Es war der bisher folgenschwerste Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Kernenergie: Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr Ortszeit kam es im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion zu einer Explosion. In der Folge wurden enorme Mengen Radioaktivität freigesetzt. Der bis dahin als undenkbar geltende Unfall überraschte die Menschen im Schlaf. Die gesamte Region um den Reaktor nahe der Stadt Prypjat wurde kontaminiert. Wind und Regen trugen die Radioaktivität auch nach Ost-, Mittel- und Nordeuropa.
Die genaue Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit der nuklearen Katastrophe ist bis heute umstritten. 31 Menschen starben unmittelbar durch die Explosion und kurz nach den Löscharbeiten. Das »Tschernobyl-Forum«, eine Arbeitsgruppe der Internationalen Atomenergiebehörde, schätzte 2005, dass die Gesamtzahl der auf den Unfall zurückzuführenden Todesopfer, vor allem durch Krebserkrankungen, weltweit bei ungefähr 4000 liegt. Andere NGOs, darunter Greenpeace, gehen heute von bis zu 100.000 Toten infolge der Kontamination aus.
Unser Autor Vitalii Miasnikov war im März 1987 als Ingenieur im Einsatz im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl und hat überlebt. Im Februar 2022 floh er vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland. Er ist Mitglied der liberalen Gemeinde Perusch in Oberhausen. Dies sind seine persönlichen Erinnerungen:
40 Jahre sind seit der Katastrophe von Tschernobyl vergangen. Das ist eine sehr lange Zeit im Leben eines Menschen. Erstaunlicherweise leben einige der damaligen Aufräumarbeiter noch, unter anderem ich selbst.
Ich bin studierter Elektroingenieur und Absolvent des Polytechnischen Instituts Charkiw. Zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls arbeitete ich als leitender Ingenieur im Konstruktionsbüro des Charkiwer Elektrogerätewerks. Aufgrund meiner Tätigkeit war ich mit den vom Konstruktionsbüro entwickelten Niederspannungsgeräten bestens vertraut. Dies, zusammen mit einer ärztlichen Bestätigung meines guten Gesundheitszustands und einer positiven Empfehlung der Leitung, war ausschlaggebend für meine Nominierung für eine Mission im havarierten Kernkraftwerk Tschernobyl. Jahre später erfuhr ich, dass die Verwaltung auch meinen Familienstand – geschieden – berücksichtigt hatte. Denn es bedeutete, dass es im Notfall keine weinende Witwe geben würde. Dass ich betagte Eltern hatte, deren einziger Sohn ich bin, und eine Tochter im Teenageralter, wurde nicht berücksichtigt.
Es gab keine Konkurrenz unter den Kandidaten für den Einsatz – allen war das gesundheitliche Risiko bewusst. Ich lehnte jedoch nicht ab und fuhr im März 1987 hin. Ich arbeitete fast zwei Wochen lang ohne freie Tage. Mein Auftrag war die Überprüfung des Zustands der Niederspannungsanlagen, die Erfassung der elektrischen Ausrüstung des Kernkraftwerks sowie die Erstellung eines Berichts über die mögliche weitere Verwendung dieser Anlagen im Kraftwerk.
Ohne auf die besonderen technischen Details einzugehen, stellten wir in Zusammenarbeit mit Spezialisten des Reaktors unter anderem fest, dass die Endschalter in der Turbinenhalle zweckentfremdet worden waren, was zu deren Fehlfunktion geführt hatte. Ein Bericht wurde erstellt und zusammen mit dem Kernkraftwerk und den Anhängen ein gemeinsames Schreiben an das Turbinenwerk Charkiw (heute Turboatom) gesendet. Allein dies genügte, um unsere Mission als Erfolg zu werten.
Strahlendosis unbekannt
Welcher Strahlendosis ich während meines Aufenthalts in Tschernobyl ausgesetzt war, ist mir nicht bekannt. Ich verbrachte die gesamte Zeit in der 30-Kilometer-Sperrzone. Ich arbeitete im Kernkraftwerk und aß dort. Die Mahlzeiten waren übrigens kostenlos und reichhaltig. Ich übernachtete in einer Wohnung in der Stadt Tschernobyl. Die einzige Verbindung zwischen Stadt und Kraftwerk war ein Bus.
Ich besaß weder ein persönliches Strahlendosimeter noch Schutzausrüstung.
Ich besaß weder ein persönliches Strahlendosimeter noch Schutzausrüstung. Eine Ausnahme bildete ein kurzer Aufenthalt im Reaktorraum selbst, für den ich einen speziellen Schutzanzug tragen musste.
