Kulturkolumne

Auf Eis gelegt

Foto: KI via ClaWi

»Social Freezing« ist kein neues Phänomen. Aber die Möglichkeit, sich durch Einfrieren der eigenen Eizellen reproduktive Optionen für später offenzuhalten, scheint sichtbarer zu sein als zuvor. Noga Erez setzt sich in der aktuell über sie in den Kinos laufenden Doku Hormonspritzen, während sie den Hit »Kids« von Robbie Williams in seiner Anwesenheit umdichtet: »The purpose of a woman is to love herself« (anstatt »her man«).

Die US-amerikanische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez dokumentierte ihre Prozedur jüngst in einem täglichen Vlog auf Instagram. Diese Sichtbarmachung verändert etwas. Denn frauenspezifische Themen werden immer noch stark privatisiert.

Kein Modell für Frauen in ihren Dreißigern, die sich selbst finanziell versorgen

Es gibt kein Modell für Frauen in ihren Dreißigern, die sich selbst finanziell versorgen, ambitioniert sind oder schlicht noch nicht wissen, ob, wann und wie sie Kinder wollen, unabhängig davon, ob sie sich in einer Partnerschaft befinden oder nicht. Der Grund ist einfach: Es hat uns als gesellschaftliche Kohorte noch nie so breitflächig gegeben. Frauen aus meinem Umfeld lassen sich Eizellen aus verschiedenen Gründen einfrieren. Nicht alle machen positive Erfahrungen.

Reproduktive Selbstbestimmung ist in den meisten Ländern bislang eine Geldfrage.

Reproduktive Selbstbestimmung ist in den meisten Ländern bislang eine Geldfrage. Weltweit ist Frankreich das erste Land, das das nicht‑medizinische Einfrieren von Eizellen in die öffentliche Gesundheitsversorgung aufgenommen hat. In Deutschland trägt man die Kosten selbst: Rund 4000 Euro können pro Stimulationszyklus anfallen, vergleichsweise günstig.

In Israel bieten Zusatzversicherungen seit Kurzem Zuschüsse für die Prozedur an. Es gibt Konzerne, die Social Freezing subventionieren, damit Frauen nicht auf der Karriereleiter ausgebremst werden. Ob das Gleichberechtigung fördert oder eine Form unternehmerischer Ausbeutung darstellt, ist umstritten. Studien belegen einen Einfluss des Alters beim Einfrieren auf den Erfolg einer Lebendgeburt. Je früher Eizellen eingefroren wurden, desto höher die Erfolgsquote. Ganz lässt sich das Alter also nicht herausrechnen. Social Freezing bleibt in Teilen eine Black Box.

Selbstbestimmte und den Realitäten entsprechende Lebensplanung

Die Wirtschaftsjournalistin Marina Gerner befasst sich in ihrem Buch Vagina Business mit der rückständigen Forschung um Frauengesundheit und welche Innovationen den Markt und den Umgang mit weiblicher Sexualität, Reproduktion und Lebenszyklusthemen revolutionieren. Sie zieht das Fazit, dass sich langfristig zeigen wird, ob die Methode Frauen tatsächlich zu einer selbstbestimmten und ihren Realitäten entsprechenden Lebensplanung verhilft oder ob sie vor allem aus einem Defizit und mittels Angstrhetorik ein Geschäftsmodell gemacht hat.

Ich schreibe diesen Text, während ich auf die Kurier-Lieferung aus Frankreich warte. Viele Kinderwunschzentren in Deutschland empfehlen die Bestellung der Präparate, die man sich bis zur Entnahme täglich spritzt, um die Follikel-Reifung anzukurbeln und den Eisprung hinauszuzögern, im europäischen Ausland. Es ist billiger. Wie lange und ob ich damit tatsächlich etwas auf Eis lege, wird sich zeigen. Vorerst tickt die Uhr in meinem Kopf weniger laut.

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