Sowjetunion

Der Schatten von Tschernobyl

Am 26. April 1986 zeigte sich das Wetter in Minsk von seiner schönen Seite. Für mich – damals im ersten Jahr der Grundschule – war es ein ganz normaler Schultag. Gegen Mittag ließ die Klassenlehrerin die gesamte Klasse im benachbarten Park spielen. Zwar regnete es gelegentlich, doch uns Jungen, die Fußball spielten, störte das kaum. Ich meine mich zu erinnern, mehrere Tore geschossen zu haben. Dann sah ich plötzlich meinen Vater Elja, der mit erschrockenem Gesicht auf die Lehrerin zulief und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Das Fußballspiel wurde sofort beendet, der Ausflug abgebrochen.

In den folgenden Tagen blieb ich vor allem zu Hause. Meine Eltern hatten mir verboten, vor die Tür zu gehen. Besorgt und verunsichert führten sie Gespräche, die ich als fast Siebenjähriger nicht verstand. Immer wieder fielen dabei für mich neue Wörter, und zwar »Strahlung« und »Radioaktivität«. Später kam ein weiteres hinzu: »Tschernobyl« – der Name eines Atomkraftwerks, das nur wenige Kilometer von der Grenze zu Belarus in der Ukraine steht. Dort war es in der Nacht zum 26. April bei einem missglückten Test zu einer gewaltigen Explosion gekommen. Der vierte Reaktorblock wurde zerstört. Schlagartig änderte sich das Leben unzähliger Menschen für immer. Und so begann auch für mich ein Leben im Schatten von Tschernobyl.

Mein Vater konnte die Bedeutung des Ereignisses besser einschätzen

Als Kernphysiker stand mein Vater in Kontakt mit zahlreichen Kollegen, die schon früh eine erhöhte Strahlenbelastung gemessen hatten. Während die staatlich kontrollierten Medien die Bevölkerung belogen und das Ausmaß der Nuklearkatastrophe gezielt herunterspielten, wusste er mehr – und konnte die Bedeutung des Ereignisses besser einschätzen. Wir lebten zwar in der Sowjetrepublik Belarus, deren Territorium später zu mehr als 20 Prozent radioaktiv verseucht sein sollte und damit am stärksten betroffen war. Doch immerhin lag Minsk knapp 400 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Die Lage war dort etwas entspannter als in den östlichen und südöstlichen Gebieten.

Während meiner Schulzeit und meines Hochschulstudiums in Minsk in den späten 1980er und 1990er Jahren sollte das Thema »Tschernobyl« ein ständiger Begleiter sein. Immer wieder hörte man Geschichten über Kinder, die infolge der Katastrophe mit Missbildungen zur Welt kamen oder schwer erkrankten. Viele Kinder wurden gar nicht erst geboren: 1986 und 1987 ließen zahlreiche Frauen in Belarus, der Ukraine und Russland – auf medizinischen Rat oder aus Angst vor Strahlung – ihre Schwangerschaften abbrechen. Jedes Mal, wenn ich daran denke, kommt mir mein jüngerer Bruder Vitaly in den Sinn, der glücklicherweise knapp ein Jahr vor der Katastrophe geboren worden war.

Darüber hinaus stieg die Zahl der Krebserkrankungen, vor allem Schilddrüsenkrebs, infolge von Tschernobyl drastisch an. Bei Lebensmitteln, vor allem aus den »verseuchten« Regionen, insbesondere bei Beeren und Pilzen, die oft eine starke Belastung mit Radionukliden aufwiesen, war Vorsicht geboten. Den in der UdSSR beliebten Birkensaft habe ich aus ähnlichen Gründen nach 1986 nie wieder getrunken.
Anfang der 1990er Jahre kamen Umsiedler aus den betroffenen Gebieten nach Minsk, die erschreckende Geschichten erzählten – über die Katastrophe und das Schicksal derjenigen, die in Tschernobyl zur Eindämmung der Katastrophe zum Einsatz kamen, vom Staat dann aber oft im Stich gelassen wurden. Der Reaktorunfall und das defizitäre Krisenmanagement der kommunistischen Führung wurden zunehmend zu einem politischen Thema, das die belarussische demokratische Opposition zur Mobilisierung der Bevölkerung nutzte.

Es setzte ein Massenexodus ein, und zwar nach Israel, in die USA und später auch nach Deutschland.

Der jüdische Bekanntenkreis unserer Familie wurde unterdessen immer kleiner. Als kurz vor dem Zusammenbruch der UdSSR die letzten Ausreisebeschränkungen fielen, setzte ein Massenexodus ein, und zwar nach Israel, in die USA und später auch nach Deutschland. Neben der angespannten wirtschaftlichen Lage sowie Zukunftsängsten waren Umweltprobleme infolge von Tschernobyl ein wesentlicher Grund für diese Auswanderung. Dazu kam die judenfeindliche Stimmung, verstärkt durch die antiisraelische Berichterstattung in der Sowjetunion. Antisemitische Verschwörungstheorien machten zunehmend die Runde.

