TV-Kritik

»Nie allein«: Arte-Drama über Finnlands Kooperation mit Nazi-Deutschland

»Nie allein«: Als der finnische Geschäftsmann Abraham Stiller (Ville Virtanen) von der Notlage jüdischer Flüchtlinge erfährt, denen die Einreise nach Finnland verweigert wurde, trifft er eine mutige Entscheidung. Freitag, 8. Mai, 20.15 Uhr arte Foto: © arte/MRP Matila Röhr Productions Oy/Andres Teiss

Gut gemeint und gut – dazwischen können Welten liegen. Bisweilen bedeutet dieser Unterschied sogar den Tod. So geschehen im Finnland der 1940er Jahre, als dort acht österreichische Juden an die Gestapo ausgeliefert wurden, von denen sieben in KZs starben. Sie alle standen auf einer Liste, die der Textilhändler Abraham Stiller erstellt hatte. Namen und Adressen sämtlicher finnischer Juden und ihrer kurz zuvor vor den Nazis ins Land geflüchteten Glaubensgenossen waren darauf vermerkt.

Mit Hilfe besagten Verzeichnisses sollten die beiden Gruppen gewissermaßen miteinander »verkuppelt« werden, um den Flüchtlingen zu Arbeit und Wohnsitz in Finnland zu verhelfen. Doch Stillers Hilfsbereitschaft verkehrte sich ins Gegenteil, als Finnland 1942 eine Kooperation mit Nazi-Deutschland einging.

Internationale Filmproduktion

Regisseur Klaus Härö erzählt dieses hierzulande weitgehend unbekannte Kapitel europäischer Geschichte in dem Drama »Nie allein«, das Arte am Freitag, dem 8. Mai, von 20.15 bis 21.30 Uhr ausstrahlt. Mit Deutschland, Österreich, Finnland, Estland und Schweden waren fünf Länder an der Produktion beteiligt. In einer in schwarz-weiß gehaltenen Rahmenhandlung lässt Härö, der zusammen mit Jimmy Karlsson auch das Drehbuch schrieb, Stiller im Jahr 1972 von einer Journalistin interviewen. Zunächst unwillig, lässt sich der alte Mann schließlich auf seine Erinnerungen ein, die der Film in »bunten«, wenngleich weitgehend farbentsättigten Bildern darstellt.

Emotionales Zentrum der Erzählung ist neben Stiller (Ville Virtanen) und seiner Frau Vera (Nina Hukkinen) die österreichische Familie Kollmann: Janka (Naemi Latzer), die im Kleidergeschäft der Stillers arbeitet, ihr Ehemann Georg (Rony Herman) und deren gemeinsamer Sohn. Der Menschenfreund Stiller, dessen Vater einst als mittelloser Musiker nach Finnland kam, hat es in die obersten gesellschaftlichen Kreise geschafft. Er ist mit dem Minister Väinö Tanner befreundet und hat grenzenloses Vertrauen in die finnische Demokratie.

Folgenreiche Fehleinschätzungen

Umstände, die zu folgenreichen Fehleinschätzungen führen: »Ich verspreche euch: Kein Leid wird eurer Familie hier widerfahren!«, sagt er einmal zu den Kollmanns. Doch obwohl er in seinem Kampf um die »ausländischen Juden« sogar selbst ins Gefängnis geht, kann er deren Schicksal nicht verhindern. Zu zielstrebig und mächtig ist sein Antagonist Arno Anthoni, Leiter der finnischen Staatspolizei und Nazisympathisant.

Immerhin: Weitere Deportationen wurden dank der Aufklärungsarbeit des jüdischen Geschäftsmannes verhindert. Doch Stiller trägt schwer an seiner Schuld. Jahrzehnte später lässt er besagte Journalistin eine Entschuldigung überbringen an Georg, der die Auslieferung als einziger überlebte. Der macht dem einstigen Freund allerdings gar keinen Vorwurf, fühlt sich selbst schuldig, weil er seine Familie überhaupt erst nach Finnland gebracht hatte.

Keine per se mitreißende Story

Gutherzige Menschen, die in einer unmenschlichen Welt versuchen, das Richtige zu tun, damit scheitern und daran fast zerbrechen: Davon erzählt »Nie allein«, dessen Titel sich auf ein Propaganda-Zitat zur finnisch-deutschen Kooperation bezieht. Was allerdings noch nicht per se eine mitreißende Story ergibt. Die fehlt hier, ebenso wie eine fesselnde Entwicklung.

Denn so erbaulich die eine, so abgrundtief böse ist die andere Seite: Die Nazis und ihre Handlanger sind von Hass zerfressene Zerrbilder. Nicht, dass man zwingend auch die menschlichen Facetten von Nazis zeichnen müsste. Durch die auf beiden Seiten fehlenden Zwischentöne aber tritt die Zweiteilung dieser Filmerzählung allzu deutlich zutage, lässt den Film eher statisch und didaktisch wirken.

Dazu trägt auch die seltsam pompöse, zwar sorgfältig gestaltete, aber wenig überzeugende Filmsprache bei: Das dramatisch ausgeleuchtete Licht-und-Schattenspiel, der bei Außenaufnahmen ständig im Hintergrund wabernde Nebel, Bilderarrangements wie Ölgemälde alter Meister. Oder gar die die Festnahme der Juden flankierende Zeitlupe samt orchestraler Untermalung - ein fragwürdiger Regieeinfall. So gilt auch für diesen Film trotz stimmiger schauspielerischer Leistungen die Erkenntnis: Gut gemeint und gut - ist nicht dasselbe.

»Nie allein«. Regie: Klaus Härö. Arte, Fr 08.05., 20.15 bis 21.30 Uhr.

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