Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Rüdiger von Fritsch Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Server down: Als das US-Nationalarchiv im März die NSDAP-Mitgliederkartei online stellte, war der Andrang so groß, dass es zu Serverproblemen und Zugriffsverzögerungen kam. Die Online-Freigabe bedeutete für sehr viele Menschen die Möglichkeit, endlich unproblematisch nachforschen zu können, ob die eigenen Eltern oder Großeltern der Nazi-Partei angehört hatten.

Diese Suche konnte sich der frühere Diplomat Rüdiger von Fritsch sparen. Sein Vater Thomas von Fritsch war bereits 1928 in die Partei eingetreten und betrachtete sich bis zu seinem Tod 2006 als Mitglied, wie der ehemalige Diplomat von Fritsch in seinem Buch »Die Geschichte in mir. Eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert« schreibt. Es ist soeben erschienen.

Im Zentrum steht die eigene Familie, deren Lebenswege exemplarisch durch die Brüche des vergangenen Jahrhunderts führen: Kaiserreich, Weltkriege, Nationalsozialismus, Flucht und Neuanfang. Besonders prägend für ihn ist die Figur des Vaters - ein überzeugter Nationalsozialist, der seine Sicht auf die Geschichte nie revidierte.

»Nirgends gab er nach, nie räumte er etwas ein, schon gar nicht deutsche Schuld und Verantwortung«, sagt von Fritsch.

Brüche und Verlust

Fritsch beschreibt eindrücklich, wie Geschichte zunächst als »Erzählstrom« in der Kindheit wirkt: diffus, widersprüchlich, emotional aufgeladen. Eltern und Großeltern haben viel Verlust, Leid und Verdrängung erlebt. »Alle Erwachsenen in meiner Kindheit waren geprägt durch den Krieg, der ihr Leben dramatisch verändert hatte«, so der Autor rückblickend.

Wie sie damit umgingen? In Trauer, Verdrängung, Resignation und Beharrung, erklärt von Fritsch. Schuld erscheint oft ausgelagert - auf »die anderen«. Erst allmählich, durch Schule, Reisen und eigene Recherchen, begann Rüdiger von Fritsch als junger Mensch, diese Deutungen zu hinterfragen.

»Ein Leben lang hat mir meine Geschichte immer wieder sperrig im Weg gelegen«, schreibt von Fritsch. Er hatte es sich als großes Projekt für seinen Ruhestand vorgenommen, alles, was er an Geschichte mitbekommen hatte, aufzuschreiben.

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Tiefe Emotionen

Als er 2019, bereits im Ruhestand, im Haushaltsbuch seiner Großmutter aus dem Baltikum blätterte, fielen ihm bei den Puddingrezepten dann Briefmarken entgegen: aus der NS-Zeit mit dem Bild Adolf Hitlers und dem Aufdruck »Ostland« oder aus der französischen Besatzungszone nach dem Kriegsende. Dieser Zufallsfund löste bei dem früheren Botschafter in Polen und in Russland tiefe Emotionen aus.

»Da lag sie plötzlich vor mir, die Geschichte des Baltikums und des alten Russlands, der deutschen Besatzung, die Geschichte von Flucht und Vertreibung, und alles kam hoch, alles, was immer in mir gearbeitet hatte«, schreibt er. Das Schicksal seiner Großeltern und Eltern, ihrer gefallenen Angehörigen, aber auch: »Das Wissen um Tod und Vernichtung, Schrecken und Zerstörung, alles, was Deutsche über andere Völker und Länder gebracht haben, meine Begegnungen mit Opfern und Hinterbliebenen, Besuche an Orten des Schreckens.«

Die Vorfahren seiner Mutter gehörten zur deutschbaltischen Oberschicht, die seit dem Mittelalter im Baltikum ansässig war. »Das ›Reich‹, wie die Deutschbalten Deutschland nannten, war für sie ein Ausland, mit dem sie Herkunft, Sprache und Kultur verband, zu dem ihre Heimat politisch aber nie gehört hatte«, erklärt von Fritsch.

Für Versöhnung arbeiten

Die Familie mütterlicherseits - die Großeltern Annie und Paul-Adolf von Hahn - lebte auf einem Gut im Norden Litauens. Das Gut Plonian ist der Referenzpunkt schlechthin für die Familie - ihr »happy place«. Die Familie verliert durch den Zweiten Weltkrieg nicht nur ihren Besitz, letztlich ihre gesamte Lebenswelt.

Mitte der 1980er Jahre trat Rüdiger von Fritsch in den diplomatischen Dienst ein. Nach verschiedenen Positionen beendete er seine Laufbahn in den 2010er Jahren als Botschafter in Polen, dann in Russland - immer dabei: das Gepäck der eigenen Geschichte. Seine Aufgabe: für Versöhnung zu arbeiten. Er warnt davor, Geschichte im Rückblick zu glätten, damit man leichter mit ihr leben könne. Es gebe nicht nur die eine Erinnerung. Vielmehr solle man Widersprüche akzeptieren und mit ihnen leben.

Rüdiger von Fritsch, »Die Geschichte in mir. Eine deutsche Familie im 20. Jahrhundert«, Siedler Verlag, München 2026, 336 Seiten, 26 Euro

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