Gesangswettbewerb

ESC: Ein bisschen Aufregung in Wien

Das zweite ESC-Halbfinale am Donnerstag Foto: picture alliance / TT NEWS AGENCY

Über was sollten wir uns eigentlich aufregen, während das 2. Halbfinale des ESC lief? Weder das Kleid (genauer: die verschiedenen Kleider) von Sarah Engels wurden am Donnerstagabend gezeigt, noch hat Noam Bettan unverschämterweise seine sensible und melodiöse Ballade gesungen, womit er ja bloß …, ach Sie wissen ja genau wie ich, was einem Israeli, der bloß seinem Beruf nachgehen möchte, alles vorgeworfen wird. 

Lösen wir uns lieber von diesem Kram. Versuchen wir es doch mal mit Alltäglichem. Wo gucken wir eigentlich am Samstagabend das Finale? Wo haben wir am Donnerstag geguckt, um herauszufinden, wer ins Finale darf - außer den Top Five natürlich, die für die Musikindustrie so wichtige Absatzmärkte sind, die sich gefälligst im Finale präsentieren sollen?

Ach, halt, stopp, ich rege mich wieder auf, und dafür sind Donnerstagabende, an denen man Fernsehen schaut, nicht erfunden worden. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich mir die Frage wegbeiße, warum es so viel Erregung um Israels Teilnahme gibt, während der Beitrag Aserbaidschans, der am Donnerstag lief, vermutlich ganz normal und selbstverständlich unpolitisch ist. Aber immerhin wurde der Beitrag dieses Landes nicht ins Finale gewählt. Puh.

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Wo gucken wir also? Wären wir in Wien, müssten wir in die »MQ Kantine« - MQ steht für Museumsquartier. Die Geschichte sagt nämlich - es tut mir leid, so etwas wieder und wieder erzählen zu müssen - viel aus.

Dass Wien nicht nur den ESC ausrichtet, sondern auch berühmt für seine Kaffeehäuser ist, dürfte bekannt sein. Diese zwei Tatsachen zusammenfügend kam die Stadt Wien auf diese tolle Idee: Die ESC-Fans sollen diese einzigartigen gastronomischen Einrichtungen für sich erobern, »ausgewählte Kaffeehäuser übernehmen die Patenschaft für die Teilnehmerländer und bieten ein buntes Programm vom Coffee Rave bis zum Brunch.« Ich weiß zwar nicht, was ein Coffee Rave ist, aber ich würde hingehen.

Von dem Wiener Schriftsteller Friedrich Torberg stammt die Sentenz: »Ein Jud’ gehört ins Kaffeehaus«. Das ist kulturhistorisch bekannt, dennoch fand sich kein Café, das die Patenschaft für Israel übernommen hätte. Es war die MQ Kantine, die sich meldete, auch wenn es kein klassisches Kaffeehaus ist. Die Chefin der Einrichtung bewies die selbstverständliche Courage, die man sich von den anderen auch gewünscht hätte.

Keine Favoriten

»Wiener Kaffeehäuser waren immer Orte der Juden«, sagte Lisa Wegenstein, die Pächterin, und schob die naheliegende Frage nach: »Und dann steht keines dieser Kaffeehäuser für Israel auf?« Sie meldete sich, hängte in ihrem Lokal Israelfahnen auf und schrieb einen »ESC Jerusalem Teller« auf die Speisekarte.

Am Samstagabend tritt Israel im Finale an. So weit ich das beurteilen kann, gibt es in diesem Jahr keinen zwingenden Favoriten und auch keine Favoritin. Zu den Sieganwärtern im weiteren Kreis gehört Noam Bettan mit seinem Song »Michelle« sehr wohl. Gute Gründe also, sich das alles anzuschauen und, das gehört ja wohl dazu, sich auch ein bisschen aufzuregen. Wären wir in Wien, täten wir das wohl in der MQ Kantine. 

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