ESC-Kolumne

Israel beim ESC: Gesungene Geschichte

Foto: picture alliance / TT NYHETSBYRÅN

Israel mag von der Bevölkerungszahl etwa acht- oder neunmal kleiner sein als Deutschland, aber an Gewinnen beim ESC, den wir Ältere noch unter dem wunderbaren Namen Grand Prix Eurovision de la Chanson kennen, ist es doppelt so gut. Viermal hat Israel diesen Sangeswettbewerb gewonnen: 1978, 1979, 1998 und zuletzt 2018. Deutschland, um das Gedächtnis der wenigen Leser aufzufrischen, die sich nicht sofort erinnern, konnte 2010 mit Lena, »Satellite«, und 1982 mit Nicole, »Ein bisschen Frieden«, gewinnen.

In jenem Jahr 1982 belegte Israel übrigens den zweiten Platz, und im Folgejahr wurde Israel mit »Chai« von Ofra Haza wiederum Zweiter. Überhaupt finden sich etliche gute Platzierungen in Israels ESC-Geschichte. Neunmal sang sich das kleine Land unter die Top Five. Schon das ist eine Geschichte wert, doch da sind ja noch die ständigen Boykottforderungen und, weniger bekannt, die bemerkenswerten Nichtteilnahmen.

So sehr und so laut Kritiker dem Land unterstellen, es wolle den ESC unbedingt als Propagandabühne nutzen, so auffällig ist, dass Israel bereits dreimal freiwillig auf eine Teilnahme verzichtet hat: 1997 fiel das Datum des ESC auf Jom Haschoa, 1984 und 1980 auf Jom Hazikaron, beides für die jüdische und israelische Erinnerung sehr bedeutende Tage. Der israelische Verzicht stieß damals auf eine respektvolle und verständnisvolle Reaktion. In einem Fall, 1980, führte er sogar dazu, dass erstmals und einzig Marokko teilnahm. 

Globales Popspektakel

Israel ist seit 1973 bei dem Wettbewerb dabei, und mit seiner Siebzigerjahre-Kultur passte es auch dahin. Der israelische Historiker Tom Segev zeigt in seinem Buch »1967«, wie sich nach dem Sechstagekrieg Israel stabilisierte - eine Gesellschaft, die zu Wohlstand und einer eigenen Kultur fand. Sie war nicht mehr von der Entbehrung der Aufbaujahre geprägt, sondern von Weltoffenheit und Hedonismus.

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Es waren die Jahre, als Daliah Lavi zum Star wurde und man fragt sich, warum sie nie beim ESC antrat. Es war auch die Zeit, in denen sich der ESC vom Chansonwettbewerb zum globalen Popspektakel entwickelte. Die Weltkarriere von ABBA begann 1974 beim ESC. Dies dürfte das bedeutendste Ereignis gewesen sein.

Da passte Israel rein. Bestes Beispiel ist der Sieg von Dana International 1998. Die Sängerin aus Tel Aviv ist eine Transfrau, was im ausgehenden 20. Jahrhundert noch eine Sensation war. Und in der Sphäre der etwas kommerzialisierteren Popkultur, für die der ESC steht, war dies eine Innovation, die bis heute nachwirkt. Auch Israels nächster und bislang letzter ESC-Sieg, »Toy« von Netta im Jahr 2018, hat enorme gesellschaftliche Bedeutung: »I’m not your toy, you stupid boy« singt Netta und mit ihrer Stimme, ihrer Performance, ihrem Körper und ihrem Song gab sie ein wichtiges Bekenntnis zu feministischer Selbstbehauptung.

Welchen Stellenwert »Michelle« von Noam Bettan, Israels diesjähriger Beitrag, in der Musikgeschichte einnehmen wird, lässt sich nicht sagen. Einer von mehreren Gründen, einzuschalten. Wer ist nicht gerne dabei, wenn Geschichte geschrieben wird, um es etwas genauer zu formulieren: wenn Geschichte gesungen werden könnte.

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