Jurij Jaroschewitsch hat derzeit wenig Anlass zur Freude. Der 54-jährige belarussische Botschafter in Israel steht vor der Herausforderung, das bilaterale Verhältnis zu verbessern. Dieses ist aufgrund der propagandistischen Instrumentalisierung des Holocausts in Belarus, der einseitigen Berichterstattung über den Gaza-Krieg sowie der engen Verbindungen zwischen Belarus und dem Iran belastet.
Während der Diplomat für ein positives Belarus-Bild in Israel wirbt, werden seine Bemühungen vom Staatschef Alexander Lukaschenko konterkariert, der mit seinen antiisraelischen, oft antisemitisch gefärbten Bemerkungen immer wieder provoziert.
Ein Interview mit diplomatischem Sprengstoff
So etwa in einem Interview mit dem saudischen Sender Al Arabiya English, das am 15. Juni ausgestrahlt wurde. Die Moderatorin Melinda Nucifora führte das Gespräch für ihr Format »Counterpoints«.
Während belarussische und internationale Beobachter vor allem von Lukaschenkos zurückhaltenden Einschätzungen des russischen Krieges gegen die Ukraine überrascht sind, lenkt der Sender gezielt die Aufmerksamkeit auf Israel. Das Interview wird unter dem Titel »‚Gaza ist ein Holocaust‘: Der belarussische Präsident über den Iran-Krieg, die Ukraine und Trump« veröffentlicht. Damit wird deutlich, welche Botschaft für Al Arabiya im Mittelpunkt steht. Lukaschenko scheint die Erwartungen nicht enttäuscht zu haben.
Im Gespräch mit Nucifora fabulierte er von einer »jüdischen Lobby«, die Wladimir Putin im Auftrag des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nach dem russischen Einmarsch im Februar 2022 getäuscht und dazu bewegt haben soll, seine Truppen aus dem Raum Kyjiw abzuziehen. Israel wurde zu einem verhassten Draufgänger stilisiert, der von den USA abhängig sei, seine Kräfte überschätze, sich über die gesamte Welt stelle und deshalb um seine Zukunft bangen müsse. Ferner sprach Lukaschenko dem jüdischen Staat aufgrund seines Vorgehens im Gazastreifen das moralische Recht ab, über den Holocaust zu sprechen.
Ausrutscher oder Kalkül?
Handelt es sich dabei um die unbedachte Entgleisung eines provinziellen Diktators, der seinen Emotionen freien Lauf ließ? Vielmehr dürfte ein gezieltes Kalkül eines ambitionierten Autokraten dahinterstehen.
Lukaschenkos Vorstellungen über Juden spiegeln tradierte antisemitische Vorurteile sozialer und politischer Natur wider. Sein Bild von Israel ist durch antiisraelische Narrative der sowjetischen Propaganda der 1970er und 1980er Jahre geprägt, mit denen er aus seiner Zeit als Politoffizier in der Roten Armee und später als Agitator vertraut ist. Hierzu gehören das Feindbild der »jüdischen Lobby« – im UdSSR-Propagandajargon als »internationaler Zionismus« bezeichnet – sowie die Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus. Letztere diente nicht zuletzt dazu, die Bedeutung der Schoa zu relativieren.
Fortsetzung antiisraelischer Sowjet-Tradition
An diese Tradition knüpfen heute die Machthaber in Moskau und Minsk an. Lukaschenko übernimmt dabei die Rhetorik Putins, der Holocaust-Vergleiche im propagandistischen Kampf gegen die Ukraine und Israel bemüht. Darüber hinaus liefert er eine Analyse, die auch den Interessen Teherans entgegenkommt. Um internationale Aufmerksamkeit zu erzielen, richtet sich Lukaschenko zudem an das Publikum im Globalen Süden, von dem er positive Reaktionen auf seine Hetze gegen Israel erwartet. Obwohl Lukaschenko längst einen festen Platz in israelischen Berichten über Antisemitismus hat, wird er in Israel aufgrund seiner geringen internationalen Bedeutung meist nur am Rande wahrgenommen.
Diesmal erfolgen seine Äußerungen jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem das Verhältnis zwischen Jerusalem und Washington angesichts der Iran-Krise angespannt ist und in Israel die von Lukaschenko hervorgehobene sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA diskutiert wird. Vor diesem Hintergrund reagierte Jerusalem gereizt. Das Außenministerium verurteilte diese als inakzeptabel und sprach von antisemitischen Verschwörungstheorien. Der Autokrat wird von dieser Kritik wohl kaum beeindruckt sein, da ihm Putins Unterstützung und die Sympathien von Israel-Hassern offenbar wichtiger sind. Botschafter Jaroschewitsch dürfte hingegen in den kommenden Tagen viel zu tun haben.