Das Bier auf der Terrasse ist für Rita Lifshitz zu einem Ritual geworden, mit dem sie sich an der Zeit vor den Massakern festhalten kann. 500 Tage lang fuhr die 60-Jährige jeden Samstag eine Stunde mit ihrem Auto in den Kibbuz Nir Oz im Süden Israels, um auf der Terrasse vor dem ausgebrannten Haus ihrer Schwiegereltern Oded und Yocheved Lifshitz ein Bier zu trinken.
Eine Flasche war für sie, die andere für »Opa«, wie Rita Lifshitz ihren Schwiegervater nennt. »Opa war für 500 Tage jeden Samstag mein Psychologe«, erzählt sie. Doch der 83-jährige Friedensaktivist und Journalist konnte nicht mit ihr anstoßen. Die Hamas hatte ihn bei den Terrorangriffen am 7. Oktober 2023 in den Gazastreifen verschleppt.
Der Schwarze Schabbat ist im Kibbuz Nir Oz auch nach zweieinhalb Jahren überall präsent. Während nur wenige Kilometer weiter im Kibbuz Be’eri schon halbfertige Neubauten stehen, sind die Wege in Nir Oz umsäumt von ausgebrannten Ruinen. Die Siedlung, die nur knapp drei Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt, war der Hamas am 7. Oktober ausgeliefert. Zahlreiche Kibbuzniks leisteten Widerstand. Dennoch ermordeten die Terroristen 47 Menschen und entführten 76 Bewohner – darunter auch die Familie Bibas. An nur einem Tag verlor die 416-Seelen-Gemeinde ein Viertel ihrer Einwohner. Nur sechs der 229 Häuser blieben unversehrt.
Vor vielen Häusern hängen heute Fahnen. Eine schwarze Fahne bedeutet, dass die Bewohner ermordet wurden, eine gelbe mit einem roten Wimpel erinnert daran, dass die Bewohner entführt und in der Geiselhaft ermordet wurden. Hängt ein blauer Wimpel daran, haben die Bewohner es lebend aus dem Gazastreifen zurückgeschafft.
Yocheved Lifshitz wurde bereits am 23. Oktober 2023 freigelassen. Doch um »Opa« musste die Familie weiter bangen. Erst im Februar vergangenen Jahres erhielt die Familie die traurige Gewissheit: Oded, der früher Kinder aus dem Gazastreifen zur Behandlung in Krankenhäuser nach Jerusalem fuhr, wurde in Geiselhaft von Terroristen des Islamischen Dschihad ermordet. Er kam in einem Sarg nach Israel zurück.
»Ich vermisse diese Momente sehr, in denen ich Bier mit dieser fantastischen Person trinken konnte«, sagt Rita Lifshitz heute. Noch immer stehen zwei Flaschen Weißbier auf dem Tisch vor dem Haus. »Jeden Samstag kam ich hierher, um mit meinen Schwiegereltern zu essen und Bier mit ihnen zu trinken«, sagt die Frau aus dem Kibbuz. Sie hat nicht nur an den Ritualen ihres Schwiegervaters, sondern auch an dessen Hoffnung festgehalten. »Er war ein wahrer Freund der Palästinenser. Wir brauchen Frieden mit den Kindern von Gaza, damit sie wie alle anderen Kinder aufwachsen können und sich der 7. Oktober nicht wiederholen kann«, betont Rita Lifshitz.
An nur einem Tag verlor die 416-Seelen-Gemeinde ein Viertel ihrer Einwohner.
Während aus dem nahegelegenen Gazastreifen Explosionen und Schüsse zu hören sind, spricht Rita Lifshitz von Wiederaufbau. Sie hoffe, dass ihre Schwiegermutter Yocheved, die heute 88 Jahre alt ist, wieder in den Kibbuz ziehen kann. Auch sie selbst will zurückkommen. »Das ist mein Land, das ist mein Zuhause. Ich liebe diesen Ort, und ich will wieder nach Hause und kochen. Früher habe ich regelmäßig die Schabbat-Essen zubereitet. Doch ich habe seit fast zwei Jahren nicht mehr gekocht.«
Rund 70 Prozent der Kibbuz-Bewohner leben wie Rita Lifshitz seit dem 7. Oktober in Kirjat Gat, etwa 65 Kilometer von Nir Oz entfernt. Doch schon kurz nach den Massakern der Hamas kehrte auch das Leben zurück. Ron Bahat zog am 9. Oktober in den Kibbuz. »Ich habe eigentlich nicht im Kibbuz gearbeitet und hatte das auch nicht geplant, aber ich fühlte, dass es notwendig war«, erzählt er. Mehr als zehn Jahre leitete Bahat eine Textilfabrik in den USA, heute ist er einer der führenden Köpfe für den Wiederaufbau des Kibbuz.
