Ein archäologischer Fund in Israel wirft derzeit viele Fragen auf: In einer antiken Zisterne in Tel Aseka, rund 30 Kilometer südwestlich von Jerusalem in der »Schfela«, der Judäischen Tiefebene gelegen, entdeckten Forscher Hunderte Knochen von Säuglingen und Kleinkindern in einem Massengrab.
Die etwa 2500 Jahre alten Überreste, die aus den Anfängen der Perserzeit (550–330 v.d.Z.) stammen, könnten neue Einblicke in den Umgang mit verstorbenen Kindern im antiken Königreich Juda geben, dessen Gründung laut biblischer Überlieferung auf König David zurückgeht.
Es soll sich um das erste bekannte Grab dieser Art in Israel handeln. Noch ist unklar, wer die Kinder waren und warum sie auf diese Weise bestattet wurden.
Die Entdeckung beruht auf Ausgrabungen, die der Archäologe Oded Lipschits von der Universität Tel Aviv gemeinsam mit seinem Team seit Anfang der 2010er-Jahre an der antiken Stätte durchführte.
2013 stießen die Wissenschaftler auf dem Hügel von Tel Aseka auf ein Wasserreservoir aus alten Zeiten. Zunächst schien der Fund kaum ungewöhnlich. In den tieferen, älteren Schichten fanden die Archäologen zunächst das, was man in solchen Bauwerken erwartet: Keramikgefäße, die zum Schöpfen von Wasser verwendet wurden.
Doch näher an der Erdoberfläche änderte sich das Bild. Zu ihrer großen Überraschung stießen sie auf Hunderte kleiner Menschenknochen. »Wir gruben sehr sorgfältig und langsam, sammelten jedes Fragment und jeden Gegenstand und dokumentierten jeden Zentimeter des Geländes«, sagte Lipschits im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, »aber wir verstanden zunächst nicht, was wir da gefunden hatten.«
Und der Fund verstörte ihn auch: »Wir waren in dieser Stätte oft mit Kindern, meinen und denen von Kollegen, die uns beim Graben halfen. Die vielen Knochen von toten Babys zu sehen, war schwer.« Er brauchte »tatsächlich einige Jahre, um den Mut aufzubringen, diese Entdeckung zu untersuchen«. Die Ergebnisse wurden Ende März im »Palestine Exploration Quarterly Journal« veröffentlicht.
Das Wasserreservoir wurde wahrscheinlich bereits in der mittleren Bronzezeit angelegt
Obwohl viele ungelöste Fragen rund um das Massengrab bleiben – identifiziert wurden zwischen 68 und 89 Individuen –, gilt die Datierung als eindeutig: Das Wasserreservoir wurde wahrscheinlich bereits in der mittleren Bronzezeit, etwa Mitte des zweiten Jahrtausends v.d.Z., angelegt und blieb bis zum Ende der Eisenzeit (1200 bis 586 v.d.Z.) in Gebrauch. Neben Keramikfunden und der stratigrafischen Analyse der Erdschichten setzten die Wissenschaftler auch auf Radiokohlenstoffdatierung.
Während dieser Epoche war Tel Aseka offenbar eine bedeutende Siedlung. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass der Ort überaus stark besiedelt war, bevor er in der frühen hellenistischen Zeit relativ abrupt aufgegeben wurde. Für Oded Lipschits spricht vieles dafür, dass die damalige Bevölkerung aus Juda stammte. »Die materielle Kultur ähnelt sehr der in Jerusalem«, sagt der Archäologe mit Blick auf Keramik, Architektur und andere Funde.
Der historische Hintergrund dieser Zeit ist dramatisch: Im Jahr 586 vor Christus hatten die Babylonier das Königreich Juda erobert, Jerusalem zerstört und den Ersten Tempel niedergebrannt. Laut biblischer Überlieferung wurden viele Bewohner ins Exil nach Babylon verschleppt.
Forschungen der vergangenen Jahre zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. »Heute wissen wir, dass die meisten Judäer auch während des babylonischen Exils weiterhin in dieser Gegend lebten.« Lipschits geht davon aus, dass es sich bei der Bevölkerung von Tel Aseka um Judäer handelte, die geblieben waren.
