehrmals in der Gaskammer ermordet werden und überlebte jedes Mal auf wundersame Weise. 22 Mitglieder meiner Familie aber wurden getötet. Es bedeutet mir sehr viel, nun in Deutschland aufzutreten und sagen zu können: Ich bin hier als Jude. Niemand konnte das jüdische Volk zerstören. Das ist ein Sieg. Der Plan der Nazis ist nicht aufgegangen.

»Es bedeutet mir sehr viel, nun in Deutschland aufzutreten und sagen zu können: Ich bin hier als Jude. Niemand konnte das jüdische Volk zerstören.«

Auch zu Frankfurt haben Sie eine Verbindung.
Mein Schwiegervater ist hier aufgewachsen! Sein Vater baute in Frankfurt nach dem Krieg ein sehr erfolgreiches Geschäft auf. Für mich ist es deshalb auch eine Möglichkeit, diese Stadt, zu der ich eine familiäre Verbindung habe, einmal kennenzulernen.

Ihr Konzert findet vor einem geschlechtergetrennten Publikum mit Mechiza statt. Für manche Besucher wird das ungewohnt sein. Wie erklären Sie das?
Wenn ich singe, bete ich. Für mich ist es ähnlich, wie wenn ich in eine Synagoge gehe, die in der orthodoxen Welt auch geschlechtergetrennt ist. Zuhause spreche und lache ich gerne mit meiner Frau, aber in die Synagoge komme ich, um mit dem Einen und Einzigen sprechen. Man möchte sich konzentrieren und mit Respekt und Würde vor Gott stehen. Für mich ist ein Konzert genau das: eine Zeit, in der ich mich mit dem Heiligen verbinde. Deshalb gibt es die Mechiza. Sie verhindert Ablenkungen.

Was sollen die Zuhörer nach dem Konzert mit nach Hause nehmen?
Ich hoffe, dass die Menschen nach Hause gehen werden und das Gefühl haben, dass sie sich auf das neue Jahr vorbereitet haben – darauf, all die Segnungen zu empfangen, die ihnen bevorstehen. Ich wünsche ihnen, dass sie mit Freude und Vertrauen in das neue Jahr gehen. Dass die Musik sie näher zu Gott bringt, ihnen Kraft gibt und ihnen hilft, ihr Herz zu öffnen.

Das Gespräch führte Jan Feldmann. Mitarbeit: Mascha Malburg.

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