Interview

»Vertrauen und Austausch«

Frau Wünschmann, das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg feiert nächste Woche sein 60-jähriges Bestehen. Was macht die Einrichtung für Sie besonders?
Der Ausgangspunkt der Arbeit ist die jüdische Geschichte Hamburgs. Die reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert, als sich portugiesische Kaufleute in den Hafenstädten Altona und Hamburg ansiedelten. Hamburg als Hafenstadt war in der jüdischen Geschichte wichtig für Migration und in Zeiten der Verfolgung natürlich auch für die Flucht über den Hafen ins Exil. Mit der deutsch-jüdischen Diaspora, die in den verschiedensten Ländern entstanden ist, sind wir bis heute verbunden. Diese Verbindungen machen das Institut aus.

Hamburg als Standort spielt also eine wichtige Rolle?
Auf jeden Fall. Die Quellen zur jüdischen Geschichte in Hamburg, Altona und Wandsbek haben – im Gegensatz zu solchen in anderen deutschen Städten – die Verfolgung und Vernichtung überlebt, weil die Jüdische Gemeinde ihre Aktenbestände zwischen 1938 und 1944 in mehreren Etappen an das Staatsarchiv Hamburg übergeben hatte, um einer Beschlagnahmung durch die Gestapo zuvorzukommen. Nach dem Krieg stellte sich die Frage, wo dieses einzigartige jüdische Kulturerbe bewahrt werden soll und wer die Pflege und die Erforschung der Quellen zu verantworten hat. Ein Rechtsstreit endete mit einem Vergleich und sah vor, das Archivgut zwischen Hamburg und Jerusalem zu teilen. Verbunden war das mit dem Auftrag, die jüdische Geschichte nicht zu vergessen und den Quellenschatz zu erforschen. Das führte 1966 zur Gründung des Instituts. Das ist eine einzigartige Geschichte, die stark mit Hamburg verbunden ist.

Was ist von diesem Auftrag geblieben?
Die Arbeit mit den Quellen ist in der DNA des Instituts verankert. Wir untersuchen gerade etwa, wie Bilder visuelle Macht ausüben und antisemitische Stereotype reproduzieren, dass sie aber auch wichtig zur Erzeugung von Wissen und zur Wahrnehmung von Realität sind – besonders in Zeiten von Falschinformationen und Verschwörungsmythen.

Welche Herausforderungen waren mit der Gründung verbunden?
Es ging vor allem darum, Vertrauen aufzubauen, Austausch in der Wissenschaft neu zu etablieren; und das vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen »Selbst-Gleichschaltung« im Nationalsozialismus. Jüdische Forschende wurden vertrieben und erlebten nach der Schoa eine Art zweite Verfolgung, weil etwa aberkannte Qualifikationen nicht wiederhergestellt wurden. Der Weg zurück in die deutsche Wissenschaft, sofern sie überhaupt bereit waren, ihn zu gehen, wurde ihnen erheblich erschwert.

Gibt es für Sie einen besonders spannenden Moment in der Geschichte Ihres Instituts?
Ja, die internationale Konferenz zu »Gender and Jewish History« in den frühen 2000er-Jahren. Die war insofern wegweisend, als man die deutsch-jüdische Geschichtsschreibung um geschlechtergeschichtliche oder frauengeschichtliche Ansätze erweiterte. Das war ein wichtiger Impuls, der da vom Institut ausgegangen ist.

Welche historischen Momente haben die Arbeit am Institut maßgeblich beeinflusst?
Der Fall des Eisernen Vorhangs und die Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in das wiedervereinigte Deutschland. Durch die Zuwanderung veränderte sich das Gemeindeleben, was auch einen Einfluss auf die Erinnerungskultur hatte. Das beschäftigt die Forschung und schlug sich auch am Institut nieder.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Traditionell ist in Deutschland der 9. November ein Gedenktag, an dem an die Zerstörung jüdischen Lebens im nationalsozialistischen Deutschland erinnert wird. Für die Zugewanderten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ergeben sich andere Bezugspunkte zur Schoa; beispielsweise im Kontext des ab 1941 geführten Vernichtungskriegs auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Für sie spielt der 9. Mai, also der Sieg über den Nationalsozialismus, zu dem Jüdinnen und Juden in Partisanengruppen und in der Roten Armee beigetragen haben, eine wichtige Rolle.

Und der 7. Oktober 2023?
Der stellt eine massive Zäsur dar. Wir beobachten einen Zusammenbruch der Solidarität und einen alarmierenden Anstieg von Antisemitismus. Inhaltlich versuchen wir dem entgegenzusteuern, antisemitische und geschichtsrevisionistische Narrative zu dekonstruieren.Unsere unmittelbare Reaktion war auch, dass wir infolge des 7. Oktober unsere Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen in Israel verstärkt haben.

Wie wichtig ist die Vermittlung von Geschichte?
Die ist ganz essenziell für die Forschung. Nur aufgrund von fundiertem Wissen kann eine Auseinandersetzung mit jüdischem Leben in Geschichte und Gegenwart produktiv sein. Auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen können Diskussionen informiert geführt werden. Die Wissensvermittlung war von Anfang an Auftrag des Instituts.

Wie erreicht man ein breites Publikum?
Durch die Vielfalt der Formate und die verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten, aber sicher auch durch zielgruppengerechte Ansprache. Neben den klassischen wissenschaftlichen Publikationen haben wir Formate wie einen Podcast. Natürlich sind Beiträge auf Social Media wichtig, aber vor allem auch der persönliche Kontakt über unsere vielen Veranstaltungen. Wir arbeiten unter anderem mit dem Jüdischen Salon am Grindel zusammen, wo neue Bücher zur jüdischen Geschichte und Gegenwart vorgestellt werden. Dadurch kommen wir beispielsweise mit einer an Literatur interessierten Öffentlichkeit ins Gespräch.

Sie selbst forschen zu Comics. Warum?
Durch ihre Bimedialität, also Bild und Text, sind Comics wie gemacht, um komplexe Themen aufzuarbeiten. Sie können Spannungsverhältnisse zum Ausdruck bringen, wie sie in der jüdisch-nichtjüdischen Beziehungsgeschichte zahlreich zu finden sind. Und es gelingt ihnen sehr gut, Irritationen und Missverständnisse zu thematisieren. Zudem sind sie so offensichtlich konstruiert, dass gerade wir Forschende ganz automatisch anfangen darüber nachzudenken, wie wir Geschichte schreiben.

Gibt es bereits neue Projekte?
Es ist gerade eines angelaufen, bei dem es um Selbstzeugnisse zum Holocaust geht und wie KI eingesetzt werden kann, um diese zu erforschen. Uns interessiert aber auch, wo da die Grenzen sind. Zudem sehen wir einen sehr großen Bedarf, eine digitale Quellenkritik zu entwickeln, also zu einer Art reflektiertem Einsatz von KI zu kommen. Was erlaubt uns diese digitale Technik, aber wo führt sie auch manchmal noch in die Irre? Es geht letztlich auch darum, eine kritische Öffentlichkeit zu schaffen und zu erkennen, wo und wie KI-generierte Inhalte vielleicht die Geschichte auch verfälschen.

Mit der Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg sprach Pascal Beck.

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