Obwohl es im Schatten des Krieges gegen den Iran geschieht, nutzt die Hamas im Gazastreifen die aktuelle Lage nicht im Verborgenen. »Sie agiert ganz demonstrativ und für jederman sichtbar.« So beschreibt es der promovierte Politikwissenschaftler Barak Bouks von der Bar-Ilan-Universität. »Sie operiert frei – als Polizei, als kommunale Kräfte, als Lehrer oder Ärzte.« Für die Bevölkerung sei dabei klar, wer tatsächlich hinter den jeweiligen Funktionen steht: »Auch wenn jemand als lokaler Beamter auftritt, weiß man, dass es ein Hamas-Mitglied ist.« Diese Präsenz sei Ausdruck einer Rückkehr aus dem »Dunkel in die Öffentlichkeit« und zeige, dass die Organisation ihre Kontrolle im Alltag wieder festige, sagt Bouks.
Die Lage im Gazastreifen ist aktuell von einer doppelten Dynamik geprägt. Während sich die internationale Aufmerksamkeit vor allem auf den Konflikt zwischen Israel und dem Iran richtet, verschieben sich dort die Machtverhältnisse. Im Zentrum steht eine Entwicklung, die Sicherheitskreise seit Monaten beobachten. Die Hamas füllt ihre Arsenale wieder auf – trotz Waffenstillstand, Verhandlungen und wachsendem internen Druck.
Waffenarsenale und Kommunikationsnetzwerke
Teile ihrer militärischen Infrastruktur, die im Verlauf des Krieges beschädigt wurden, werden wieder instand gesetzt, so Bouks. Dazu zählen nicht nur Waffenarsenale, sondern auch Kommunikationsnetzwerke, Kommandohierarchien und Rekrutierungsstrukturen. Letztere gewinnen zunehmend an Bedeutung: Berichte aus Gaza deuten darauf hin, dass die Hamas verstärkt junge Männer rekrutiert, um ihre Reihen wieder zu füllen, die nach dem Krieg, der den Massakern vom 7. Oktober 2023 in südlichen israelischen Gemeinden folgte, stark dezimiert waren. An diesem »Schwarzen Schabbat« waren Tausende Hamas-Terroristen über die Grenze gestürmt. Mehr als 1200 Israelis wurden ermordet, 251 verschleppten die Terroristen nach Gaza.
»In der Praxis operiert die Hamas in Gaza weiterhin frei.«
Barak Bouks
Die neue Entwicklung vollzieht sich parallel zu stockenden Verhandlungen über die zweite Phase des Waffenstillstands. Vermittler, darunter die USA und internationale Akteure, drängen auf eine Entwaffnung der Hamas, einen israelischen Truppenabzug und den zivilen Wiederaufbau. Doch die zentrale Frage bleibt: Wer garantiert die Sicherheit Israels nach dieser Phase? Die Hamas signalisiert erstmals Gesprächsbereitschaft, was die Entwaffnung angeht, knüpft diese jedoch an weitreichende Bedingungen und Garantien.
Bouks betont die Diskrepanz zwischen Verhandlung und Realität. »Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was am Verhandlungstisch besprochen wird, und dem, was tatsächlich in Gaza passiert. In der Praxis operiert die Hamas weiterhin frei.« Dazu gehörten auch »sporadische Raketenabschüsse« auf Israel und der Versuch, die Kontrolle über die lokale Verwaltung zu behalten.
Gleichzeitig brodelt es intern im Küstenstreifen. Bewaffnete Milizen, teilweise von Israel unterstützt, versuchen, sich als Alternative zur Hamas zu positionieren. Gruppen wie die »Volkskräfte«, hervorgegangen aus Clans und angeführt von lokalen Kommandeuren, operieren vor allem im Süden des Gazastreifens, etwa in Rafah und Khan Younis. Deren erklärtes Ziel ist es, das Machtvakuum zu nutzen und sich als sicherheitspolitische Akteure zu etablieren, teilweise in Kooperation mit Israel.
