Es ist ein Dienstagnachmittag Mitte März. Die Weinmesse »ProWein 2026« in Düsseldorf neigt sich ihrem Ende entgegen, die ersten Aussteller packen bereits ihre Sachen zusammen. Howard Rossbach steht noch am Stand des Oregon Wine Board und zeigt den Besuchern seine Weine.
Der Amerikaner kommt seit vielen Jahren jedes Jahr auf die internationale Fachmesse, obgleich der deutsche Markt für ihn ein hartes Pflaster ist. Rossbach hat bislang keinen Importeur für seine Weine gefunden hat, obwohl er seit drei Jahrzehnten ein wichtiger Player im Weingeschäft und gut verdrahtet ist. Auf der ProWein habe er trotzdem gute Gespräche mit Händlern und Importeuren aus aller Welt geführt, bilanziert der 71-Jährige. »Ich bin jetzt 50 Jahre in diesem Geschäft und liebe es immer noch.«
Zwar hat er das von ihm gegründete Weingut »Firesteed« schon vor neun Jahren verkauft. Doch der Mann, der seit einem halben Jahrhundert Wein macht und verkauft, ist noch längst nicht reif für die Rente. Einen 100 Hektar großen Weinberg namens »Erratic Oaks« hat Rossbach beim Verkauf zurückbehalten, und auch seine Premium-Linie »Citation« führt er weiter. Bei diesen Weinen handelt sich um rote und weiße Burgunder, die im kleinen Holzfass ausgebaut werden und in Amerika für rund 40 Dollar über die Ladentheke gehen.
Doch Rossbach will auch jene an Qualitätswein aus Oregon heranführen, die nicht das Budget für seine Premiumweine haben. Vor einem Jahr brachte er deshalb eine neue Produktlinie auf den Markt. Seine »WillaJory«-Weine kosten im Heimatmarkt rund 20 Dollar – für hochwertige Weine aus dem Nordwesten der USA sind sie damit durchaus preiswert.
Wein-Boom an der Pazifikküste
Oregon und auch der nördliche Nachbar-Bundesstaat Washington, in dessen Hauptstadt Seattle Rossbach seit 50 Jahren lebt, sind nämlich in erster Linie für prestigeträchtige und teuren Spätburgunder bekannt. Die können es in puncto Eleganz auch mit den »Originalen« aus dem französischen Burgund aufnehmen. Und das, obwohl der Wein-Boom an der amerikanischen Pazifikküste erst in den 70er Jahren so richtig an Fahrt aufnahm.

In Oregon sind rund 16.000 Hektar Land mit Reben bepflanzt, 70 Prozent davon im Willamette-Tal südwestlich von Portland. Drei Fünftel der Weinberge sind mit Pinot Noir bestockt. Mengenmäßig steuern die beiden Bundesstaaten nur wenig zur amerikanischen Weinproduktion bei. Vier Fünftel der US-Weine werden in Kalifornien gekeltert. Doch ist das Klima dort meist zu heiß, um feine Spätburgunder auf die Flasche zu bringen. Bei Prämierungen für die delikate Rebsorte ist der amerikanische Nordwesten deswegen deutlich überrepräsentiert.
Fast ein wenig wie Juden unter den Nobelpreisträgern. Auch Howard Rossbach entstammt einer jüdischen Familie. Er wuchs im New Yorker Stadtteil Bronx auf. Zwar waren unter seinen Vorfahren aus Deutschland auch Weinhändler, doch Rossbachs Karriere war ihm alles andere als in die Wiege gelegt.
Sein gleichnamiger Vater, Howard Rossbach Sr., war bis zu seinem Tod 1975 als Rechtsberater und Richter in New York tätig. Dessen Onkel war ein gewisser Herbert Lehman, Sohn von Mayer Lehman (1830-1897), dem Mitbegründer der 2008 in Konkurs gegangenen Investment-Bank Lehman Brothers.
Berühmte Onkels
Herbert Lehman war aber nicht Banker, sondern einer der führenden Politiker an der Ostküste. Von 1933 bis 1942 diente er als Gouverneur des Bundesstaates New York, anschließend wurde er zum Chef der Hilfsorganisation UNRRA ernannt, die Kriegsflüchtlinge in Europa unterstützte. Von 1946 bis 1956 war Lehman dann Mitglied des US-Senats.

»Uncle Herbert« habe er als Kind noch selbst erlebt, erzählt Howard Rossbach. Und noch einen weiteren Politikeronkel, den langjährigen Kongressabgeordneten Jonathan Bingham, besuchte er als junger Mann gelegentlich. »Der beschwerte sich anschließend bei meiner Mutter, dass ich angeblich viel zu konservative Ansichten hätte. Dabei habe ich nur einige Ausgabenprogramme in Washington hinterfragt. Ich war halt schon damals ein fiskalischer Konservativer, aber ansonsten ein Sozialliberaler«, erinnert Rossbach sich mit einem Schmunzeln.
