Wie viele Bücher sind schon über den Nahostkonflikt geschrieben worden? »Zu viele«, würden manche sicherlich antworten. Oft sind es bekannte Ansätze, vielleicht ein wenig neu verpackt, aber im Kern dasselbe. Und dann gibt es Muscheln am Strand von Gaza. Auch das Erstlingswerk von Hamza Abu Howidy handelt vom Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis.
Doch dieses Buch ist keins, durch das man sich mühevoll hindurcharbeiten muss. Es ist ein Pageturner, macht ein schweres Thema zur leichten Lektüre, ohne dabei seicht zu sein. Jede Seite zieht einen weiter hinein in die Lebensgeschichte dieses jungen Palästinensers. Er beschreibt, wie er (geboren 1997) in den 2000er-Jahren im Gazastreifen aufwächst, berichtet über seine Familie, von der prägenden Beziehung zum Vater, der ihm beim Muschelsammeln am Strand mehr über das Leben beibringt als jede Schule.
Gleichzeitig sind Indoktrination und Gewalt unter der Hamas in der Enklave allgegenwärtig, nicht abstrakt oder durch Hörensagen, sondern direkt vor der Haustür auf der Straße. Es ist ein Alltag, in dem Angst und Enge früh zur Normalität werden.
Abu Howidy, der als junger Mann gegen die Terrororganisation protestierte, dafür zweimal verhaftet und gefoltert wird und schließlich fliehen muss – über Ägypten und in einem Schlauchboot über das Mittelmeer, obwohl er nicht schwimmen kann –, nimmt uns mit auf eine Reise. Nicht nur die seiner Flucht, sondern tief in sein Inneres, seine Ängste, Zweifel und Hoffnungen.
Auseinandersetzung mit dem Islam
Die Auseinandersetzung mit dem Islam, seiner Familie und einem Leben, das oft von Grausamkeit geprägt ist, beschreibt er mit der Klarheit seiner Erfahrungen. Und manchmal voll Zärtlichkeit, denn auch in Gaza gibt es Schönes und Lebenswertes: gestohlene Momente mit der heimlichen Freundin, die Liebe seiner Mutter, das Meeresrauschen in einer Muschel, die er sich ans Ohr hält. Immer wieder ist man tief berührt. Stellenweise wirkt der Text leicht, beinahe heiter, nur um im nächsten Moment mitten ins Herz zu treffen.
Der Autor spart nichts aus: weder den Terror der Hamas noch Kritik an der israelischen Regierung oder seine eigene gedankliche Verstrickung als Kind in ein System, das er erst später hinterfragt.
Abu Howidy argumentiert nicht in Thesen, sondern durch sein reales Erleben. Der große Konflikt wird greifbar, wenn er die soziale, politische und religiöse Enge beschreibt, in der er aufgewachsen ist. Seine Flucht ist nicht nur eine geografische Bewegung, sondern auch eine intellektuelle und emotionale. Der Autor spart nichts aus: weder den Terror der Hamas noch Kritik an der israelischen Regierung oder seine eigene gedankliche Verstrickung als Kind in ein System, das er erst später hinterfragt. Dies aber so gründlich, dass er zu dem Schluss kommt: »Manchmal fühle ich mich wie der einsamste Palästinenser auf der Welt.«
Bemerkenswert ist zudem, wie viel Verständnis und Wissen der Autor für die »andere Seite« – Israel und Israelis – an den Tag legt. Sein differenzierter Blick zeugt von der außergewöhnlichen Zivilcourage dieses jungen Mannes und macht sein Debüt noch eindringlicher.
Mit jeder Zeile riskiert er sein Leben
Die Lebensgeschichte von Hamza Abu Howidy ist ein ehrliches und verletzliches Buch. Das sollte prinzipiell für jeden gelten, der sein Inneres nach außen kehrt und die Leser daran teilhaben lässt. Doch in Hamza Abu Howidys Realität ist es vor allem unglaublich mutig. Denn mit jeder Zeile riskiert er sein Leben. Mittlerweile ist er als Friedensaktivist eine der couragiertesten Stimmen des palästinensischen Exils geworden. Und doch lässt er sich von keiner Seite vereinnahmen. Abu Howidy will nicht gefallen, sondern seine eigene Wahrheit offenlegen.
Muscheln am Strand von Gaza ist aber auch mehr als ein persönlicher Bericht zum Nahostkonflikt. Denn das Werk schafft etwas Seltenes: Er erschüttert und richtet dennoch auf, schockiert und macht gleichzeitig Hoffnung, dass Frieden in Nahost immer noch möglich ist. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre sein – in Gaza, in Israel und am besten überall auf der Welt. Nicht, weil es einfache Antworten liefert. Sondern, weil man nach der letzten Seite anders weiterdenken kann als zuvor.
Hamza Abu Howidy: »Muscheln am Strand von Gaza. Erinnerungen an ein zerstörtes Land«. Deutsch von Judith Poppe, S. Fischer, Frankfurt 2026, 240 S., 24 €