Wer sich Mitte der 1970er-Jahre ein bisschen für Musik interessierte und darüber hinaus das Glück hatte, dabei über die populärsten Progressive Rock-Gruppen zu stolpern, kam bestimmt an der frühen Version von Yes vorbei. Bevor Genesis zum Teil in Richtung Pop abdriftete, gehörten auch diese Engländer zu den Meistern des Prog Rock. A Trick of the Tail, Nursery Crime und andere Alben sind legendär.
Pink Floyd und Emerson, Lake and Palmer boten ebenfalls solide Songs, die zu diesem Genre gehörten. Wer sich damals noch etwas tiefer in das Genre hineinwühlte, landete früher oder später bei Gentle Giant. Meistens war es eher früher soweit.
Diese Formation bot - auch im Vergleich zu den anderen genannten Gruppen - unglaublich komplexe Musik. Noch ein Aspekt unterscheidet Gentle Giant von den Mitbewerbern im Genre: Diese Band könnte jüdischer nicht sein. Gegründet wurde sie 1970 von den schottischen Brüdern Phil, Derek und Ray Shulman.
Off-Beats und Gefühl
Um die Komplexität der Klänge von Gentle Giant zu belegen, picken wir uns eine Rosine heraus, nämlich den Title Track des fünften Albums In a Glass House von 1973.
Schon das 36-sekündige Intro ist bemerkenswert. Zwei der drei Shulman-Brüder (Phil Shulman war bei diesem Album schon nicht mehr dabei) und ihre Bandgefährten zeigen hier eine bewundernswerte Virtuosität an der Gitarre und der Geige. Wer auch nur den Anfang des Songs hört, merkt: Hier sind Profis am Werk, die jeden Ton zelebrieren.
Der Schlagzeuger John Weathers trug faszinierendes Getrommel bei, das 1973 in dieser Form noch gar nicht wirklich bekannt war - schon gar nicht im Rock-Bereich. Hier waren Off-Beats, Gefühl und schöne Details im Spiel. Das Intro kündigte zudem ein Meisterwerk an, auch was die Komposition und das gesamte Arrangement anging.
Überdosis Originalität
Hinzu kommt: Der Song »In a Glass House« enthält mittelalterlich und barock anmutende Elemente. Dies bezieht sich sowohl auf die Melodien als auch die Art und Weise, wie die Saiteninstrumente zum Einsatz kommen. Erst ab der 51. Sekunde wird langsam klar, dass es sich um einen Rock-Song handelt – und zwar einen mit einer Familienportion Originalität und Qualität.
Hatte ich schon die Tonartwechsel im Verlauf des Songs erwähnt? Gentle Giant bot hier Musik zum Zuhören. Vielleicht waren Songs wie »In a Glass House« so fortschrittlich, dass sich ein kommerzieller Erfolg – zumindest in einer Dimension wie sie Pink Floyd oder Genesis registrierten – faktisch ausschloss. So mancher Rock-Fan verstand Gentle Giant möglicherweise gar nicht.
Ja, wir sind immer noch bei »In a Glass House«. Wer dieses Stück erstmals hört, erwartet nach vier Minuten und 16 Sekunden eher dessen Ende. In diesem Moment ist jedoch erst die Hälfte vorbei. Der Song erfindet sich an dieser Stelle neu, indem er einen zusätzlichen Rhythmus einführt – in einem inoffiziellen zweiten Teil. Auch das versteckte Outro, in dessen Verlauf das Glashaus zerbricht, ist bestechend. Wer es nicht verpassen will, muss ganz zum Schluss ein paar Sekunden warten.
Rhythmisch ausgefeilt
Eine zweite Rosine muss hier Erwähnung finden: »Interview«. Diese Nummer ist schneller als Prog Rock-Song identifizierbar. Faszinierend ist wiederum schon der Anfang: Zuerst hören wir Gespräche der Bandmitglieder im Studio, was damals ein origineller Aspekt war. Dann setzt das brillante, auch rhythmisch ausgefeilte Keyboardspiel von Kerry Minnear ein.
Das Können, das die Shulmans und ihre Gentle Giant-Kollegen von 1970 bis 1980 demonstrierten, ist für Rockbands eher nicht typisch. Instrumentalstücke, Arrangements und Kompositionen auf diesem Niveau waren eher das Metier von Soul- und Funk-Bands, beziehungsweise der Fusion-, Jazz-Rock- und Jazz-Funk-Gemeinde um John McLaughlin, Return to Forever, George Duke, Bill Cobham oder Jean-Luc Ponty.
Auf dem ersten Gentle Giant-Album von 1970, dessen Titel mit dem Bandnamen übereinstimmt, probierten sich die Shulmans noch aus. Aber schon der allererste Song darauf, »Giant«, enthielt interessante Extras, darunter gestochen scharfe Bläsersätze. Diese waren zwar noch nicht überzeugend in das Stück integriert, aber immerhin vorhanden. Das Schlagzeug war noch nicht ganz so faszinierend, da John Weathers noch nicht dabei war. Der erste seiner Vorgänger zerstritt sich nach dem zweiten Album mit den Shulmans, der zweite konnte nach einem Motorradunfall nicht mehr spielen.