Den Clans fehlt der Rückhalt in der Gesellschaft
Doch ihr Einfluss bleibt begrenzt. Zwar kommt es immer wieder zu lokalen Gefechten mit Hamas-Kräften, doch eine ernsthafte Herausforderung stellen sie nicht dar. Ein zentraler Grund ist ihr geringer Rückhalt in der Bevölkerung. Viele Bewohner betrachten sie als Kollaborateure Israels. Bouks verweist auf diese Schwäche. »Diese Gruppen sind lokal verankert, aber kein Ersatz für eine staatliche Struktur«, sagt er. Zwar könnten sie kurzfristig Einfluss ausüben, doch es fehle an organisatorischer Tiefe und gesellschaftlicher Akzeptanz. »Ohne breite Unterstützung kann keine Alternative zur Hamas entstehen.«
Hinzu kommt ein strukturelles Ungleichgewicht. Während die Milizen aus wenigen Hundert Kämpfern bestehen und stark von externer Unterstützung abhängig sind, verfügt die Hamas über ein tief in Gaza verankertes Netzwerk sozialer, politischer und militärischer Institutionen. Diese Infrastruktur – von Wohlfahrtsorganisationen bis hin zu Sicherheitsapparaten – sichert ihr trotz Kritik weiterhin Stabilität.
Dennoch haben die Spannungen zwischen Hamas und Milizen eine neue innere Front eröffnet. Immer wieder kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen. Beobachter warnen vor einer schleichenden Eskalation. Zwar gilt ein Bürgerkrieg als unwahrscheinlich, doch die Gewalt dürfte zunehmen.
Für die Hamas ergibt sich ein strategisches Dilemma. Einerseits steht sie unter Druck, ihre Waffen abzugeben und den Weg für eine neue Verwaltung zu öffnen. Andererseits würde eine Entwaffnung sie angreifbar machen. Hamas-nahe Stimmen argumentieren daher, Waffen seien nicht nur gegen Israel notwendig, sondern auch zur eigenen Machtsicherung.
Die Hamas versucht, Waffenfabriken und Schmuggelrouten wiederaufzubauen.
Bouks fasst zusammen: »Während andere vom Wiederaufbau sprechen, nutzt die Hamas die Zeit, um ihre militärischen Fähigkeiten zu reaktivieren.« Dazu gehöre auch der Versuch, »Waffenfabriken wiederaufzubauen und über Schmuggelrouten Material hereinzubringen«. Das dürfe Israel nicht zulassen, so Bouks. »Wir haben erlebt, was passiert, wenn wir die Hamas gewähren lassen. Die Terroristen kommen über die Grenze, ermorden und vergewaltigen unsere Bürger.«
Eine weitere Rolle spielt die humanitäre Lage in der derzeitigen Dynamik im Gazastreifen. Nach Angaben internationaler Organisationen lebt ein Großteil der Bevölkerung unter extrem prekären Bedingungen. Engpässe in der Versorgung mit Nahrung, Medizin und Treibstoff prägen den Alltag der Zivilisten. Dadurch können bewaffnete Gruppen durch die Verteilung von Hilfsgütern gezielt Einfluss gewinnen.
Auch in politischer Hinsicht ist Gazas Zukunft ungewiss. Weder eine Rückkehr der Palästinensischen Autonomiebehörde noch internationale Übergangsmodelle haben konkret Form angenommen. Vorschläge für multinationale Truppen oder technokratische Gremien scheitern bisher an praktischen und politischen Hürden – nicht zuletzt an der Sicherheitsfrage.
Zudem bleiben die Initiativen der Weltgemeinschaft unsicher. Trumps Gaza-Plan – in den USA erdacht und unter Einbindung von Jared Kushner und Steve Witkoff entwickelt – ist aus Bouks’ Sicht dennoch nicht vom Tisch. »Er existiert weiterhin«, sagt er, »aber er wird im Moment nicht wirklich vorangetrieben.« Grund seien die geopolitischen Verschiebungen. »Die wichtigsten Akteure sind derzeit mit den Entwicklungen im Iran beschäftigt – sie haben keine Zeit für Gaza.