Muttertag

Moja Mama!

»Moja Mama«, meine Mama: der Autor mit seiner Mutter bei der Einschulung in Taschkent 1996. Drei Jahre später zogen sie nach Deutschland.

Ich sehe es vor mir wie in einem Film: Wir stehen 1999, kurz vor der Abreise, vor unserer Wohnung – in einem sowjetischen Flur, der Putz bröckelt von den Wänden. In zwei Koffern steckt ein ganzes Leben. Und doch: Als ich meine Mutter ansehe, weiß ich sofort – alles wird gut.

Heut ist Muttertag. Oft wird behauptet, er sei eine Erfindung der Nationalsozialisten.

Tatsächlich erklärten diese den Tag zwar zum offiziellen Feiertag und instrumentalisierten ihn propagandistisch – doch erfunden haben sie ihn nicht. Seine moderne Form entstand in den Vereinigten Staaten. Die Dichterin und Frauenrechtlerin Julia Ward Howe forderte bereits 1870 einen »Muttertag des Friedens«. In Deutschland wurde der Muttertag erstmals 1923 begangen, initiiert aus kommerziellen Interessen vom »Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber«. Der Muttertag kann also weiter mit gutem Gewissen gefeiert werden. 

In der jüdischen Tradition findet sich kein solches Datum. Was aber nicht bedeutet, dass die Mutter keine zentrale Rolle in unserer Kultur spielen würde. Im Gegenteil! Die »jiddische Mamme« kommt dauernd in jüdischen Witzen vor: »Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einer jiddischen Mamme? Mit dem Terroristen kann man verhandeln.«

Sie ist allerdings weit mehr als ein humoristisches Motiv. Ohne Mamme keine jüdische Kultur, keine jüdische Religion – kein jüdisches Volk. In Theaterstücken, in Romanen, in Anekdoten, in Hollywood-Filmen und im jüdischen Stand-up taucht die jüdische Mutter gefühlt häufiger auf als die Figur des Rabbiners. Und nicht selten, seien wir ehrlich, nimmt sie in der Familie auch die Rolle des Rabbiners ein.

Die jiddische Mamme spricht dabei längst nicht mehr nur Jiddisch: Man findet sie in aschkenasischen, sefardischen und mizrachischen, in religiösen und säkularen Kreisen. Die jiddische Mamme ist dabei zärtlich und ernst, humorvoll und heilig zugleich. 

Schon die Tora betont die Bedeutung der Mutter deutlich. Sara, Rivka, Rachel und Lea waren nicht bloß Mütter des jüdischen Volkes im theologischen Sinne. Der Talmud zählt sie zu den Prophetinnen Israels. Und die Weisen der Antike gehen noch weiter: »Durch das Verdienst der rechtschaffenen Frauen (beziehungsweise Mütter) wurden unsere Väter aus Ägypten befreit«, heißt es im Traktat Sota. So viel Kraft und spirituelle Macht schreiben die talmudischen Kommentatoren also der jiddischen Mamme zu.

Jüdische Gelehrte schreiben der Mutter eine
spirituelle Macht zu.

In der Moderne geht dieser Respekt manchmal verloren. Die jiddische Mamme wird kulturell sehr unterschiedlich interpretiert. In der US-amerikanischen Popkultur wird sie oft überzeichnet dargestellt – etwa in Gestalt von Howard Wolowitz’ Mutter in der Serie The Big Bang Theory:  neurotisch, fordernd, kontrollierend. Ein Klischee, das sich in der westlichen Welt leider eingeprägt hat.

In der sowjetischen beziehungsweise postsowjetischen Erfahrungswelt hingegen, aus der ich komme, war die jiddische Mamme nie eine Karikatur, sondern eine warme und tragende Figur der Familie. Ich schreibe diesen Text bewusst aus dieser persönlichen Perspektive, und gleichzeitig schreibe ich ihn letztlich über alle Mütter – unabhängig von Glauben oder Herkunft. Die jiddische Mamme ist ein Oberbegriff für all die Emotionen und Eigenschaften, die ich mit meiner eigenen Mutter verbinde.

Solange auf dem Display meines Telefons diese vier Buchstaben erscheinen: MAMA, ist meine Welt heil und sicher.

Im berühmten Lied von Jack Yellen heißt es über die jiddische Mamme: »In Vasser in Fayer volt zi gelofn far ihr Kind« – »Ins Wasser und ins Feuer würde sie für ihr Kind laufen.« Und diese Figur existiert nicht nur im Text. Jeder kennt eine solche jiddische Mamme. Sie lebt heute, und ihre Aufopferungsbereitschaft ist manchmal schmerzhaft real.

Vor meinem inneren Auge erscheint das Bild von Shira Bibas und ihren zwei kleinen Söhnen, Kfir und Ariel – wie sie sie verzweifelt festhält, um sie vor den Terroristen zu schützen, die am 7. Oktober in ihr Haus eindringen. Shira Bibas, eine jiddische Mamme, ist eine Heldin. 

Ich denke an Rebbetzin Shterna Wolff, die in Hannover nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, Rabbiner Benjamin Wolff, die Kraft fand, eine ganze Gemeinde auf ihren Schultern zu tragen.

Bald beginnt wieder der Schabbat, und ich weiß, dass ich meine Mutter – wie jedes Mal – kurz davor anrufen werde. 

Und schließlich ist da meine eigene jiddische Mamme: die Oberärztin aus Taschkent, die in Deutschland, ohne zu zögern, mit über 40 Jahren noch einmal Medizin studierte, weil ihr usbekischer Abschluss nicht anerkannt wurde – und heute weiterhin als Frauenärztin praktiziert.

Bald beginnt wieder der Schabbat, und ich weiß, dass ich meine Mutter – wie jedes Mal – kurz davor anrufen werde. »Mamulja, ja na Schabbat idu, vsjo choroscho, Schabbat Schalom« – »Mama, ich gehe zum Schabbat in die Synagoge, alles ist gut, Schabbat Schalom«. Warum ich das tue? Es ist ein Reflex. Und weil ich weiß, dass es diesen einen Menschen gibt, der nichts erwartet – außer der Gewissheit, dass es mir gut geht. Deshalb fühlt es sich richtig an.

Vielleicht ist das wahre Geschenk der jiddischen Mamme, dass sie uns lehrt, wie man liebt, ohne Bedingungen zu stellen. Und dass wir, so erwachsen wir auch werden, nie aufhören, ihre Stimme im Hintergrund zu hören – mal besorgt, mal streng, immer warm. So pathetisch – und vielleicht auch ein wenig kitschig – es klingen mag: Solange auf dem Display meines Telefons diese vier Buchstaben erscheinen: MAMA, ist meine Welt heil und sicher.

Der Autor ist Redakteur der Jüdischen Allgemeinen.

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