Sein Interesse an Politik war ihm also förmlich in die Wiege gelegt. Politischen Diskussion geht er deswegen auch nie aus dem Weg – auch nicht auf der Düsseldorfer Weinmesse. In seinen Ansichten bleibt stets freundlich, vertritt sie aber mit Nachdruck.
Einbußen wegen Trumps Zollpolitik
Auf dem Tisch seines Stands liegt neben den Weinflaschen eine schwarze Baseballkappe. Sie trägt einen Aufdruck, der dem amtierenden US-Präsidenten nicht gefallen dürfte. Über Donald Trump, wie er ein gebürtiger New Yorker mit deutschen Wurzeln, verliert Rossbach kein gutes Wort. Schon auf der ProWein 2025 prophezeite er: »Der Kerl wird mich eine Million Dollar Umsatz kosten.« Der Grund: die aggressive Zollpolitik des Präsidenten gegenüber Kanada.
»Für die US-amerikanische Wein- und Spirituosenbranche ist das, was Trump macht, einfach verheerend«, schimpft Rossbach. »Wegen ihm sind vom kanadischen Markt ausgesperrt.« Fast alle kanadischen Importeure hätten nämlich amerikanische Weine und Spirituosen aus Protest gegen Trumps megalomanischen Plan, ihr Land als 51. US-Bundesstaat einzuverleiben, ausgelistet. Auf absehbare Zeit werde sich daran nichts ändern, glaubt der Winzer. »Die Kanadier fühlen sich beleidigt – zu Recht. Was Trump ihnen angetan hat, ist eine Frechheit. Der Mann kennt keine Grenzen, er hat keine Scham.«
Und wo er schon mal in Fahrt ist, teilt Rossbach weiter aus. Der Slogan der MAGA-Bewegung, »Make America great again«, sei doch ein Hohn. Eigentlich müsste die Abkürzung für »Make assholes go away« stehen, witzelt er. Trump und seine Leute würde er liebend gerne in die Wüste schicken, das seien Gauner. »Ich sage nur Elon Musk. Schrecklich. Und nebenbei bemerkt: Wusstest du, dass man das Wort ‚felon‘ (Straftäter) nicht ohne ‚Elon‘ buchstabieren kann...?«

Die Trump’sche Wirtschafts- und Handelspolitik nennt er destruktiv. »Der Mann weiß doch nur, wie man etwas zerstört, aber nicht, wie man Neues aufbaut«, findet Rossbach. »Als er noch Bauunternehmer war, gingen Trumps Unternehmen reihenweise bankrott.« Die aktuelle politische Lage im Land vergleicht er mit der zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs vor 160 Jahren.
Nachfahre jüdischer Auswanderer aus Deutschland
»Wir eine Neuauflage einiger Elemente des Bürgerkriegs. Trumps MAGA-Anhänger sind eine ultrakonservative, rassistische Gruppe von Menschen. Sie mögen Menschen mit anderer Hautfarbe nicht, sie mögen Menschen nicht, die keine Christen sind. Das ist eine weiße, nationalistische, christliche Bewegung. Was das bedeutet, versteht man in Deutschland wahrscheinlich besser als in Amerika.« Auch an den »No Kings«-Demonstrationen in Seattle, die sich gegen die monarchischen Allüren des Präsidenten richten, nimmt Rossbach regelmäßig teil.
Er hofft darauf, dass sich der Wind irgendwann wieder dreht. »Demokratie ist halt nicht einfach, man muss jeden Tag für sie kämpfen. Das verstehen die Leute leider nicht immer.« Auch seine Demokraten hätten 2024 große Fehler gemacht. »Joe Bidens Ausrutscher in der Debatte mit Trump wurde völlig falsch gehandelt«, findet er. Und nach dem plötzlichen Wechsel zu Kamala Harris hätten sich viele demokratische Stammwähler um ihr Mitspracherecht betrogen gefühlt und seien nicht wählen gegangen.
Mütterlicherseits stammten Rossbachs Vorfahren ebenfalls aus Deutschland. Die Familie der Mutter sei im 18. Jahrhundert nach Savannah in Georgia ausgewandert – die zweitälteste der heute sehr zahlreichen jüdischen Gemeinden in Amerika. »Das war damals eine sehr kleine, geschlossene Gemeinschaft. Deswegen habe ich Cousins, mit denen ich gleich mehrfach verwandt bin«, sagt Rossbach und lacht.