Bei dem Fund der Archäologen ist die Zusammensetzung der menschlichen Überreste aus der Zisterne auffällig: Schätzungsweise 70 Prozent der Knochen stammen von Kindern unter zwei Jahren. Auch viele der Fragmente, deren Alter nicht eindeutig bestimmt werden konnte, gehören aufgrund ihrer Größe und Form höchstwahrscheinlich zu Säuglingen oder zu Kleinkindern. Die Zisterne sei vermutlich als eine Art Höhlengrab genutzt worden.
Vier oder fünf von sieben Kindern starben, bevor sie ihren vierten Geburtstag erreichten.
Warum so viele Kinder dort bestattet wurden, ist allerdings weitgehend unklar. Die Tatsache, dass die Bestattungen fast ausschließlich Säuglinge und Kleinkinder betreffen, wirft zahlreiche Fragen über den Umgang mit verstorbenen Kindern im damaligen Juda auf.
Mehrere mögliche Erklärungen wurden inzwischen untersucht. So prüften die Wissenschaftler, ob ein einzelnes Ereignis, etwa eine Epidemie oder ein Unglück, zum Tod der Kinder geführt haben könnte. Hinweise darauf fanden sich jedoch nicht.
Lipschits schließt auch die Möglichkeit aus, dass die Kinder als Menschenopfer bestattet wurden – eine Praxis, die unter den Phöniziern und anderen Völkern jener Zeit verbreitet war. Weder die Lage der Zisterne noch der archäologische Kontext deuten auf eine rituelle Nutzung hin. Der Ort liegt nicht an einer besonderen kultischen Stelle, etwa auf einer Anhöhe. Zudem zeigen die Knochen keinerlei Spuren von Verletzungen, Schnittmarken oder Brandspuren, wie sie oft mit Opferritualen in Verbindung gebracht werden. Auch wurden keine speziellen Opfergaben oder rituelle Gegenstände in der Zisterne gefunden.
Die derzeit plausibelste Erklärung lautet daher, dass es sich um ein Massengrab für sehr junge Kinder handelt, die früh starben, möglicherweise noch vor dem Abstillen, aufgrund der hohen Kindersterblichkeit in antiker Zeit. Wahrscheinlich aufgrund ihres geringen Alters wurden sie nicht einzeln bestattet, sondern gemeinsam an einem einzigen Ort.
Lipschits erläutert, dass die Bibel sowie Quellen und archäologische Funde anderer antiker Kulturen darauf hindeuten, dass Kinder, die noch nicht abgestillt waren, nicht als »vollwertige Personen« galten, vermutlich aufgrund der geringen Überlebenschance im Säuglingsalter. »In diesen Zeiten starben vier oder fünf von sieben Kindern, bevor sie ihren vierten Geburtstag erreichten.«
Derzeit werden DNA-Analysen der Knochen durchgeführt
Um mehr über die Identität der toten Babys und Kleinkinder herauszufinden, setzen die Forscher nun auf moderne genetische Methoden. Derzeit werden DNA-Analysen der Knochen durchgeführt. In den vergangenen Jahren hat die Analyse antiker DNA große Fortschritte gemacht.
Weltweit existieren inzwischen Datenbanken verschiedener Bevölkerungsgruppen, mit denen archäologische Funde verglichen werden können. Auch in Israel war die Gewinnung von DNA aus antiken Knochen lange schwierig, da das heiße Klima genetisches Material schneller zerstört. Neue Technologien haben die Forschungssituation jedoch deutlich verbessert.
In Tel Aseka gelang es den Forschern bereits, DNA aus mehreren Individuen zu extrahieren. Die Analysen sollen nicht nur Hinweise auf die Herkunft der Kinder liefern, sondern auch, ob sie miteinander verwandt waren und welches Geschlecht sie hatten.
Trotz der vielen Fragen eröffnet der Fund aus Lipschits’ Sicht ganz neue Perspektiven für die Wissenschaft: »Archäologen, die Friedhöfe aus der Eisenzeit und der Perserzeit ausgegraben haben, fanden in der Regel keine Babys«, weiß er. »Wir könnten jetzt die Lösung für dieses Rätsel gefunden haben.«