Apfel und Stamm
Phil und Derek Shulman, geboren 1937 und 1947, wuchsen in einem Slum in Glasgow auf. Ray, der jüngste Bruder, der 1949 zur Welt kam, hatte das Glück, seine Kindheit gleich von Beginn an mit der Familie in einer besseren Gegend im englischen Portsmouth verbringen zu können.
Der Familienvater Lewis Shulman war Jazz-Trompeter. Er soll es gewesen sein, der seine drei Söhne dazu animierte, gleich mehrere Instrumente spielen zu lernen, was offensichtlich einiges erklärt. Ja, ja, der Apfel und der Stamm. Über die Mutter, Rebecca Laufer, ist nicht viel bekannt.
Lewis Shulman, der laut Derek »Gift trank« und 60 Zigaretten am Tag konsumierte, starb eines Tages zu Hause an einem Herzinfarkt. Dieses Trauma zu verarbeiten, war offensichtlich nicht leicht. Seine Mutter habe dafür gesorgt, dass er seine Hausaufgaben machte, noch während die Familie Shiva saß, schreibt Derek Shulman in seiner im letzten Jahr erschienenen Autobiografie Giant Steps. Dieser Titel ist offensichtlich an Gentle Giant angelehnt, aber auch an den Jazz-Klassiker »Giant Steps« von John Coltrane.
Derek Shulman sagte unlängst in einem Interview mit »Jewish News«, sein Verhältnis zum Judentum sei eher kulturell als religiös. Auch erzählte er, er habe verschleierten Antisemitismus in der Schule erlebt, wo es außer ihm nur zwei weitere Juden gegeben habe.
»Kompletter Antisemit«
Inzwischen lebt Derek Shulman in New York. In dem Interview erklärte er, er sei gebeten worden, eine öffentliche Diskussion mit Roger Waters zu führen, einem der Gründer von Pink Floyd. »Ich lehnte ab, denn dieser Typ ist nicht nur israelfeindlich, sondern einen kompletter Antisemit. Jemanden aus dieser Sekte herauszudiskutieren, ist fast unmöglich.«
Die erste Band der jüdischen Shulman-Brüder hieß The Howling Wolves. Daraus wurden The Road Runners und schließlich Simon Dupree and the Big Sound. Simon Dupree war zeitweise der Künstlername von Derek Shulman, der sich als Sänger ganz vorne auf die Bühne stellte. Reginald Kenneth Dwight, der später als Elton John eine gewisse Berühmtheit erlangte, war vorübergehend als Keyboarder beteiligt.
Ende 1967 schaffte es diese Band sogar, mit dem Song »Kites« auf Platz 10 der Hitparade zu landen. Dies geschah aber nur, da die Mitglieder von ihrem Schallplattenlabel dazu überredet wurden, psychedelische Töne anzustimmen. Den Brüdern war ihr eigener Sound zuwider. Derek Shulman bezeichnete diese Art von Musik damals schlicht als »Scheiße«.
Höheres Niveau
Ray Shulman ging unlängst in einem Interview einem anderen Problem auf den Grund, das 1970 bestand: »Die anderen Musiker in der Band interessierten uns nicht, denn sie konnten nichts beitragen. Wir mussten ihnen alles beibringen. Es wurde ziemlich schwierig, als wir besser Schlagzeug spielen konnten, als der Schlagzeuger. Selbst auf den Aufnahmen machten wir immer mehr Overdubs. So eine Band war einfach nur noch albern. Zuerst mussten wir Musiker mit einem höheren Niveau finden.«
Mit Gary Green lokalisierten sie einen ebenso motivierten wie hervorragenden Gitarristen und Mandolinisten, der ins Profil passte. Auch der Multiinstrumentalist Kerry Minnear kam mit ins Boot. Nun war es Zeit für einen neuen Bandnamen: Gentle Giant.
Das zweite Album Acquiring the Taste war ausgefeilter als das erste. Das Bild der Formation, deren Musik unzählige Facetten enthielt, verfestigte sich. Das erste Stück »Pantagruel’s Nativity« beginnt mit Synthesizerklängen, die einen Science-Fiction-Film von Stanley Kubrick hätten einleiten können. Zu diesen gesellen sich dann zunächst sakral anmutende Gesänge, bevor der ziemlich disharmonische Song mit irgendwann einsetzenden Rock-Elementen seinen Lauf nimmt. Die anderen Stücke auf dem Album folgen einem ähnlichen Muster.
Leicht verrückt
Ebenfalls experimentell klingt Three Friends von 1972, die dritte Schallplatte. Keiner der Songs eignete sich als Hit, aber dies schien zu diesem Zeitpunkt auch nicht Ziel der Shulmans zu sein. Ihnen ging es um kreative Entfaltung. Octopus, ebenfalls 1972 aufgenommen und veröffentlicht, klingt zum Teil verrückt. Der Titel »Knots« könnte gar als etwas »zappaesque« beschrieben werden. Dann kam das Meisterwerk In a Glass House.