Dass er beruflich nicht in die Fußstapfen des Vaters treten würde, sei ihm recht früh klar geworden. Schon als Schüler wollte er Botanik und Mykologie studieren. »Ich war schon damals Umweltaktivist und wollte ich die Welt retten. Als Jugendlicher habe ich den ersten Earth Day an meiner Schule organisiert.«
Sein Weinwissen musste Rossbach sich erst antrinken
Der Vater habe vor ihm kurz vor seinem Tod 1975 aufgegeben, bei der Berufswahl der inneren Stimme zu folgen: »Nur dann wirst du wirklich glücklich werden.« Rossbach folgte dem väterlichen Rat. Zum Studium ging nicht nach Yale, wie das in der Familie bis dahin Tradition war, sondern an die University of Washington in Seattle. Auf sein Studium der Botanik sollte eigentlich ein Jurastudium folgen, denn Rossbach wollte ein »Environmental Lawyer« werden, ein auf Umweltrecht spezialisierter Anwalt, was es in den 70er Jahren noch kaum gab.
Doch es kam anders. Der junge Rossbach heuerte bei einem Weinhändler in Seattle an. »Mein erster Arbeitstag war zufällig auch mein 21. Geburtstag, der Tag also, an dem ich zum ersten Mal legal Wein trinken durfte.« Natürlich hatte er schon vorher gelegentlich gekostet, denn bei Abendessen der Familie in New York wurden regelmäßig gute Tropfen gereicht, verrät Rossbach. Doch in Sachen Weinwissen hatte der 21-Jährige seinen Kunden nichts viel voraus. Er musste es sich im Schnellverfahren aneignen.
Zwei Jahre später wechselte er zu einem Großhändler, der Restaurants in der Gegend von Seattle mit lokalen Weinen belieferte. »Ich war dort Mitarbeiter Nummer zehn. Acht Jahre später hatte die Firma schon 150 Angestellte.« Rossbach wurde Abteilungsleiter, er bereiste ganz Amerika und auch die Welt. 1992 gründete er »Firesteed«. Seine Frau nannte es ein »virtuelles Weingut«, weil die Rossbachs keine eigenen Weinberge besaß, sondern die Trauben ausschließlich von Vertragswinzern bezog. Heute bereut Rossbach gelegentlich, dass er den Begriff »Virtual Winery« nicht als Markennamen hat eintragen lassen.
Mit Firesteed gelang es ihm trotzdem, eine Marke aufzubauen, die in Nordamerika und später auch in Europa großen Erfolg hatte. Als er den Betrieb 2017 verkaufte, belief sich die Jahresproduktion auf 1,5 Millionen Flaschen.
Zu Präsident Bill Clintons Zeiten wurde Rossbachs Wein im Weißen Haus ausgeschenkt – als erstes amerikanisches Gewächs überhaupt. »Mein Wein war Zeuge historischer Ereignisse«, sagt Rossbach nicht ohne Stolz. »Oder vielleicht sogar deren Ursache, wer weiß? Er passte sicher sehr gut zu Pizza, Zigarren und blauen Kleidern.« Es ist eine Anspielung auf Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky an, die dem Präsidenten 1998 fast das Amt gekostet hätte. Auch zu Lewinsky hat Rossbach übrigens eine Verbindung: »Ich kannte ihren Stiefvater und ihre Stiefgeschwister. Monicas Mutter heiratete einen Peter Strauss. Der ist in derselben Straße in New York aufgewachsen wie ich.«

Und Rossbach hat noch eine Anekdote parat. »Anders als der aktuelle Amtsinhaber liebten viele amerikanische Präsidenten guten Wein, Ronald Reagan zum Beispiel. Und auch Richard Nixon war ein Liebhaber von teuren französischen Spitzenweinen, wollte sich das aber nicht anmerken lassen. Bei seinen Abendessen im Weißen Haus ließ er seinen Gästen billigen Fusel servieren. Als die Kellner zu ihm kamen, schenkten sie ihm aus Flaschen ein, die in eine Serviette gewickelt waren. Er trank nämlich Château Margaux.« Das erste Gewächs aus Bordeaux gehörte schon in den 1960er und 1970er Jahren zu den teuersten Tropfen der Weinwelt.
Doch mittlerweile werden bei offiziellen Anlässen in der Hauptstadt Washington vorwiegend heimische Gewächse ausgeschenkt. Beim White House Correspondents‘ Dinner am vergangenen Wochenende, das wegen eines mutmaßlichen Attentatsversuchs auf Donald Trump vorzeitig abgebrochen werden musste, stand ein Roter aus dem Willamette Valley auf den Tischen. Zahlreiche Journalisten wurden dabei beobachtet, wie sie die noch ungeöffneten Flaschen »mitgehen« ließen. Doch Howard Rossbach bestätigte dieser Zeitung, dass es sich nicht um seinen Wein gehandelt habe - »so leid es mir tut«.
