Eurovision Song Contest

Die Leichtigkeit der anderen

Am 24. Mai 1956 setzt sich gegen 21.20 Uhr im Kursaal des Teatro von Lugano ein Mann ans Klavier und spielt ein Chanson. An diesem Abend wird hier der erste Grand Prix Eurovision der Geschichte ausgetragen, und Walter Andreas Schwarz, so heißt der Mann, ist der erste Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in diesem Wettbewerb. Dass Schwarz dieses Land bei einer solchen Veranstaltung vertreten würde, hätte er selbst wohl noch wenige Jahre zuvor für undenkbar gehalten. Denn der Sänger und Schauspieler, zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt, ist Jude.

Andreas Schwarz, so sein bürgerlicher Name, kommt am 2. Juni 1913 in Aschersleben zur Welt. Die Wurzeln seiner Familie reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Er wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf: Die Mutter betreibt einen Laden für Landwirtschaftsbedarf, Andreas steht der Sinn nach anderem. Er liebt Musik und Theater, hat ausgeprägte Talente für beides – und er hat Glück. Ein wohlhabender, ebenfalls jüdischer Freund der Familie erkennt das große Talent des Jungen und finanziert ihm ein Schauspielstudium am renommierten Max Reinhardt Seminar in Wien.

Als Schwarz zu studieren beginnt, herrscht in Deutschland und Österreich politisches Chaos. Noch sind beide Länder parlamentarische Demokratien, doch nur wenige Monate später ist es damit vorbei. Am 30. Januar 1933 ergreifen in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht; im selben Jahr bauen die Austrofaschisten Österreich in eine Diktatur nach dem Vorbild Italiens um. Beide Regierungen sind strikt antisemitisch. Schwarz kann sein Studium trotzdem mit Erfolg abschließen und schafft anschließend den nahtlosen Übergang auf die Bühne des Wiener Volkstheaters.

Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich endet die Karriere jäh

Dort spielt er in leichten zeitgenössischen Stücken neben Größen wie Attila Hörbiger oder Heinrich Schnitzler, dem Sohn des Schriftstellers Arthur Schnitzler. Trotz aller Widrigkeiten scheint sein Stern aufzugehen. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich aber endet die Karriere jäh. Jüdinnen und Juden werden nun noch rigoroser ausgegrenzt, auf den Bühnen Wiens ist kein Platz mehr für sie.

Schwarz kehrt zu seiner Familie nach Aschersleben zurück und erlebt dort die Pogromnacht 1938. Kurz darauf wird die gesamte Familie deportiert; Andreas Schwarz wird ins niedersächsische Holzen verschleppt, in ein Außenlager des KZ Buchenwald. Doch hat er Glück im Unglück – der Lagerkommandant ist ein ehemaliger Schulfreund. Dank seiner Hilfe kann Schwarz die Schoa überleben. Einem Bruder gelingt das ebenfalls, die Eltern werden ermordet.

Nach der Befreiung 1945 geht Andreas Schwarz nach London, wo er als Übersetzer für die BBC arbeitet. Als in Deutschland nach dem Krieg der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu senden beginnt, wirkt Schwarz an einigen der ersten Hörspielproduktionen mit und gehört fortan zum Stammpersonal. Er tritt nun unter dem Künstlernamen Walter Andreas Schwarz auf – und das nicht nur als Hörspielsprecher, sondern auch als Musiker.

Der Lagerkommandant war ein ehemaliger Schulfreund von ihm.

Er schreibt Chansons, stilistisch geprägt vom Sound der Weimarer Republik und starken französischen Einflüssen. Leise Töne statt lautem Getöse, Nachdenklichkeit statt eskapistischem Schlager. Die Texte sind ebenso poetisch wie humorvoll, gelegentlich auch spöttisch-satirisch. Wenn da von den »Fettgesichtern« die Rede ist oder auch von den »alten Stadtmusikanten«, werden mutmaßlich genau die alten Nazis aufs Korn genommen, die es sich nun, in der »Fresswelle« der bundesrepublikanischen 50er-Jahre, wieder gut gehen lassen. Wirklich massentauglich ist seine Musik zu dieser Zeit nicht. Sie ist vor allem in kulturbeflissenen Rundfunksendungen zu hören, die Minderheitenkultur bieten. Dem breiten Publikum bleibt er nahezu unbekannt.