Fünf Jahre später, mit dem Album The Missing Piece, hatte sich das Konzept bereits leicht verändert. Hier waren etwa mit »Two Weeks in Spain«, »I’m Turning Around« oder »Who Do You Think You Are?« Songs mit weniger Verrücktheiten verewigt, die eher wie handfeste, leichter verständliche Rock-Stücke klangen. Sie stellten möglicherweise Versuche dar, doch noch einen oder mehrere Rock-Hits zu landen.
»Wir liebten Jazz und Soul und würden nie einen kommerziellen Hit landen«, erklärte Derek Shulman unlängst gegenüber der Publikation »The Times of Israel«. »Einmal haben wir es versucht, aber diese Bemühungen wurden ein Misserfolg. Rückblickend bin ich froh, dass wir keine Hits hatten, denn ich habe gesehen, was mit Künstlern passierte, die welche hatten.«
Mit Civilian endete das Projekt Gentle Giant im Jahr 1980. Gary Green ließ sich damals über die Gründe aus: »Wir hatten ein Treffen in New York, als wir hier unsere Tournee starteten, und sprachen darüber, was wir vorhatten. Bei diesem Treffen sagten Kerry und Derek, dass sie nicht mehr auf Tournee sein wollten.«
Überschaubarer Erfolg
Dies hatte wohl überwiegend praktische Gründe: Kerry Minnear war gerade Vater geworden. Derek Shulman war drauf und dran zu heiraten. Schon sieben Jahre zuvor hatte der älteste Shulman-Bruder Phil die Band mit ähnlichen Argumenten verlassen. Seine Frau habe sich immer einsamer gefühlt. Nach seinem Ausstieg sprachen seine Brüder jahrelang nicht mehr mit ihm.
Das Ende von Gentle Giant wurde auch viele Jahre später in Interviews thematisiert. Es kristallisierte sich heraus, dass es innerhalb der Band Stimmen gab, die es für falsch hielten, so viel Kreativität »einfach wegzuwerfen«, wie Green es formulierte. Er sagte sogar, Gentle Giant hätte im Laufe der Jahre nicht weniger touren müssen, sondern mehr, um erfolgreicher zu werden. Offenbar waren die Tourneen künstlich kurz gehalten worden, wegen der Familien der Bandmitglieder in England.
Auch die Tatsache, dass der Erfolg im Vergleich zu anderen prominenten Bands der Gattung eher überschaubar war, könnte für die Auflösung von Gentle Giant ausschlaggebend gewesen sein. Die Kinder und Ehefrauen während der Tourneen monatelang alleinzulassen, hätte mit mehr Erfolg zumindest besser begründet werden können. Kreative Entfaltung allein reichte zum Schluss vielleicht nicht mehr aus.
Besonderes Kreativitätsprojekt
Derek Shulman wurde später Manager bei Schallplattenlabeln wie PolyGram und Mercury, während Ray Shulman als Albenproduzent tätig war, nachdem er zuvor Musik für das Fernsehen und für Werbeclips kreiert hatte. Ray, der jüngste Shulman-Bruder, starb am 30. März 2023 an einer schweren Krankheit.
Eine weltweite Gemeinde eingefleischter Fans, die es weiterhin gibt, hat seit 1980 immer wieder versucht, Gentle Giant zu einem zumindest vorübergehenden Revival zu bewegen. Diese Versuche scheiterten, denn die früheren Mitglieder konnten dies nicht mit ihren Jobs oder ihrem Familienleben vereinbaren.
Gentle Giant, die jüdischste aller Prog Rock-Bands, bleibt als besonderes Kreativitätsprojekt in Erinnerung. In a Glass House und alle anderen Aufnahmen werden weiterhin von Fans gehört und geliebt. Wie viele eingerahmte Schallplattencover an Wohnzimmerwänden in Europa oder Amerika hängen, als schöne Erinnerung an eine legendäre Formation, ist nicht bekannt.
Von Bass bis Xylofon
Ray, Phil und Derek Shulman spielten in Gentle Giant jeweils sieben Instrumente. Und sie sangen. Übertroffen wurden sie nur von ihrem Bandkollegen Kerry Minnear, der nicht nur entscheidend zu den Kompositionen beitrug, sondern gleich elf Instrumente spielte, nämlich Gitarre, Bass, Keyboards, Schlagzeug, Percussion, Glockenspiel, Xylofon, Vibrafon, Marimba, Theremin und Cello.
Ich durchlebte meine Gentle Giant-Phase im Alter von 12 bis 13 Jahren in Hamburg. »In a Glass House« oder »I’m Turning Around« durch die enormen Bose-Lautsprecher unseres Mitbewohners Hendrik zu hören, war jedes Mal ein Erlebnis.
»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. E-Mail: marcus@juedische-allgemeine.de