Später erhielt ich eine offizielle Bescheinigung über die Strahlendosis, der ich ausgesetzt gewesen sein soll: sechs Millisievert. Das ist ein sehr niedriger Wert. Die maximal zulässige Dosis für einen durchschnittlichen Menschen beträgt 50 Millisievert. Ich bin überzeugt, dass die tatsächliche Strahlendosis, der ich ausgesetzt war, deutlich höher lag. Viele Jahre später versuchte ich, die mir zugewiesene Strahlendosis anzufechten. Ich schrieb einen Brief an das Kernkraftwerk. Als Antwort erhielt ich eine offizielle Mitteilung: Es gäbe keinen Grund für eine erneute Messung.
Für mich ist das Wichtigste, dass mein Körper die Strahlenbelastung überstanden hat. Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen meinem Aufenthalt in Tschernobyl und späteren Erkrankungen. Auch habe ich, wie von Ärzten bestätigt, keine Cäsium-137-Isotope im Körper. Kurzum: Meine riskante Odyssee endete glücklich. Jetzt bleibt mir nur noch, zu leben und es zu genießen.
Horror und Lachen
Aber meine Erinnerung lebt auch von dem, was nicht schriftlich festgehalten ist. Dazu gehört auch ein Hauch von Morbidität, so paradox es angesichts des Ortes und der Ereignisse auch klingen mag. Zum Beispiel erinnere ich mich daran, wie ich einmal im Ingenieursraum saß und einen Bericht verfasste. Ein paar Stühle weiter saß S. Marchuk, ein Vertreter des sowjetischen Ministeriums für Elektrotechnik – ein sehr alter Mann, den ich immer »den alten Specht« nannte. Dieser Marchuk telefonierte gerade mit seiner Frau, die ihm Anweisungen gab, wie er sich zu benehmen und seine Medikamente pünktlich einzunehmen habe. Er antwortete trocken: »Mama, ich benehme mich gut.« Ich wäre vor Lachen beinahe vom Stuhl gefallen.
Ein anderes Mal, als es einen Engpass beim Abtippen der Unterlagen gab, sagte ich der Schreibkraft, dass meine Mission bald zu Ende gehe. Daraufhin fragte sie: »Für wen soll ich zuerst tippen – für Silaev oder für Sie?« Silaev war der stellvertretende Vorsitzende des Ministerrats der UdSSR. Zufällig befanden wir uns zur selben Zeit im Kernkraftwerk Tschernobyl. Ich mag solchen Humor.
Nach meiner Rückkehr nach Charkiw wurde ich gebeten, einen Bericht über den verdünnten Alkohol zu verfassen, den man mir für meinen Einsatz mitgegeben hatte. Ich antwortete: »Der Kalaschnik (ein Elektriker, der vor mir nach Charkiw zurückgekehrt war) hat den Alkohol getrunken. Soll er doch den Bericht schreiben.«
Ich erinnere mich heute mit einem Lächeln an all diese Episoden. Wie hätte ich ohne Humor leben und überleben sollen? Das gilt nicht nur für meine Zeit in Tschernobyl.
Teilnahmebescheinigung
Was ist mir von Tschernobyl geblieben? Ich besitze eine Teilnahmebescheinigung über die Beseitigung der Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl im Jahr 1987, ausgestellt vom sowjetischen Ministerium für Elektrotechnik am 22. November 1991 – kurz vor dem Zusammenbruch der UdSSR. Ich konnte diese Bescheinigung nicht mehr verwenden. Später erhielt ich weitere Bescheinigungen von der ukrainischen Regierung. Für meine Arbeit bekam ich eine (damals) beträchtliche staatliche Prämie – 750 Rubel. Im Vertrauen auf den Staat legte ich den gesamten Betrag auf ein Sparkonto. Was dann geschah, ist bekannt – das Geld war weg.
Aber das Leben ging weiter, und das ist es, was zählt. Wenn ich diese ungewöhnliche Mission zusammenfassen soll, lautet mein Fazit: Ich habe ehrlich und professionell gearbeitet. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich bin jetzt über 80 Jahre alt, aber das stört mich nicht. Ich habe weder Alzheimer noch Parkinson. Ich höre klassische Musik, liebe die Natur, treibe mäßig Sport und verfolge und analysiere die Nachrichten aus aller Welt. Außerdem verfasse ich Artikel für eine Fachzeitschrift für Elektrotechnik. Das bedeutet mir viel, weil es mein persönlicher Nachweis eines erfüllten Lebens und eine Bestätigung meiner fachlichen Kompetenz ist. Ich sage mir selbst: »Weiter so!«