Herr Fainaru, kurz vor der offiziellen Eröffnung der Kunstbiennale von Venedig am 9. Mai hat die internationale Jury ihren Rücktritt erklärt. Was war Ihr Gefühl, als Sie davon erfahren haben?
Ich habe mich gefreut. Denn dass ich laut der Entscheidung der Jury nicht am Wettbewerb teilnehmen sollte, weil ich ein jüdischer Künstler aus Israel bin, empfand ich als diskriminierend und auch als rassistisch. Ich kenne die Erfahrung der Diskriminierung und des Antisemitismus aus Rumänien, wo ich geboren bin. Jetzt bin ich froh, dass ich in Venedig genauso behandelt werden soll wie alle anderen Künstler.
Sie bespielen den israelischen Pavillon mit einer Installation, die sich auf Gedichte von Paul Celan bezieht. Die Jury wollte Russland und Israel ursprünglich vom Wettbewerb ausschließen mit der Begründung, dass Staats- oder Regierungschefs beider Länder vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) mit Vorwürfen von Kriegsverbrechen konfrontiert sind. Geht es bei der Biennale überhaupt noch um Kunst?
Ich jedenfalls bin als Künstler nach Venedig gekommen, und nicht, um meine politische Haltung oder diejenige meines Landes zu vertreten oder um mich zu Vorwürfen gegen einen Regierungschef zu äußern. Das würde ich sehr gerne den Politikern überlassen. Ich nehme an einer internationalen Kunstausstellung teil, nicht an irgendeiner Konferenz der Vereinten Nationen. Als Künstler spreche ich eine universelle Sprache. Wenn aber der künstlerische Maßstab durch den politischen Maßstab ersetzt wird, schließt man die Tür zum Dialog auf einer Kunstbiennale wie der von Venedig, wo Künstler aus allen Ländern miteinander ins Gespräch kommen sollten, und das kann ich nicht akzeptieren. Es wäre ein Ende der Bedeutung der Kunst als freie Bühne.
»Vielleicht ist es an der Zeit, dass Künstler nicht mehr als Vertreter ihrer Länder angesehen werden sollten.«
Der politische Streit um die Biennale von Venedig dreht sich auch um die Diskussion um die Wiederzulassung Russlands. Aber Katar nimmt ebenfalls an der Ausstellung teil und die Teilnahme Irans wurde erst an diesem Montag abgesagt …
Ein iranischer Künstler unterstützt nicht automatisch die Politik seiner Regierung. Wenn man anfängt, Künstler aus politischen Gründen auszuschließen, kann sich eine solche Entscheidung irgendwann auch gegen homosexuelle Künstler richten. Oder gegen jüdische Künstler, wie bei der vergangenen documenta, auch wenn man das dort nicht offen ausgesprochen hat. Deshalb müssen wir so entschieden auf der Kunst- und Meinungsfreiheit beharren.
Wie sinnvoll erscheint das Konzept der Biennale mit den Pavillons einzelner Länder heute noch?
Vielleicht ist es an der Zeit, dass Künstler nicht mehr als Vertreter ihrer Länder angesehen werden sollten. Das war die Auffassung im 19. Jahrhundert, als auf den großen Ausstellungen Länder repräsentiert wurden, in der Zeit, als auch die Biennale von Venedig entstand. In der globalen Auffassung von heute scheint dies weniger bedeutsam, sondern eher, Kulturen aus verschiedenen Ländern auszustellen, wie etwa die afghanische oder die israelische Kultur ...
... und die russische Kultur?
... auch die russische Kultur, aber nicht in dem Sinn, dass der Künstler einen Staat vertritt. Denn das klingt nicht gut und passt eher zur Zeit des Nationalsozialismus und des Kommunismus, wie damals, als ich ein Kind in Rumänien war. In solchen Systemen sollte Kunst ein Regime repräsentieren. Heute hat das keine Relevanz mehr. Aber natürlich gibt es in dieser Hinsicht auch Fragen hinsichtlich des Pavillon des Iran und des Pavillons von Katar bei der Kunstbiennale von Venedig.
Mit dem israelischen Künstler und Bildhauer, der den Pavillon der Kunstbiennale von Venedig bespielt, sprach Ayala Goldmann. Das am 30. April geführte Interview wurde am 4. Mai aktualisiert, nachdem bekanntgegeben wurde, dass der Iran nicht an der Kunstaussstellung teilnimmt.