Es war vor Kurzem in Italien. Mitten in der historischen Altstadt von Siena, in einem schmalen Seitengässchen, wo keine drei Tische Platz haben. Und was höre ich am Nebentisch? Iwrit! Gut, das ist vielleicht noch keine Besonderheit. Aber dann auf dem Spielplatz irgendwo im Süden Englands – was höre ich? Iwrit! Immer noch nicht überrascht? Also geht’s weiter mit dem Postschiff in Richtung Lofoten. Was höre ich auf dem Deck? Iwrit!
Es ist ein bisschen wie ein sechster Sinn, nur nutzloser. Andere Menschen hören ihren Namen aus 100 Metern Entfernung. Ich höre ein einziges »ch« durch drei Gespräche hindurch, über das Klirren von Besteck hinweg, und denke sofort: Iwrit! Und schon bin ich geistig nicht mehr im Restaurant, sondern mitten in einem inneren Sprachtest, den ich nie bestanden habe.
Sie verfolgt mich also, diese Sprache, die weltweit nur etwa neun Millionen Menschen sprechen und die in ihrer Urform seit mehr als 5000 Jahren existiert. Vielleicht ist es auch nur die erste Sprache, die mich überall begleitet, ohne mich zu fragen, weil sie im weitesten Sinn Teil von mir ist. Dies, obwohl ich ihrer nicht zu 100 Prozent mächtig bin. Das Absurde ist nur: Je weniger ich verstehe, desto sicherer bin ich mir, dass ich eigentlich alles verstehen müsste.
Es ist mein sprachliches Back-up, eine Art geistige Notlandung, wenn alles andere erodieren sollte.
Als hätte sich die Sprache darauf geeinigt, genau in dem Moment aufzutauchen, in dem ich am wenigsten vorbereitet bin. Sie erscheint, wenn ich gerade versuche, meine Tasche zu schließen, ein Eis zu bestellen oder aus der Tram auszusteigen. Ich kralle mich an jedes einzelne Wort, das ich meine, verstanden zu haben, in der Hoffnung, dass das Folgende mir auch wieder verständlich ist. Aber das macht die Sache nicht besser.
Im Gegenteil, der Wunsch, sich im sprachlichen Fluss des Hebräischen zu bewegen wie ein Fisch, der keine Hindernisse umgehen muss, weil es sie schlicht nicht gibt, wird dadurch nur noch verstärkt. Denn Iwrit ist für mich weit mehr als ein Nice-to-have. Es ist mein sprachliches Back-up, eine Art geistige Notlandung, wenn alles andere erodieren sollte.
Der pragmatischere Ansatz wäre Englisch, keine Frage, alles mit im Gepäck. Auch ein Ulpan wäre machbar.
Ein Glück, dass viele Israelis ihre Sprache außerhalb Israels auch noch tatsächlich sprechen.
Aber darum geht’s nicht. Es ist lediglich dieses Gefühl, irgendwo auf der Welt zu sein und diese Sprache zu hören. Mein Gehirn hat längst einen »Hebräisch-Alarm« installiert. Manchmal geht es gar so weit, dass ich mir einbilde, Iwrit gehört zu haben. Dann fängt mein innerer Sport erst richtig an, um mir zu beweisen, dass ich mich nicht getäuscht habe. Ein Glück, dass viele Israelis ihre Sprache außerhalb Israels auch noch tatsächlich sprechen.
Wenn ich erfolgreich war, gönne ich mir den Smalltalk – ich gehöre ja dazu. Die meisten reagieren positiv, man endet in einem netten Gespräch mit jemandem aus Raanana, Tel Aviv oder den Vororten Haifas. Zwei, drei Sätze sind dann auf Hebräisch ausgetauscht, und man weiß, woher der andere kommt und was ihn hierhergeführt hat. Irgendwann ebbt der Smalltalk wieder ab, die Wege trennen sich.
Zurück bleibt jedoch dieser kleine leuchtende Moment, diese Verbindung, die gewiss über die Sprache entstanden ist, aber letztlich tiefer liegt und mir klarmacht: Da ist so viel Vertrautes, selbst mitten im Fremden. Und vielleicht ist es genau dieses kurze Aufleuchten, das mich jedes Mal wieder aufhorchen lässt. So sitze ich also wieder in der Tram, höre ein paar vertraute Laute – und übe mich weiter als Iwrit-Detektor.