Es gibt Momente, in denen Fernsehen sich selbst entlarvt. Nicht durch einen Skandal oder einen falschen Satz, sondern durch das, was nicht gesagt wird.
Beim ESC gab das deutsche Publikum Israel zwölf Punkte. Die Höchstwertung. Ausgerechnet Deutschland, ausgerechnet in einem Jahr, in dem Israels Teilnahme von Boykottaufrufen und moralischer Daueranklage begleitet war. Das war keine Nebensache. Ein israelischer Künstler erreichte den zweiten Platz im Publikumsvoting und widersprach damit still, aber deutlich, einer Erzählung, die seit Monaten den öffentlichen Raum prägt: Israel sei isoliert, unerwünscht, kulturell verdrängt.
Die Zuschauer sahen das offenbar anders. Man musste kein Nahostexperte sein, um zu erkennen: Das war eine Nachricht.
Umso bemerkenswerter war die ARD-Aftershow. Dort wurde über vieles gesprochen: Auftritte, Stimmungen, Oberflächen. Nur der vielleicht interessanteste gesellschaftliche Moment des Abends blieb auffallend klein. Für mich als Juden war das kaum anzusehen. Nicht, weil ich eine Israel-Feier erwartet hätte, sondern weil dieses Ausweichen so sichtbar war, dass es selbst zur Aussage wurde.
War es Vorsicht? Redaktionelle Linie? Wurde Barbara Schöneberger angewiesen, das Thema klein zu halten? Diese Frage muss erlaubt sein. Es ist eine journalistische Frage an eine Redaktion, die sonst jede Nebensächlichkeit erkennt, aber ausgerechnet diesen Moment übergeht. Vielleicht brauchte es nicht einmal eine Anweisung. Vielleicht ist das Problem längst tiefer verwurzelt. Vielleicht wissen viele in den Redaktionen inzwischen, dass Israel nur in bestimmten Rollen sendetauglich ist: als Konflikt, als Problem, als Angeklagter.
Aber Israel als Publikumsliebling? Als kulturelle Normalität? Da wird es plötzlich eng.
Hier liegt die Schieflage. Israel ist im öffentlich-rechtlichen Raum sehr sichtbar, wenn es kritisiert werden kann. Das ist legitim. Israelische Politik muss kritisiert werden können. Aber Journalismus wird zur Verzerrung, wenn Israel fast nur noch dort stattfindet, wo es ins Täterbild passt. Wenn Israel trauert, wird es kompliziert. Wenn Juden Angst haben, wird es abstrakt. Wenn ein israelischer Künstler gewinnt, fehlt plötzlich die Zeit.
Das ist kein Zufall mehr, wenn es sich wiederholt.
Der frühere ARD-Korrespondent Oliver Mayer-Rüth beschrieb kürzlich das »Diktat des Algorithmus«. Ausgewogenheit riskiert Nichtbeachtung, moralische Positionierung bringt Aufmerksamkeit. Journalisten werden zu Influencern, Einordnung wird Haltung. Beim Thema Israel ist diese Entwicklung toxisch. Der Algorithmus liebt einfache Rollen. Empörung statt Kontext. Und im Nahostkonflikt führt diese Logik fast immer in dieselbe Richtung: palästinensisches Leid im Zentrum, israelische Verantwortung im Vordergrund, jüdische Angst am Rand.
Ich habe die Nahost-Berichterstattung in sozialen Medien selbst mit verschiedenen KI-Tools ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen ein Muster: Israelkritische Narrative erhalten deutlich mehr Resonanz als komplexe Einordnungen. Bei einer prominenten ARD-Journalistin wurde die Wirkung von mehr als der Hälfte ihrer Beiträge als tendenziell israelkritisch eingestuft. Auffällig war vor allem die Belohnung: Zugespitzte, kritische Beiträge erzielten bis zu dreimal mehr Likes.
Das ist keine persönliche Abrechnung. Es ist eine Systemfrage. Was passiert, wenn Journalisten zugleich Reichweitenfiguren sind und täglich sehen, welche Erzählung Applaus bringt? Wenn diese Logik entscheidet, was im Fernsehen wichtig erscheint?
Dann wird Journalismus zur Milieu-Kommunikation. Man sendet für jene Kreise, deren Zustimmung man nicht verlieren möchte.
Für jüdische Zuschauer ist das nicht theoretisch. Bilder und Auslassungen wandern in den Alltag. In Universitäten, Klassenzimmer, vor Synagogen. Wenn Israel öffentlich fast nur als moralisches Problem erscheint, entsteht ein Klima, in dem Juden leben müssen.
Deshalb war die Aftershow kein kleiner Fernsehmoment. Sie war ein Symptom. Deutschland gab Israel douze points. Und im Fernsehen wurde es still. Manchmal ist Schweigen keine Lücke. Manchmal ist Schweigen die Nachricht.