Zuerst musste die wirtschaftliche Grundlage des Kibbuz wiederhergestellt werden. »Drei Wochen nach dem 7. Oktober haben wir wieder angefangen, auf den Feldern zu arbeiten«, sagt Ron Bahat. »Nach und nach hat die Armee auch die Felder an der Grenze zum Gazastreifen freigegeben.« Heute sind die Kuhställe und der Hühnerstall wieder in Betrieb. Auch dank der Hilfe zahlreicher Freiwilliger aus Israel und dem Ausland. So verbringen etwa 24 junge Israelis ihr freies Jahr zwischen der Schule und dem Militärdienst in Nir Oz. Heute muss nur noch die zerstörte Fabrik für Farb- und Dichtstoffe abgerissen und neu aufgebaut werden.
Gleichzeitig will der Kibbuz seine Wirtschaft für die Zukunft aufstellen. So wurde im Kindergarten ein provisorischer Campus für Künstliche Intelligenz eingerichtet. Im Rahmen der Initiative Bina BaLev (»Weisheit im Herzen«) sollen IT-Absolventen dort lernen, KI-getriebene Lösungen für die Landwirtschaft, den Bildungs- und Gesundheitssektor zu entwickeln.
Bisher übernachten Ron Bahat zufolge 90 Menschen im Kibbuz. Zehn Häuser sollen demnächst wieder aufgebaut werden, 20 weitere sollen folgen. »Wir sind außerdem dabei, zehn neue Häuser zu bauen, in denen Familien von außerhalb, aber auch junge Leute aus dem Kibbuz Platz finden sollen«, erzählt er.
Doch damit auch die alten Kibbuzniks wie Yechovod Lifshitz zurückkehren können, müssen zuerst die Gemeinschaftsräume wieder aufgebaut werden. In den nächsten Monaten soll der Speisesaal errichtet werden, gefolgt von einer Klinik und einem Kindergarten. Insgesamt drei Jahre soll der Wiederaufbau des Kibbuz dauern. Die Kosten dafür beziffert Ron Bahat auf etwa 450 Millionen Schekel (rund 128 Millionen Euro). 350 davon stellt der israelische Staat zur Verfügung, 50 Millionen weitere Schekel hat der Jüdische Nationalfond gespendet. Die restlichen 50 Millionen müssen noch aufgetrieben werden.
Von der Finanzierungslücke wollen sich die Kibbuz-Bewohner nicht aufhalten lassen. Der Plan zum Wiederaufbau wurde gemeinschaftlich beschlossen, ein Architekturbüro ist bereits beauftragt. Bis Jahresende sollen im Kibbuz 40 neue Häuser errichtet werden. Jedes davon ist 120 Quadratmeter groß. Wer ein größeres Haus haben möchte, muss die zusätzlichen Kosten selbst tragen.
Doch der Wiederaufbau bedeutet auch Abriss und damit den schmerzhaften Abschied von alten Freunden und Nachbarn. »Ich habe ein großes Loch in meinem Herzen, weil ich nicht in Roee Munders Haus gehen und seine Geschichte erzählen kann«, berichtet Rita Lifshitz. Von Roee Munders Haus, in dem der 50-Jährige ermordet wurde, ist nur noch der Luftschutzraum übriggeblieben. Er soll wie alle anderen Luftschutzräume der zerstörten Häuser vor dem Kibbuz wieder aufgebaut und Teil einer Gedenkstätte werden, die die Geschichten der Opfer des 7. Oktober erzählt.
Demnächst soll eine Gedenkstätte entstehen und die Geschichten der Opfer erzählen.
»Wir machen ein Trauma durch«, erklärt Rita Lifshitz. Nach der Rückkehr von Amiram Cooper, der letzten Geisel aus Nir Oz, sei sie froh und traurig zugleich gewesen. Traurig, weil er in einem Sarg zurückkam, aber froh, dass er überhaupt wieder da ist.
Auf dem Friedhof von Nir Oz sagt Rita Lifshitz: »Wir waren auf mehr Beerdigungen als andere Leute auf Hochzeiten.« Sie betont aber: »Es passieren auch schöne Dinge. Wir hatten hier eine 74-jährige Freiwillige aus Deutschland, die in den Gärten geholfen hat und immer mit Nathan Bahat, Rons Vater, auf dem Golfkart herumgefahren ist. Nach ihrer Zeit als Freiwillige ist sie immer wieder hergekommen, und heute sind die beiden ein Paar.«
Das Wichtigste sei für sie, immer die positiven Seiten des Lebens zu sehen, sagt Rita Lifshitz. Ein Spruch, der aus dem Monty-Python-Film Das Leben des Brian stammt und der auch auf dem Grabstein von Ronen Engel steht. Als Rita Lifshitz ihn sieht, fängt sie an, die Melodie zu summen.