Italien

Nächstes Jahr in Palermo

In seinem literarischen Meisterwerk Der Leopard zeichnete der Aristokrat Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896–1957) das Sittengemälde eines Siziliens, dessen traditionelle Lebensformen und sozialen Hierarchien der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft weichen müssen, um einem unabhängigen Nationalstaat Italien Platz zu machen. Die Geschichte handelt von Adeligen und Bauern, Soldaten und Beamten, Priestern und Politikern, Konservativen und Revolutionären. Doch Juden tauchen in der Welt des Leoparden nicht auf – nicht einmal ihre Spuren.

Ihre Abwesenheit ist kein literarisches Versehen, sondern die Folge von Vertreibung und Zwangskonversion, denen ein jahrhundertelanges Vergessen folgte. Zu der Zeit, in der der Roman spielt, existierten auf Sizilien keine jüdischen Gemeinden mehr. Das Judentum schien aus dem gesellschaftlichen Leben und dem Bewusstsein der Bewohner einfach verschwunden, obwohl es doch über viele Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil der Gesellschaft war und die Insel kulturell stark geprägt hatte.

Abruptes Ende des jüdischen Lebens

Jüdisches Leben auf Sizilien lässt sich bis in die römische Antike zurückverfolgen. Im Mittelalter waren in zahlreichen Städten sogenannte Giudecche zu finden, jüdische Viertel. Historiker gehen davon aus, dass gegen Ende des 15. Jahrhunderts zwischen 25.000 und 37.000 Juden auf der Insel lebten – was bis zu acht Prozent der damaligen Bevölkerung entspricht. Gemeinden existierten in großen und kleinen Städten wie Palermo, Messina, Syrakus, Trapani oder Agrigent.

Das Ende der jüdischen Gemeinschaft kam abrupt. Als die katholischen Monarchen Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón 1492 die Vertreibung der Juden aus allen ihren Territorien anordneten, galt dieses Edikt auch für Sizilien, das damals zur Krone Aragóns gehörte. Unter Androhung des Todes mussten Juden die Insel Hals über Kopf verlassen oder zum Christentum übertreten. Ein Teil wanderte ins Osmanische Reich oder nach Nordafrika aus, andere ließen sich auf dem italienischen Festland nieder. Viele konvertierten gezwungenermaßen und verschwanden damit aus den jüdischen Gemeinden, während ihre Nachfahren in der christlichen Mehrheitsgesellschaft aufgingen.

Jüdisches Leben auf Sizilien lässt sich bis in die römische Antike zurückverfolgen.

Die Geschichte Siziliens war über die Jahrhunderte hinweg von wechselnden Herrschaften geprägt – angefangen mit den Phöniziern und Griechen über die Römer, Byzantiner und Araber bis zu den Normannen, Staufern und spanischen Königen. In dieser Abfolge politischer Systeme gehörten die jüdischen Gemeinden lange Zeit selbstverständlich zur urbanen Gesellschaft. Händler, Handwerker und Gelehrte bewegten sich zwischen den kulturellen Räumen des Mittelmeers und waren Teil der Handels- und Wissensnetzwerke, die weit über Sizilien hinausreichten.

Nach der Vertreibung blieben von dieser Welt nur wenige sichtbare Spuren zurück. Gebäude wurden umgewidmet oder abgerissen, so wie die Große Synagoge von Palermo, an deren Stelle ein Kloster errichtet wurde. Die Bedeutung von Straßennamen geriet in Vergessenheit. Das Gemüsegericht Caponata, einst von den Sizilianern als »scheußliches Essen der Juden« verschmäht, wurde im Laufe der Zeit zur Nationalspeise der Insel. Über Generationen hinweg lebte die jüdische Geschichte Siziliens nur noch in Archiven und vereinzelten lokalen Erinnerungen fort.

Eine offenbar seit 1492 verschlossene Mikwe

Doch im späten 20. Jahrhundert begann eine vorsichtige Wiederentdeckung dieser Geschichte. 1987 stießen Bauarbeiter im historischen Zentrum von Syrakus auf eine verschüttete Treppe, die tief in den Kalkstein unter der Stadt führte. An ihrem Ende fanden sie eine mittelalterliche Mikwe – ein rituelles jüdisches Bad –, die seit der Vertreibung von 1492 offenbar verschlossen gewesen war. Heute gehört die Anlage zu den eindrucksvollsten Relikten jüdischer Geschichte in Westeuropa.

Es gibt wohl keine Person, die eine solch zentrale Rolle bei der Wiederentdeckung der jüdischen Vergangenheit Siziliens spielte, wie die Historikerin Evelyne Aouate. Sie wurde 1941 in Algerien geboren, wuchs in Paris auf und ließ sich schließlich in Palermo nieder. Lange Zeit glaubte sie, die einzige Jüdin in der Stadt zu sein. Sie begann, Archive zu durchsuchen, organisierte Vorträge und brachte Menschen mit jüdischem Hintergrund zusammen. Sie gründete das Sizilianische Institut für Jüdische Studien (Istituto Siciliano di Studi Ebraici) und zündete jedes Jahr einen Chanukka-Leuchter im Palazzo Chiaramonte – dem früheren Sitz der Spanischen Inquisition, in dem später hebräische Inschriften gefunden wurden. Ein Wunsch begleitete diese Arbeit über Jahrzehnte hinweg: dass eines Tages wieder eine Synagoge im Herzen Palermos stehen möge. Aouate starb im März 2022 im Alter von 81 Jahren, zu früh, um die Erfüllung ihres Traums noch zu erleben.