Antisemitismus: »Niemand ist mehr sicher«
Howard Rossbach ist säkularer Jude. In das Gemeindeleben ist er nicht involviert. »Ich habe vor einigen Jahren aufgehört, an die Federation of Jewish Philanthropies zu spenden«, sagt er. Auch zu Israel hat er eine dezidierte Meinung. »Ich unterstütze die Menschen dort, aber ich nicht die aktuelle Regierung.«

Von der Nahostpolitik Trumps und der jüngsten Militäraktion gegen den Iran hält er gar nichts. Und auch den Ausbau der israelischen Siedlungen im Westjordanland verurteilt Rossbach scharf. »Die Siedler nehmen den Palästinensern ihr Land weg.« Er fordert eine Zwei-Staaten-Lösung, macht sich darüber aber keine Illusionen. Gefragt, ob wenigstens in Amerika die Juden sicher seien, antwortet er. »Niemand ist mehr sicher, auch hier nicht. Der Antisemitismus ist so alt wie die Menschheit. Er reicht ja bis in die Römerzeit zurück.«
Dann erzählt er eine Anekdote. »Ich habe einen Stapel Briefe aus dem Nachlass meines Großvaters Max Rossbach. Der wuchs in Frankfurt auf und promovierte dort in Wirtschaftswissenschaften. Er kehrte später in die USA zurück und heiratete Mabel, meine Großmutter, eine Enkelin von Mayer Lehman. Mein Großvater war er als ‚Affidavit-Bomber‘ bekannt, weil er Hunderten von Juden, die aus Nazi-Deutschland fliehen wollten, mit eidesstattlichen Versicherungen dabei half, in die USA einzuwandern. Doch viele von ihnen dachten, es würde schon nicht so schlimm kommen, und ließen sich mit der Auswanderung Zeit. Für sie kam die Hilfe meines Großvaters leider zu spät - sie kamen nicht mehr heraus aus Deutschland.«
Wortspiele auf den eigenen Nachnamen
Für seine Weine sucht Rossbach gerne Namen mit tiefergehender Bedeutung aus. Der Ausdruck »fiery steed«, zu Deutsch »feuriges Ross«, beschreibt im amerikanischen Sprachgebrauch ein energisches, schnelles Pferd. Für Rossbach ist es ein Wortspiel auf seinen deutschen Familiennamen.
Auch »Citation« ist doppeldeutig gemeint. »In New York ist eine ‚Citation‘ ein Strafzettel. Aber es ist auch eine Auszeichnung«, erläutert der Winzer. »Und es gab mal ein Rennpferd namens Citation. Das gewann 1948 die Triple Crown.« Sein neuer Markenname »WillaJory« ist eine Kombination der zwei Bodentypen, die in seinem Weinberg »Erratic Oaks« vorkommen: Der von Meeresablagerungen geprägte Willakenzie und der vulkanische Jory. »Ich liebe Sprache«, sagt er. »WillaJory spricht die Sprache meines Bodens.«

Sein ehemaliges Weingut ist mittlerweile unter neuer Führung in Konkurs gegangen. »Ich habe kurz darüber nachgedacht, es zurückzukaufen, das dann aber verworfen«, sagt Rossbach. »Denn man soll nie versuchen, ein fallendes Messer aufzufangen.« Überhaupt schaut er lieber nach vorn als zurück. Und gibt eine Begründung: »Die Windschutzscheibe eines Autos ist nicht umsonst deutlich größer als der Rückspiegel. Sicher, es ist wichtig zu wissen, was hinter einem liegt. Man soll sich der Vergangenheit bewusst sein. Aber wer ständig nur nach hinten schaut, baut unweigerlich einen Unfall.«
Rossbach glaubt fest daran, dass Wein als Kulturgetränk eine Zukunft hat – trotz des momentanen Trends weg vom Alkohol. Dass die »Generation Z« weniger Wein trinkt als ihre Eltern, hält der Winzer für eine Modeerscheinung. Doch er hat auch eine Warnung parat: »Die Branche hat sich selbst geschadet, mit zu viel Premiumgehabe und Snobismus.« Wein müsse wieder alltagstauglicher werden, fordert Rossbach.
»Guter Wein zu einem gutem Preis, das hat mich damals angezogen. Und ich bin mir sicher: Das zieht auch viele Jüngere an.«
Und was hält er vom Trend zum alkoholfreien Wein? Rossbach antwortet schnell: »Nein, das ist nichts für mich. Da verliert der Wein einfach zu viel von seinem Charakter.«
Um dann schnell hinzuzufügen: »Sag niemals nie.«