Tanz

Ballett als Biopic

David Soares als Nurejew in der Aufführung des Staatsballetts an der Deutschen Oper Berlin Foto: Carlos Quezada

Es ist der Staatsballett-Hit der aktuellen Saison: So gut wie alle 1860 Plätze in der Deutschen Oper Berlin waren für sämtliche Vorstellungen schnell ausverkauft, und der Kassierer stöhnt schon wegen des zu erwartenden Ansturms auf die bald freigegebenen Tickets für das Jahr 2027. Der mit internationalen Preisen überhäufte Ballettabend Nurejew, 2017 am Bolschoi-Theater Moskau uraufgeführt und ebendort 2023 wegen »Verstoß gegen russische Werte« verboten, wurde zu einer Art dramatischer Tanz-Revue.

Ein Gesamtkunstwerk aus Sprache, Tanz (Choreografie: Yuri Possokhov) und Gesang (Musik: Ilya Demutsky) in Szene gesetzt vom erfolgreichen russischen Theaterregisseur Kirill Serebrennikov, der, wie er sagt, nicht »als Jude lebt«, jedoch Sohn eines jüdischen Vaters ist und sich selbst ausdrücklich »als Jude« bezeichnet.

Lebensstationen werden anhand der tatsächlich erfolgten »Sotheby-Auktion« des Nachlasses von Nurejew erzählt

Serebrennikov hat den Abend als eine Art getanztes Biopic gestaltet, das Rudolf Chametowitsch Nurejews Lebensstationen anhand der tatsächlich erfolgten »Sotheby-Auktion« seines Nachlasses erzählt.

Während die Bieter von Ballettkomparsen reiferen Alters getanzt werden, deren gestandene Körperlichkeit in rührendem Gegensatz zu ihrem nach wie vor präsenten tänzerischen Können steht, übernimmt die ausführlichen englischsprachigen, von deutschen Übertiteln begleiteten Erläuterungen des Auktionators der amerikanische Schauspieler Odin Lund Biron, der 2009 zur Ausbildung nach Russland ging, dort zum Theater- und Filmstar avancierte und seine neue Heimat nach der russischen Invasion der Ukraine 2022 wieder verließ.

In Moskau wurde das Werk uraufgeführt und ebendort 2023 wegen »Verstoß gegen russische Werte« verboten.

Anfangs ist die Bühne hell und licht, mit prächtiger Eingangstür und wehenden Schleiervorhängen. An der Wand hängt ein Zarenporträt, das zunächst durch ein Lenin- , dann durch ein Stalin- und schließlich durch ein Chruschtschow-Bild ersetzt und dabei jedes Mal aufs Neue mit Blumen geschmückt wird. Anmutige Tänzer und Tänzerinnen – echte »Eleven und Elevinnen« des Staatsballetts – zeigen, was sie können, worauf der junge Nurejew (im Gegensatz zu ihnen ganz in Weiß) erscheint und seine überragende Begabung unter Beweis stellt.

So wird, Nummer um Nummer, von oft längeren Texteinschüben unterbrochen, die russische Karriere dieses schon damals nicht einfachen Tänzers – er kommt, wie anders, verspätet zum Unterricht – nachgetanzt, während der Auktionator (wohl originale) Spitzelberichte über Nurejews Unbotmäßigkeit und ungehörige Westkontakte vorträgt. Bis sich der Nurejew-Tänzer über die nun die Bühne zustellenden Sperrgitter schwingt und in die Freiheit entkommt. In ein Paris, in dem Mädchen mit Pferdeschwänzen tanzen, die bald von Crossdressern in Damenstrümpfen und Tigerhüten abgelöst werden, was den jungen Neuankömmling offensichtlich fasziniert.

Es folgt Nurejews schicksalhafte Begegnung mit dem Inbegriff des »Danseur Noble«, dem zehn Jahre älteren dänischen Tänzer Erik Bruhn, der auf der Bühne wie im wirklichen Leben, sobald er nicht tanzt, an einer Zigarette zieht. Die beiden homosexuellen Männer finden sich in einer großen Liebe, die als wichtigste und intensivste persönliche Beziehung des russischen Tänzers gilt und die nach der sechs Jahre dauernden »romantischen« Phase, in der sie zusammenlebten, bis zum frühen Tod von Bruhn (1986, die Ursache war Lungenkrebs) bestehen blieb. Und wir bekommen Nurejews berühmte Bühnen-Partnerschaft mit der großen, 20 Jahre älteren englischen Ballerina Margot Fonteyn vorgetanzt. Gemeinsam feierten sie einen internationalen Erfolg nach dem anderen.

1993 starb Nurejew in Paris an Aids

Im zweiten Teil, nach der Pause, verlieren sich die Sprecherkommentare, und wir erleben den schwierigen Star, der andere Tänzer von der Bühne schubst und sich gnadenlos in den Vordergrund spielt. Das Bühnenbild verdüstert sich, die übereinander hängenden klassischen Bühnenbildprojekte – ein Wald, ein See, eine Burg – werden abgerollt und weggetragen, bis nur die triste graue Wand übrigbleibt. Die hellen lichten Fensteröffnungen haben sich in Graffiti-bedeckte schwere Beton­bögen verwandelt, die munteren Tänzer in Lederhosen-bekleidete Stricher mit nackten Oberkörpern, bei denen Nurejew sich mit HIV angesteckt haben könnte. 1993 starb er in Paris an Aids.

Kirill Serebrennikov lebt nicht »als Jude«, ist jedoch Sohn eines jüdischen Vaters und bezeichnet sich selbst ausdrücklich »als Jude«.

Vor einem letzten, ebenso glanzvollen wie grotesken Auftritt als »Sonnenkönig« in einem barocken Ballett tanzt eine Ballerina ein ergreifendes Solo zu Mahlermusik, während der Sprecher ihren traurigen Abschiedsbrief an den toten Nurejew vorliest, in dem sie die verpassten Möglichkeiten und das nicht gemeinsam Erreichte bedauert.

Gezeigt wird ein Künstler, der bei allem Ruhm und äußerem Glanz ein tragischer und einsamer Mensch blieb. Ein »Russe« oder »russischer Künstler«, wenn man so will, der jedoch den Anschluss zur Welt gesucht und gefunden hat und sich – wie die vielen vom Ausrufer begeistert angepriesenen Kunstgegenstände beweisen – als Teil einer übergreifenden Menschheitskultur verstand. Und das sowohl im realen Leben wie in dessen Vermittlung durch seinen Landsmann und Künstler-Kollegen Kirill Serebrennikov.

Wieder am 23. und 26. April 2027 und 3., 7., 12., 15. und 17. Mai 2027. Die Tickets werden am 8. Mai 2026 freigeschaltet. Ein Mitschnitt der Premiere ist in der ARTE-Mediathek zu sehen.

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