Es ist wohl diese Verbindung zum Radio, die dazu führt, dass Schwarz Anfang 1956 in London ein Telegramm des Hessischen Rundfunks erhält. Es handelt sich um eine Einladung nach Köln zum deutschen Vorentscheid für einen neuen europäischen Musikwettbewerb namens Grand Prix Eurovision. Am 1. Mai fährt Schwarz nach Köln, im Gepäck hat er sein Chanson »Im Wartesaal zum großen Glück«.

1956 darf jedes Land zwei Beiträge einreichen

Dort kommen die damaligen Größen der deutschen Schlagerbranche zusammen, etwa Margot Eskens oder Friedel Hensch. Weil 1956 nur insgesamt sieben Länder am Finale des Grand Prix teilnehmen, darf jedes Land zwei Beiträge einreichen. Überraschend können sich beim Vorentscheid zwei Unbekannte gegen die großen Namen durchsetzen: Freddy Quinn und Walter Andreas Schwarz. Quinn gewinnt mit einem Titel, der starke Ähnlichkeit zu »Rock Around the Clock« von Bill Haley aufweist. Und so kommt es, dass ein Land, in dem man die Zeit des Nationalsozialismus damals verdrängt, von einem Überlebenden des Holocaust vertreten wird.

Was Walter Andreas Schwarz dann in Lugano auf die Bühne bringt, ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Im Gegensatz zur Version, die später auf Platte erscheinen wird, beginnt die beim Grand Prix dargebotene Fassung mit einem rasch anschwellenden, orchestralen, donnernden und zugleich swingenden Intro, das problemlos in ein Brecht-Stück passen würde. Das anfängliche Aufbrausen legt sich aber ebenso schnell wieder, und dann ist da nur noch Schwarz’ leises Klavierspiel zu hören. Darüber legt sich der dargebotene Text, mehr gesprochen als gesungen: »Es gibt einen Hafen, da fährt kaum ein Schiff / Und wenn eines fährt, so in unbestimmte Ferne.« Es ist ein Auftritt, der sich deutlich von der Chanson-Massenware des Abends abhebt.

Wer im Publikum der deutschen Sprache mächtig ist, kommt in den Genuss eines metaphorischen Textes, über dessen Bedeutung sich in Anbetracht des zeitlichen Kontextes trefflich spekulieren lässt: Und man baute am Kai der Vergangenheit / Einen Saal mit Blick auf das Meer / Und mit Wänden aus Träumen gegen die Wirklichkeit / Denn die liebte man nicht sehr. Im Wartesaal zum großen Glück / Da warten viele, viele Leute / Sie warten seit gestern auf das Glück von morgen / Und leben mit Wünschen von übermorgen / Und vergessen, es ist ja noch heute / Ach, die armen, armen Leute.

Die Vermutung, dass in seinem Lied auch von den Tätern die Rede ist, liegt nahe

Die Vermutung, dass hier von den Menschen im Nachkriegsdeutschland die Rede ist, von den Opfern, aber vor allem von den Tätern der jüngsten Vergangenheit, ist naheliegend. Wobei es Interpretations­sache bleibt, ob das Mitleid mit den »armen, armen Leuten« aufrichtig oder sarkastisch gemeint ist. Aber vielleicht trifft beides zu. Gewinnen kann er damit nicht. Am Ende des Abends wird lediglich die Siegerin bekannt gegeben: Lys Assia triumphiert als Vertreterin der gastgebenden Schweiz, womit die damals prominenteste Teilnehmerin den Sieg davonträgt.

Wie Walter Andreas Schwarz oder irgendein anderer Teilnehmer abgeschnitten hat, ist bis heute unbekannt, die Wertungsbögen der Jurys wurden vernichtet. Mutmaßlich geschah das deshalb, weil die Schweizer Jury auch für Luxemburg mit abstimmte, das keine eigenen Juroren nach Lugano geschickt hatte. Eine Lücke im damaligen Reglement machte das möglich. Gerüchte, wonach Walter An­dreas Schwarz Zweiter geworden sein soll, halten sich seit Jahrzehnten, entbehren aber jeder Grundlage.
Wenn sich auch das Urteil der Jurys über Walter Andreas Schwarz nicht mehr rekonstruieren lässt, das des deutschen Publikums ist eindeutig.

