St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Russland zu lieben, ist in Mittel- und Westeuropa nicht mehr populär. Das hat nachvollziehbare Gründe: Der Angriffs- und Vernichtungskrieg des Putin-Regimes gegen die Ukraine dauert schon mehr als vier Jahre, und es ist kein Ende in Sicht. Die vom heutigen Russland ausgehende Gefahr für Europa ist real, der russische Staat ist repressiv und imperialistisch. Meine eigene Familie hatte sowohl im Russischen Reich als auch in der Sowjetunion unter Antisemitismus und Pogromen, unter Ausgrenzung und dem Terror der Stalinzeit zu leiden.

Im Jahre 1971 verließen meine Eltern und ich das Land. Was folgte, war eine langjährige Odyssee, die zuerst nach Israel führte und nach mehreren weiteren Zwischenstationen in Österreich endete. Trotz alledem fühle ich mich Russland immer noch sehr verbunden. Es widerstrebt mir, ein ganzes Land und seine Bewohnerinnen und Bewohner mit einem Regime oder einem Gewaltherrscher gleichzusetzen.

Ich liebe weiterhin die russische Sprache und Literatur, die Kultur des Landes, seine Landschaften, die Atmosphäre, das Licht und hier vor allem die »Weißen Nächte«, den ganz besonderen, einmaligen Frühsommer des Nordens, den ich als Kind in meiner Heimatstadt Leningrad (heute St. Petersburg) erleben durfte.

St. Petersburg ist die nördlichste Millionenstadt der Welt

St. Petersburg ist die nördlichste Millionenstadt der Welt. Die als »Weiße Nächte« bezeichnete Mitternachtsdämmerung ist von Ende Mai bis Mitte Juli zu beobachten. Die Sonne geht zwar abends kurzzeitig unter, doch es wird nicht dunkel – die Abenddämmerung geht in den frühen Morgen über. Am hellsten sind die Nächte rund um die Sommersonnenwende am 21. Juni.

In dieser Zeit ist die Welt nächtens in ein magisches Licht getaucht. Bei gutem Wetter erhalten in St. Petersburg die Fassaden der Häuser, die Dächer und Kuppeln der Kirchen und Paläste, die Wasseroberfläche der zahlreichen Flüsse und Kanäle, die Wipfel der Bäume, Gehsteige, Alleen, geparkte Autos allesamt einen dezenten goldenen Überzug.

Der Himmel wechselt ebenfalls das Farbenkleid – streift das triste, vom Smog verunreinigte Grau ab, bedeckt sich mit einem diesigen Fahlgelb, so als hätte der Saharastaub seinen Weg bis hierher in den fernen Norden gefunden. Als Kind hatte ich den Eindruck, als sei die kurz zuvor vom Horizont verschlungene Sonne unter die Erdoberfläche gerutscht und würde nun von dort nach oben leuchten, durch den Boden hindurchscheinen und dadurch uns Menschen und die ganze Welt um uns herum heiterer, wundersamer und geheimnisvoller machen.

Als Vierjähriger wartete ich sehnsüchtig auf die Weißen Nächte, wollte nicht einschlafen.

Als Drei- und Vierjähriger wartete ich den ganzen Frühling sehnsüchtig auf die Weißen Nächte, und als sie im Juni schließlich so hell waren, um als solche wahrgenommen zu werden, wollte ich nicht einschlafen, sondern spazieren gehen oder zumindest aus dem Fenster schauen. Manchmal ging meine Großmutter mit mir hinaus auf die Straße, die um Mitternacht belebter war als sonst um diese Zeit.

Mir aber kam es vor, als seien die Gestalten aus den Märchen, die mir meine Mutter und Großmutter vorlasen, oder den Liedern, die sie mir vorsangen, zum Leben erwacht – Gnome und Elfen, Hexen, Geister, sprechende Tiere und Pflanzen. Gleich hier, im Park, hinter der zweiten Allee würde die bewegliche Hütte auf Hühnerfüßen, in der die berühmt-berüchtigte Baba Jaga wohnte, auftauchen, mir die Tür öffnen, mich einsteigen lassen und mit mir ins Land der ewigen Weißen Nächte davonlaufen.

Im Juni 1970 wurde mein Vater vom KGB, dem sowjetischen Geheimdienst, verhört. Als Mitglieder einer zionistischen Untergrundbewegung hatten sich meine Eltern für das Recht auf Ausreise aller sowjetischen Juden nach Israel eingesetzt – ein Recht, das ihnen die sowjetischen Behörden bis dahin verwehrt hatten. Drei Tage lang weigerte sich mein Vater, die Fragen der KGB-Agenten zu beantworten.

Ich selbst wusste und verstand mit meinen knapp vier Jahren von alledem nichts

Man bedrängte ihn, drohte, ihn zu erschießen, ließ ihn aber schließlich gehen. Der KGB durchsuchte unsere Wohnung. Freunde und Verwandte brachen den Kontakt zu meinen Eltern ab. Ich selbst wusste und verstand mit meinen knapp vier Jahren von alledem nichts, doch erkannte ich intuitiv, dass etwas nicht in Ordnung war, und reagierte mit kindlich-rebellischem Verhalten auf die spürbaren Ängste und Irritationen um mich herum.

Es muss schon im Juli gewesen sein, es wurde gegen Mitternacht dunkel – die Zeit der Weißen Nächte ging zu Ende. Das machte mich traurig, ich begann zu schreien und zu weinen. »Siehst du«, erklärte mir meine Großmutter genervt, »es wird ganz dunkel, weil du nicht brav warst, und wenn du weiterhin schlimm bist, wird es auch nie wieder hell!« Ich erstarrte, verstummte, weigerte mich, ins Bett zu gehen, starrte aus dem Fenster.

Und dann – dann wurde es wieder hell! Keine Frage: Ich hatte die Welt gerettet, war ich doch nun so brav gewesen, dass die Dunkelheit dem Licht gewichen war und die böse Finsternis eines ewigen Winters dem Sommer der guten Feen und der Wärme Platz gemacht hatte. Wie ich doch den Sommer liebte, auch wenn er damals in Leningrad meist kühl und regnerisch war.

Der Autor lebt als Schriftsteller in Salzburg. Zuletzt erschien sein Roman »Der Jude und die Kaiserin« (Residenz Verlag)

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Abstimmung

Schweizer lehnen Bevölkerungsgrenze ab

Soll die Bevölkerung des Landes auf zehn Millionen Menschen begrenzt werden? Darüber sollten die Schweizer heute abstimmen

 14.06.2026