Jerusalem

Netanjahus Kehrtwende im Wahlkampf

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Foto: picture alliance / AA/photothek.de

Ein Dokument, das angeblich Äußerungen von Premierminister Benjamin Netanjahu zusammenfasst, kursiert in Likud-WhatsApp-Gruppen und deutet auf eine neue Wahlkampfstrategie der konservativen Regierungspartei hin. Dem Dokument zufolge distanziert sich Netanjahu von dem umstrittenen Gesetz zum Schutz ultraorthodoxer Wehrdienstverweigerer und verspricht, nach der Wahl ein umfassendes Wehrpflichtgesetz einzubringen, das den Bedürfnissen der israelischen Armee (IDF) entspricht.  

Wer nicht die Tora studiere, werde entweder eingezogen oder inhaftiert, habe Netanjahu angeblich wissen lassen. Die durchgesickerten Äußerungen spiegeln den Versuch des Likud wider, sich von einer der unpopulärsten Entscheidungen der Regierung zu distanzieren.  

Gesetz sollte Verhaftung von Verweigerern verhindern

Vor der Auflösung der Knesset verabschiedete Netanjahus Koalition mehrere Gesetze, die ihren ultraorthodoxen Partnern, Schas und Vereinigtes Tora-Judentum, zugutekamen. Dies geschah im Rahmen eines politischen Deals, der die Unterstützung der Justizreform im Gegenzug für deren Zustimmung vorsah. Darunter befand sich ein Gesetz, das die Verhaftung von Haredi-Männern, die sich dem Militärdienst entziehen, verhindern sollte. In einem anderen geht es um die Aufhebung der Reform der Kaschrut-Zertifizierung und des Grundgesetzes zum Tora-Studium, das Jeschiwa-Schülern einen Sonderstatus einräumt, demzufolge sie nicht in die Armee müssen. 

Die Wehrpflicht hat sich seit den Massakern vom 7. Oktober 2023 zu einem der umstrittensten Themen in Israel entwickelt. Da die IDF nach fast drei Kriegsjahren mit einem extremen Personalmangel zu kämpfen haben, tragen Hunderttausende Reservisten eine stetig wachsende Last. Gleichzeitig bleiben Zehntausende ultraorthodoxe junge Männer vom Wehrdienst befreit. Kritiker werfen der Regierung vor, den Gleichheitsgrundsatz und sogar die nationale Sicherheit für den Erhalt ihrer Koalition geopfert zu haben. 

Vergangene Woche setzte der Oberste Gerichtshof das Wehrpflichtgesetz per einstweiliger Verfügung außer Kraft, während er die dagegen gerichteten Klagen prüfte. Es wird erwartet, dass die Richter das Gesetz für verfassungswidrig erklären werden, da es sowohl verfahrenstechnisch fehlerhaft als auch verfassungswidrig sei, heißt es aus juristischen Kreisen.  

Gadi Eizenkot: »Das Gesetz schwächt sowohl die Armee als auch die israelische Gesellschaft.«

Trotz der durchgesickerten Äußerungen werfen Netanjahus Kritiker ihm Geschichtsfälschung vor. Während der gesamten Koalitionsverhandlungen versicherte er den Haredi-Parteien wiederholt, dass er weiterhin die Verabschiedung des Gesetzes vorantreiben werde. Obwohl er bei mehreren wichtigen Abstimmungen in der Knesset nicht teilnahm, setzte die Regierung letztendlich die ihren ultraorthodoxen Partnern versprochenen Maßnahmen um. 

Die Opposition reagierte nach dem Bekanntwerden mit scharfer Kritik. Der ehemalige Generalstabschef Gadi Eizenkot warf Netanjahu vor, ein Gesetz verabschiedet zu haben, das sowohl die Armee als auch die israelische Gesellschaft schwäche – einzig, um seine Regierung am Leben zu halten. 

Ex-Premier Naftali Bennett behauptete, der Premier glaube, die im Militärdienst stehenden Israelis würden die vier Jahre Politik der Wehrdienstbefreiung für die Haredim einfach vergessen. Avigdor Lieberman, Vorsitzender von Israel Beiteinu meinte: Netanjahu habe »keine Regierung ohne die Wehrdienstverweigerer«. 

Beobachter warnen vor enger Allianz mit ultraorthodoxen Parteien

Politische Beobachter warnen seit Monaten, dass Netanjahus enge Allianz mit den ultraorthodoxen Parteien die Gefahr berge, gemäßigte Likud-Wähler, die frustriert über die ungleiche Lastenverteilung im Krieg sind, bei den Parlamentswahlen zu verlieren.

Die wachsende Beliebtheit Eizenkots und seiner Partei »Jaschar« (Geradeaus) bei zentristischen und gemäßigt konservativen Wählern hat diese Bedenken verstärkt. Als einer von Netanjahus schärfsten Rivalen in Sicherheitsfragen hat er Wähler angezogen, die von der Regierungspolitik im Krieg und in der Wehrpflichtdebatte enttäuscht sind. Vor diesem Hintergrund scheint das durchgesickerte Dokument ein Versuch zu sein, gemäßigte Wähler zurückzugewinnen, bevor der Wahlkampf volle Fahrt aufnimmt.

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Religiosität

Mehr Israelis für jüdische Präsenz im öffentlichen Raum

Wie hält es der Israeli mit der Religion und genauer: mit dem öffentlich gelebten Judentum? Dieser Frage ging ein Rabbinernetzwerk nach

von Andrea Krogmann  14.08.2026

Washington/Tel Aviv/Gaza

US-Ermittler untersuchen Spendenkampagnen mit möglichen Verbindungen zu Terrorgruppen

Hunderttausende Euro sollen an die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad weitergegeben worden sein

 14.08.2026

Nahost

Benjamin Netanjahu auf Gegenkurs zu Donald Trump

Israels Premier weist den Gaza-Plan des US-Präsidenten zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  14.08.2026

Israel

Die Stimme, der man traut: Oren Nahari ist tot

Mit nur 70 Jahren ist der beliebte Journalist Oren Nahari gestorben. Wenige Tage nach seiner letzten Radiosendung

 13.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Nahost

Ex-Botschafter Seibert fordert »klare europäische Position« zu Israel

Bis vor kurzem war er das Gesicht deutscher Diplomatie in Israel: Steffen Seibert. In einem Interview äußert er sich zu Grenzen der Staatsräson, Siedlungen, dem Terror der Hamas und gegen Boykotte

 13.08.2026

Militär

Gefährlicher Schwarm

Experte Danny Orbach über neue Technologie in der Kriegsführung, Herausforderungen beim Zivilschutz und den Drohnenfund in Leipzig

von Sabine Brandes  13.08.2026

Nachrichten

Warnung, Netzwerke, Jahrzeit

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  13.08.2026