Er ist in Brooklyn geboren, hat seine Schulzeit in Nürnberg verbracht und zählt seit einem halben Jahrhundert zu den brillantesten Vertretern des Jazz-Fusion-Genres: Jay Beckenstein, Saxofonist, Gründer und Kopf der Band Spyro Gyra, feiert heute seinen 75. Geburtstag.
Aufgewachsen in einer jüdischen Familie auf Long Island, bekam Beckenstein die Musik früh mit auf den Weg. Sein Vater Leonard schwärmte für Jazz und legte Charlie Parker und Lester Young auf. Es waren Klänge, die Jay prägten. Mutter Lorraine war Opernsängerin.
Mit fünf Jahren begann Jay Beckenstein, Klavier zu spielen, mit sieben bekam er sein erstes Saxofon. Im letzten Schuljahr zog die Familie nach Deutschland. Beckenstein schloss 1969 die Nuremberg American High School ab.
Als Jude in Deutschland
Seine Zeit als Jude in Deutschland beschreibt er rückblickend als grundsätzlich positiv, wenngleich ihn ein Erlebnis nachhaltig erschütterte: Bei einem Besuch bei einem älteren Nachbarn entdeckte er zufällig ein altes Foto des Mannes in SS-Uniform. Er betrat das Haus nie wieder.
Nach dem Musikstudium an der University of Buffalo (Bundesstaat New York), wo er einmal mit Dizzy Gillespie auf der Bühne stand, gründete Beckenstein 1974 gemeinsam mit dem Pianisten Jeremy Wall Spyro Gyra, eine Band, die herausstach und ihren Namen einer grünen Algenart verdankt.
Der Durchbruch kam 1979 mit dem zweiten Album Morning Dance, das in Großbritannien bis auf Platz 11 kletterte und mit dem gleichnamigen Titel die Spitze der amerikanischen Adult Contemporary Charts erreichte. Gäste wie Randy und Michael Brecker sowie Steve Jordan verliehen der Produktion zusätzliches Gewicht.
Erfolgreichster Jazz-Act
Es gehört einiges dazu, ein Instrumentalstück in die Charts zu bringen. Vor einem halben Jahrhundert mag dies etwas leichter gewesen sein als heute, aber es war dennoch eine Leistung. Neben dem Stück »Morning Dance«, geschrieben und gespielt von Jay Beckenstein mit der Band, gab es noch »Pick Up the Pieces« von der schottischen Soul- und Funk-Kombo The Average White Band, das »Love Theme« von Barry Whites Love Unlimited Orchestra und ein paar Stücke mehr.
Schon zuvor landete Spyro Gyra mit dem »Shaker Song« einen weiteren Instrumental-Hit, der sogar von The Manhattan Transfer mit Gesang interpretiert wurde. Dies hatte wohl auch damit zu tun, dass das ebenfalls jüdische Mitglied Janis Siegel in Studienzeiten mit Beckenstein zusammenwohnte.
In den 1980er Jahren baute Beckenstein in Suffern (New York) sein eigenes Tonstudio — BearTracks Studios, das bis 2006 die Heimat zahlreicher Spyro-Gyra-Alben blieb. Das Jahrzehnt endete mit einem Ritterschlag: Billboard kürte die Band zum erfolgreichsten Jazz-Act der Dekade.
Sanft und durchdringend
Über 50 Jahre nach ihrer Gründung touren Spyro Gyra weiterhin viel. In diesem Jahr stehen noch 16 Konzerte in den USA an. Im Laufe der Zeit veränderte sich der Sound. Der Jazz-Funk und Jazz-Rock, für den die Band bekannt war, macht zum Teil Calypso-Klängen Platz, wie sich vor drei Jahren im Berliner Club »A-Trane« herausstellte. Insgesamt wurde die Band sanfter.
Beckenstein ist die Konstante, während andere Bandmitglieder kamen und gingen. Zu seinen wichtigsten Bandkollegen gehörten der Vibrafonist Dave Samuels, der 2019 verstarb, der Schlagzeuger Joel Rosenblatt und der Pianist Tom Schuman, der vor ein paar Jahren ausstieg und heute in Spanien lebt.
Nicht nur als Gründer einer der interessantesten Fusion-Bands und als Komponist macht Jay Beckenstein eine gute Figur, sondern vor allem auch als Saxofonist. Sein sanfter, aber dennoch durchdringender Klang ist sofort wiedererkennbar. Jazz-Liebhaber, die bei quietschenden Saxofonen abschalten, kommen bei Beckenstein auf ihre Kosten.
Im März erklärte Jay Beckenstein in einem Interview mit Frank Housh vom »Media Room«, er habe im Laufe der Dekaden viele Spyro-Gyra-Stücke selbst zugeliefert. Nun, gut 50 Jahre nach der Gründung, sei diese Aufgabe aber Team Work geworden. Der Einfluss aller Beteiligten solle einfließen. Dies macht die Bandbreite größer, denn jeder Musiker hat etwas beizutragen. Der langjährige Band-Gitarrist Julio Fernandez ist eher ein Jazz-Rocker, wie auch an seinen Solos zu hören ist, während Bassist Scott Ambush sowie Jay Beckenstein selbst eher im dem Jazz-Funk-Bereich zuhause sind.