Wirtschaft

Wenn Stärke teuer wird

Wenn der Schekel überm Dollar liegt. Foto: Flash 90

Er ist unter drei. Zum ersten Mal seit Oktober 1995 ist der US-Dollar im Vergleich zum israelischen Schekel unter die historische Marke gefallen: Ein Dollar kostet nun nur noch etwas weniger als drei Schekel. An den Devisenmärkten wirkt das wie ein Ritterschlag für die israelische Wirtschaft: Stärke, Stabilität, Vertrauen. Doch während sich die Schlagzeilen gut lesen, wird die Lage für viele Unternehmen zunehmend kompliziert.

Denn was wie ein Erfolg aussieht, fühlt sich im Alltag oft anders an, besonders im Hightech-Sektor, dem Herzstück der israelischen Wirtschaft. Hier gilt eine einfache, aber folgenreiche Gleichung: Einnahmen in Dollar, Ausgaben in Schekel. Und genau diese Rechnung geht mit einer derart schwachen US-Währung plötzlich nicht mehr auf.

Hohe Gehälter können sich kleine Start-ups kaum leisten

Ein Beispiel, das in der Branche derzeit häufig vorgerechnet wird: Ein Start-up zahlt einem Programmierer 30.000 Schekel im Monat. Vor einem Jahr entsprach das rund 8500 Dollar. Heute sind es um die 10.000 Dollar, ohne dass sich am Gehalt etwas geändert hätte. Für ein junges Unternehmen, das gerade erst Kapital eingesammelt hat, ist das keine Kleinigkeit, sondern ein großer Einschnitt. Die sogenannte »Runway«, wie die Zeit genannt wird, bis das Geld aufgebraucht ist, schrumpft. Und zwar viel schneller als geplant.

»Wenn deine Finanzierungen und Einnahmen in Dollar abgerechnet werden, führt eine Schwächung der Währung dazu, dass die Gehälter faktisch um zweistellige Prozentsätze steigen«, erklärt Elad Arad, Geschäftsführer des Finanzdienstleisters »Arad Finance«. Was nüchtern klingt, hat im Alltag ganz konkrete Folgen, sowohl für die Start-ups als auch für den Arbeitsmarkt: Budgets müssen ständig neu errechnet werden, Neueinstellungen werden verschoben, manchmal ganz gestrichen.

Start-ups verlagern Entwicklerteams und Support-Einheiten ins Ausland

So entsteht eine eigentümliche Schieflage. Während die Währung Stärke signalisiert, geraten die Unternehmen unter Druck. »Daraus entsteht eine Art Dissonanz«, sagt Arad. Das hat oft Folgen, die sich nicht unmittelbar zuordnen lassen. »Es ist nicht so, dass viele Start-ups aus diesem Grund verschwinden, vielmehr verlagern sie die Arbeit ins Ausland«, weiß der Insider. Entwicklerteams entstehen plötzlich in Osteuropa oder Asien, Support-Einheiten wandern in Länder, in denen in Dollar abgerechnet wird. Israel bleibt zwar oft noch das innovative Zentrum der Start-ups – aber mehr nicht.

Dabei war die Entwicklung lange absehbar. »Wir haben gesehen, wie gestärkt die israelische Wirtschaft und der Schekel aus großen Ereignissen hervorgehen«, erläutert Tamir Herschkowitz, Investmentchef bei Ayalon Insurance. Bereits vor dem Krieg gegen den Iran sei ihm klar gewesen, dass der Dollar unter drei Schekel falle, »und zwar schneller, als wir denken«. Der Ökonom Leo Leiderman geht noch weiter und spricht von einem möglichen nächsten Schritt: »Ein einzelnes Ereignis, etwa ein Regimewechsel im Iran, könnte den Schekel sogar in Richtung zwei pro Dollar treiben, getragen von massiven Kapitalzuflüssen und sinkender Risikoprämie.«

Vertrauen internationaler Investoren in Israel wächst

Tatsächlich hat die aktuelle Schekel-Stärke genau mit diesen Faktoren zu tun: geopolitische Entspannung, wachsendes Vertrauen internationaler Investoren in Israel und ein global schwächerer Dollar. Während viele Währungen derzeit moderat zulegen, hat der Schekel massiv an Fahrt aufgenommen und stieg innerhalb nur eines Jahres um fast 20 Prozent.

Doch Geschwindigkeit hat seinen Preis. Für Exporteure kann schon eine Bewegung von wenigen Prozent entscheiden, ob ein Geschäft profitabel ist oder nicht. Wer Software in den USA verkauft, bekommt für jeden Dollar schlicht weniger Schekel, während die Kosten unverändert bleiben. Manche Gründer beschreiben die Situation inzwischen fast ironisch: Je erfolgreicher sie international sind, desto stärker tragen sie selbst zur Aufwertung unserer Währung bei und potenzieren damit ihren eigenen Kostendruck.

Der Staat hält sich zurück

Warum also greift der Staat nicht stärker ein? Ganz einfach: weil der Devisenmarkt schwer zu steuern ist. Die Bank of Israel betrachtet die aktuelle Entwicklung vor allem als Teil eines globalen Trends und hält sich deshalb bislang zurück. Zwar gibt es Möglichkeiten, den Wechselkurs zu beeinflussen, aber sie sind komplex, wirken oft nur begrenzt oder mit Verzögerung.

Es klingt wie eine gute Nachricht, funktioniert aber wie eine Steuer auf die ganze Branche.


Trotzdem werden verschiedene Ansätze diskutiert. Eine Idee ist ein staatlicher Fonds, der einen Teil der Dollar-Einnahmen im Ausland anlegt, statt sie sofort in die heimische Wirtschaft zu bringen. Dadurch würde weniger Druck auf den Schekel entstehen.

Ein anderer Ansatz setzt bei öffentlichen Investitionen an: Wenn mehr Geld in Infrastruktur wie Verkehr, Energie oder Digitalisierung fließt, dann steigt auch der Bedarf an importierten Gütern und damit an Fremdwährungen, was den Wechselkurs ebenfalls etwas ausbalancieren kann.

Und schließlich geht es auch um große institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, die mit ihren Devisengeschäften den Markt stark beeinflussen. Würden sie diese anders strukturieren, könnte das ebenfalls für etwas mehr Ruhe am Markt sorgen. All das sind keine schnellen Lösungen, sondern sie wirken eher mittel- oder gar erst langfristig. Unternehmen aber müssen im Hier und Jetzt entscheiden.

Am Ende bleibt der starke Schekel ein zweischneidiges Schwert: Zeichen für eine insgesamt robuste Wirtschaft und gleichzeitig eine Herausforderung für ihre exportorientierten Branchen. Oder wie es der Unternehmer Elad Arad sagt: »Es klingt wie eine gute Nachricht, in der Tat aber ist es so etwas wie eine Steuer auf die Start-up-Branche.

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