Die Rückkehr der Bnei Anusim

Im Dezember 2024 unterzeichneten die Stadt Palermo, die katholische Erzdiö-zese und die Vereinigung der jüdischen Gemeinden Italiens (UCEI) eine Vereinbarung: Ein ehemaliger christlicher Gebetsraum, das Oratorio di Santa Maria del Sabato, soll in eine Synagoge umgewandelt werden – im einstigen jüdischen Viertel, dem Vicolo Meschita. Noemi Di Segni, die Präsidentin der UCEI, widmete die Zeremonie anlässlich der Vereinbarung ausdrücklich dem Andenken Evelyne Aouates. Palermo hätte damit erstmals seit 1492 wieder ein jüdisches Gotteshaus. Der Umbau des kargen Gebäudes war für 2025 angekündigt, bisher ist allerdings wenig geschehen.

Zur gleichen Zeit entstehen auch an anderen Orten kleine Initiativen zur Wiederbelebung jüdischen Lebens auf der Insel. In Catania, wo eine Synagoge in einem Burgturm an den Hängen des Vulkans Ätna eingerichtet wurde, wirkt seit Anfang 2023 erstmals seit fünf Jahrhunderten wieder ein Rabbiner: der Brasilianer Gilberto Ventura. Die Gemeinschaft trägt sich mehrheitlich aus Nachfahren der sogenannten Bnei Anusim, jener Juden, die nach 1492 gezwungen wurden, zum Christentum überzutreten. Die meisten haben mittlerweile orthodoxe (Re-)Konversionen vollzogen. Dennoch tut sich die UCEI mit einer offiziellen Anerkennung schwer. Die Organisation, die nach italienischem Recht das gesetzliche Monopol auf die Anerkennung jüdischer Gemeinden hat, bezeichnete die catanische Gruppe einmal öffentlich als »Phantomgemeinschaft«. Der Vorsitzende der neuen Gemeinschaft, Benito Triolo, widerspricht: »Unser Projekt ist es, alte Gemeinden, die bereits seit dem Jahr 200 existierten und bis zur Vertreibung von 1492 bestanden, neu zu gründen. Unsere Legitimität liegt in der Geschichte. Damals gab es die UCEI noch nicht. Aber wir waren hier. Und wir sind einfach zurückgekehrt.«

Erstmals seit 1492 soll Palermo wieder ein jüdisches Gotteshaus bekommen.

Auch unter Nichtjuden wächst das Interesse an der verdrängten und vergessenen Vergangenheit. Historiker und Archäologen rekonstruieren die ehemaligen Giudecche, und Besucher können heute auf geführten Rundgängen durch Palermo oder Syrakus die Orte entdecken, an denen sich einst Synagogen, Mikwot und Jeschiwot befanden. Das jüdische Sizilien, das über Jahrhunderte hinweg aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden war, wird langsam als Teil des kulturellen Erbes der Insel sichtbar.

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Diese vorsichtige Wiederentdeckung vollzieht sich allerdings in einem politischen Umfeld, das von neuen Spannungen geprägt ist. Auch auf Sizilien sorgen modern verkleidete alte Ressentiments für Sorge unter Juden. Im August 2025 etwa forderte Luca Nivarra, Rechtsprofessor an der Universität Palermo, seine Follower auf Facebook auf, alle jüdischen »Freunde« zu entfreunden – auch die »guten« –, damit Juden sich »allein« und »isoliert« fühlen. Der Rektor der Universität verurteilte die Äußerungen öffentlich. Im vergangenen September flatterte auf dem großen Gewächshaus in Palermos Botanischem Garten eine Palästina-Flagge – eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit.

»Flieg, Gedanke«

Giuseppe Maria Tomasi, heilig gesprochener Kardinal sowie Sohn des ersten Prinzen von Lampedusa, lernte im 17. Jahrhundert Hebräisch bei einem italienischen Rabbiner. Drei Jahrhunderte später setzte sein Nachfahre Giuseppe Tomasi, der letzte Prinz von Lampedusa, Sizilien mit dem Roman Der Leopard ein bleibendes literarisches Denkmal – einem Porträt der Insel im Zeitalter des Risorgimento, in dem die jüdische Geschichte bereits aus dem Blickfeld verschwunden ist.

In der Neuverfilmung des Klassikers als Netflix-Serie aus dem vergangenen Jahr erklingt in der fünften Episode der Gefangenenchor aus Giuseppe Verdis Oper Nabucco. Das berühmte »Va, pensiero« – »Flieg, Gedanke«, der Ton gewordene Wunsch nach Freiheit und die Sehnsucht nach Zion, jenes Lied, das im Italien des 19. Jahrhunderts selbst zur Hymne der nationalen Erhebung wurde. In der Serie erscheint diese Erinnerung als musikalischer Widerhall. Im Sizilien der Gegenwart nimmt sie Gestalt an: Nächstes Jahr in Palermo.

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