Kulturkolumne

Meine halbierte Bibliothek

Die unendliche Geschichte von Ortswechseln begleitet immer ein Kampf der Bücher. Foto: Getty Images

Jahrzehntelang haben sie friedlich zusammengelebt. Vielleicht 4000. Sie wohnten, geduldig und anspruchslos, eng aneinandergeschmiegt. Große Familien mit fest gestütztem Zusammenhalt bildeten den Grundstock für Ordnung. Staub schien sie nicht zu stören, auch die Unerreichbarkeit in höheren Etagen war ihnen egal.

Für Neuzugänge rückten sie näher zusammen. Hin und wieder allerdings unternahm ein Familienmitglied einen Ausflug und hinterließ eine Lücke. Manche stellten sich daraufhin schräg und schlossen den Spalt. Der abtrünnige Verwandte kehrte selten zurück, landete fremd in einem neuen Familienverbund, meist sogar auf oder hinter ihm und ward dort nie wieder gefunden. Kurz: Unsere Bücher führten ein typisches, recht beschauliches Bibliotheksleben.

Und nun herrscht plötzlich Krieg. Die unendliche Geschichte von Ortswechseln begleitet immer ein Kampf der Bücher. Angeheizt ausgerechnet von jenen, denen sie bislang treu die Wände verdeckten, die sie getröstet, gebildet, unterhalten, inspiriert, aufgeregt und beruhigt haben.

Das Drama der betagten Bücher ist leider die traurige Nebenwirkung eines jeden Umzugs in kleinere Räume. Ehemals im besten Falle gern gelesen (einige auch nie), dann nur noch betrachtet, sollen sie jetzt aussortiert oder in unspezifische Kisten zusammengepfercht an einem neuen Ort aufgestellt werden. Mit genau der Hälfte an Platz.

Wie respektlos: eine halbierte Bibliothek. Wer darf mitkommen? Wer muss gehen? Wo bislang gleiches Recht für alle herrschte, entsteht eine erbarmungslose Hierarchie.

Wer darf mitkommen? Wer muss gehen? Wo bislang gleiches Recht für alle herrschte, entsteht eine erbarmungslose Hierarchie.

Bücher, die die Weltseele beschreiben, sind die ersten Sieger, sie dürfen bleiben. Die Bibel, die Tora, Goethes Faust, Dantes Göttliche Komödie, Shakespeares Dramen, Nathan der Weise. Ebenso unantastbar: Heine Gesamtausgabe, Tucholsky in allen Ausgaben. Kafka sowieso, selbst als in Studentenjahren erstandene, vergilbte Taschenbuchausgaben.

Dann aber geht’s los: Günter Grass gegen Uwe Johnson. Blick in die eigenen Geschmackstiefen: Johnson gewinnt. Daniel Kehlmann oder Juli Zeh? Wollen beide wirklich noch mal gelesen werden? Herta Müller gegen Krasznahorkai? Churchill gegen Mandela? Schwierig. Primo Levi gegen Ivo Andrić: despektierlich. Die Biografie von Billy Wilder gegen die von Friedrich Hollaender: unentschieden. Beide dürfen bleiben.

Die wegen ihrer Ablenkung vom Weltgeschehen hochgeschätzten Kriminalromane beklagen in diesem Krieg die meisten Opfer. Sie finden Asyl in Literaturcafés, Krankenhaus- und Gefängnisbüchereien. Ausstellungskataloge wandern immerhin geschlossen ins kunsthistorische Seminar der Uni.

Was nach außen logisch und vernünftig klingt, gleicht innerlich der Suche nach einer verlorenen Zeit. Und diese drängt. Dennoch lesen wir uns immer wieder fest. Stunden vertrödeln wir in Hermann Parzingers Geschichte der Menschheit vor der Entstehung der Schrift. Die Kinder des Prometheus hatten unsere Sorgen nicht.

Glückliches Neolithikum. Die Gestimmtheit, mit der man einst ein Buch las, schiebt sich erinnernd bei jeder Entscheidung für oder gegen das Werk nach vorn.

Die Welt von Gestern scheint auf, die mit vielen Büchern verknüpft ist. Es ist ein Schmerz um den Abschied von biografischen Etappen. Er wiegt irgendwann schwerer als die Kisten, die wir wegbringen. Elias Canettis Gedanke stimmt: »Vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist.«

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