Schwarz blieb als Sänger erfolglos. Auf den Auftritt beim Grand Prix folgten lediglich eine vier Stücke umfassende EP (Extended Play) und zwei Singles. Keine dieser Platten schaffte es in Nähe der Hitparaden, daran konnte auch der Grand Prix nichts ändern. Im Gegensatz zu heute war der Wettbewerb damals eine kleine Veranstaltung, von der nur wenige Notiz nahmen. Vorentscheid und Finale wurden ausschließlich im Fernsehen gezeigt, um Werbung für dieses in Europa noch nicht sehr verbreitete Medium zu machen.

Während Freddy Quinn kurz darauf der Durchbruch gelang, blieb Schwarz dieser Erfolg versagt. Quinn verlegte sich auf das, was damals in Deutschland gefragt war, Sentimentales und Innerliches, und das wurde belohnt.

Schwarz’ Heimat bleiben die Kulturprogramme des Radios

Schwarz’ Heimat blieben die Kulturprogramme des Radios. 1961 setzte er sich als Autor einer Sendung kritisch mit der Entschädigung von Opfern des Nationalsozialismus auseinander, bis Mitte der 80er-Jahre wirkte er außerdem als Sprecher in mehr als 200 Hörspielen mit. Als Musiker geriet er in Vergessenheit. Abgesehen vom Grand-Prix-Song sind heute nur einige späte Aufnahmen als Partner von Dieter Süverkrüp erhältlich.
Wer Schwarz’ Chansons aus den 50er-Jahren hören möchte, muss sich auf die Suche nach einer der wenigen Pressungen von damals machen. Etliche weitere Stücke sind nie auf Platte erschienen, schlummern bis heute in Rundfunkarchiven vor sich hin und warten auf ihre erste Veröffentlichung.

1992 starb Walter Andreas Schwarz in Heidelberg, wo er sich im letzten Abschnitt seines bewegten Lebens niedergelassen hatte. Dass sein musikalisches Werk nicht ganz vergessen ist, hat die Nachwelt wohl nur dem Umstand zu verdanken, dass ausgerechnet er, der alles verkörperte, was die deutsche Mehrheitsgesellschaft damals nicht sehen oder hören wollte, der erste Vertreter dieses Deutschlands bei einer Veranstaltung war, die sich später zur größten Fernsehsendung der Welt entwickelte.

Zahl der Woche

13 Gruppen

Fun Facts und Wissenswertes

 14.05.2026

ESC

In der Höhle des Löwen

Noam Bettan steht für Diversität und Offenheit – und wird genau dafür von »Pro-Palästinensern« attackiert. Doch der junge Israeli will sich nicht unterkriegen lassen

von Martin Krauß  14.05.2026

Interview

»Vertrauen und Austausch«

Kim Wünschmann über den Auftrag des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg

von Pascal Beck  14.05.2026

Kino

»Palästina 36«

In ihrer Doku geht die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir fahrlässig mit einem historischen Thema um

von Ralf Balke  14.05.2026

Berlin

Ulf Poschardt gibt Herausgeber-Position bei »Welt« auf

Die Hintergründe

von Steffen Trumpf  13.05.2026

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026

Film

Iris Knobloch eröffnet 79. Filmfestival von Cannes

Die Festivalpräsidentin sieht einen Wandel in der Filmwelt: »Das Kino ist nicht mehr in Schubladen eingeteilt. Es ist ein sehr offenes Ökosystem.«

 13.05.2026

Los Angeles

Gene Simmons gab seinen Kindern kein Taschengeld

»Taschengeld? Wofür auch – fürs bloße Leben? So zieht man Verlierer groß«, sagt der Rockstar

 13.05.2026

Eurovision

»Das hat mir Kraft gegeben« - Noam Bettan suchte im Publikum nach Israelfahnen

Als der Israeli im Halbfinale antrat, gab es deutliche Buhrufe von Zuschauern

 13.05.2026