Darin wurde die Reaktorexplosion als »Rache der Juden« für den sowjetischen Umgang mit dem Erbe des Chassidismus bezeichnet, dessen historische Geburtsstätte Tschernobyl ist. Denn obwohl das in den späten 1970er Jahren errichtete Atomkraftwerk der Energieversorgung Kyjiws diente und sich in der Nähe der Stadt Prypjat befindet, trägt es den Namen »Tschernobyl« – einer etwa 15 Kilometer entfernt liegenden Ortschaft, die Heimat der Twersky-Familie war, einer der prominentesten chassidischen Rabbinerdynastien, deren Angehörige heute in New York, Jerusalem oder Bnei Brak leben. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie befanden sich unter den vielen ausländischen »Tschernobyl-Touristen« daher auch zahlreiche Chassidim aus den Vereinigten Staaten und Israel, die die Region aufgrund dieses religiösen Erbes aufsuchten.

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Manche Antisemiten hielten die offizielle Erklärung, die Katastrophe sei auf ein Zusammenspiel technischer und menschlicher Fehler zurückzuführen, für eine Lüge. Stattdessen glaubten sie an eine amerikanisch-israelische oder genauer »jüdische« Sabotage und suchten nach vermeintlichen »jüdischen Agenten« unter den Funktionären der sowjetischen Atomindustrie, unter den Kernphysikern und den Mitarbeitern des Atomkraftwerks. Dass solche absurden Verschwörungserzählungen selbst unter den Agenten des sowjetischen Geheimdienstes ernsthaft erwogen wurden, zeigt sich exemplarisch in den Erinnerungen von Anatolij Tkaschuk, einem ehemaligen Generalmajor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB aus dem Jahr 2011. Als KGB-Offizier hatte er 1986 eine operative Gruppe geleitet, die auch die Möglichkeit eines Terroranschlags prüfte.

Dieses Buch habe ich bereits in Deutschland gelesen. Ende 2000 kam ich mit meiner Familie als jüdischer Kontingentflüchtling in die Bundesrepublik. Auch hier ließ mich das Thema nicht los. Deutsche Bekannte und Freunde, sofern sie überhaupt von Belarus gehört hatten, verbanden diesen jungen postsowjetischen Staat damals vor allem mit der Nuklearkatastrophe. Das war nicht überraschend: Die Bundesrepublik hatte sich für die Opfer engagiert, Hilfsgüter geliefert und Erholungsaufenthalte für »Tschernobyl-Kinder« organisiert. Zugleich prägte das Unglück den deutschen Umgang mit der Atomenergie.

Immer wieder hörte man Geschichten über Kinder, mit Missbildungen zur Welt kamen.

Als Osteuropa-Historiker in Deutschland habe ich dieses Thema in Lehrveranstaltungen, Vorträgen und Publikationen immer wieder aufgegriffen. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 und dem deutschen Atomausstieg gewann auch Tschernobyl erneut an Aufmerksamkeit. 2016 wurde ein neuer Sarkophag errichtet – eine überwiegend von der EU finanzierte Stahlkonstruktion, die den alten Schutzmantel überdeckt und den zerstörten Reaktorblock einschließt.
Gleichzeitig florierte der sogenannte Tschernobyl-Tourismus: zahlreiche »Dark Tourists« wollten das Kraftwerk, die Geisterstadt Prypjat und andere Orte in der 30-Kilometer-Sperrzone mit eigenen Augen sehen. Die 2019 erschienene HBO-Serie Chernobyl von Craig Mazin – im Westen vielfach als eine der besten Serien überhaupt gefeiert und in Russland wegen ihrer schonungslosen Darstellung des sowjetischen Krisenmanagements kritisiert – verstärkte dieses Interesse zusätzlich.

Kampfhandlungen im Sperrgebiet

Dann begann Russland am 24. Februar 2022 seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Ein zentrales militärisches Ziel war zunächst Kyjiw – der Weg dorthin führte durch die »Tschernobyl-Zone«. Schockiert nahm ich damals die Nachrichten über Kampfhandlungen im Sperrgebiet wahr. Auch las ich, dass das Kraftwerk zeitweise von russischen Truppen besetzt war, die ihre Stellungen im verstrahlten Gebiet errichteten. Putins »spezielle Militäroperation« wurde propagandistisch von einer gleichfalls nach dem havarierten Atomkraftwerk benannten TV-Serie des Regisseurs Aleksej Muradow flankiert, die pünktlich zum 36. Jahrestag der Katastrophe erschien.

Darin agiert der CIA-Agent Albert Lentz im Umfeld des Atomkraftwerks, und der KGB-Oberstleutnant Andrej Nikolajew soll ihn entlarven. Mit der Explosion selbst hat Lentz zur Enttäuschung von Verschwörungstheoretikern zwar nichts zu tun, doch ein antiamerikanisches Feindbild wird trotzdem konstruiert.

In den späten 2010er-Jahren wollte mich ein guter Freund für eine Tschernobyl-Reise gewinnen und war von meinem resoluten »Nein« und der Bemerkung enttäuscht: »Es war genug Tschernobyl in meinem Leben.« Ich hatte mich wohl geirrt, weil die Geschichte keinesfalls zu Ende ist. Mein Leben im Schatten von Tschernobyl geht weiter – auch 40 Jahre nach der Katastrophe.

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