Nachruf

Holocaust-Überlebender und Historiker Marģers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben

Marģers Vestermanis (1925 - 2026) Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb | Gatis_Diezins

Der lettische Holocaust-Überlebende, Historiker und Museumsgründer Marģers Vestermanis ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Er starb bereits am 30. Juli in seiner Geburtsstadt Riga. Vestermanis galt als einer der letzten Zeitzeugen der Schoa in Lettland und widmete sein Leben der Erforschung und Bewahrung der Geschichte der lettischen Juden.

Geboren wurde Vestermanis am 18. September 1925 in Riga als jüngster von drei Söhnen einer deutschsprachigen jüdischen Familie. Sein Vater war Kaufmann und Fabrikant. Nach dem Besuch einer deutschen Grundschule wechselte er auf das jüdische Privatgymnasium Ezra und erhielt bis zu seinem 15. Lebensjahr religiösen Unterricht.

Sein Leben wurde zunächst durch die sowjetische Besetzung Lettlands im Jahr 1940 erschüttert, bei der das Vermögen seines Vaters beschlagnahmt wurde. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1941 wurde die Familie in das Ghetto Riga deportiert. Dort arbeitete Vestermanis und unterstützte zugleich den jüdischen Untergrund. Seine Eltern, Brüder und weitere Angehörige wurden Ende 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Er selbst überlebte als einziges Familienmitglied.

Forschungen zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung

Nach der Auflösung des Ghettos wurde Vestermanis in das Konzentrationslager Kaiserwald verschleppt und zur Zwangsarbeit in mehreren Außenlagern eingesetzt. Während eines Todesmarsches in Richtung Liepāja gelang ihm Ende 1944 die Flucht. Er versteckte sich in den Wäldern bei Ugāle und schloss sich sowjetischen Partisanen an, mit denen er das Kriegsende erlebte.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Vestermanis nach Riga zurück. 1949 heiratete er seine frühere Mitschülerin Hava Šneura, die später als Ärztin arbeitete. Er studierte Geschichte an der Universität Lettlands und begann anschließend im Lettischen Staatlichen Historischen Archiv mit Forschungen zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung des Landes.

Mit der Unabhängigkeitsbewegung Lettlands Ende der 1980er Jahre konnte er seine wissenschaftliche Arbeit erheblich ausbauen. Im November 1988 organisierte er das erste Treffen von Holocaust-Überlebenden aus Riga. Ein Jahr später gründete er das Museum »Juden in Lettland«, die erste Einrichtung des Landes seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die sich ausschließlich der jüdischen Geschichte widmete. Vestermanis war Gründungsdirektor des Museums und prägte dessen Arbeit über viele Jahre.

Bücher und wissenschaftliche Arbeiten

1998 wurde er in die Historikerkommission beim lettischen Präsidenten berufen, die sich mit den Folgen der nationalsozialistischen und sowjetischen Besatzung Lettlands beschäftigte. Darüber hinaus veröffentlichte er zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Arbeiten über die Geschichte der lettischen Juden und die Schoa. Außerdem wirkte er als historischer Berater an mehreren Dokumentar- und Spielfilmen mit.

Für sein Lebenswerk erhielt Vestermanis zahlreiche Auszeichnungen. 2006 wurde ihm der Herbert-Samuel-Preis für Toleranz verliehen. Im selben Jahr erhielt er mit dem Drei-Sterne-Orden die höchste zivile Auszeichnung Lettlands. 2007 ernannte ihn die Lettische Akademie der Wissenschaften zum Ehrendoktor. 2015 folgte der Österreichische Holocaust-Gedenkpreis.

Marģers Vestermanis hinterlässt ein wissenschaftliches Werk, das maßgeblich dazu beigetragen hat, die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft Lettlands und die Verbrechen der Schoa umfassend zu dokumentieren. Sein Name bleibt eng mit der historischen Aufarbeitung des Holocaust in Lettland und der Erinnerung an dessen Opfer verbunden. im

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