Vor einigen Monaten führten Schüler des Lycée Émile Zola und eine Gruppe Anwälte in der bretonischen Hauptstadt Rennes den zweiten Dreyfus-Prozess auf. Angesichts der Dramatik des Revisionsprozesses von 1899 mit all seinen Chören und Anklagen, seinen Helden und Dämonen, der Verbannung, der Irrfahrt und der Rückkehr in die Heimat könnte man tatsächlich von einer zweiten Aufführung sprechen. Das Schauspiel fand in dem Raum statt, der damals Austragungsort des Prozesses war. Heute dient er den Schülern des Gymnasiums als Turnsaal und ist als »Salle Dreyfus« bekannt.
Drei Abende mit je 200 Zuschauern nach einem Text, den Olivier Maunaye aus den Originalakten zusammengestellt hatte. »Man muss die politische Machenschaft hörbar machen, die Böswilligkeit und die Korruption – das ist die größte Herausforderung«, beschrieb Regisseurin Rozenn Trégoat ihr Anliegen. Die Schülerin Eden Couame-Gérard, die gleich zwei Rollen spielte, erklärte hinterher, die Aufführung habe ihr klargemacht, wie sehr es dem Staat damals darum ging, die Ehre des Militärs zu verteidigen – selbst wenn es hieß, einen echten Verräter in Schutz zu nehmen und einen Unschuldigen zu opfern.
Tief reichende jüdische Vergangenheit
Vor einigen Wochen eröffnete das Musée de Bretagne, keine fünf Gehminuten entfernt, eine neue Dauerausstellung über den Prozess. Das Haus besitzt eine der bedeutendsten Dreyfus-Sammlungen weltweit. 8000 Objekte, deren Geschichte selbst Teil der Affäre sind. Die ersten Artefakte gelangten 1899 ins Museum, noch während der Prozess lief: Postkarten, Zeitungsausschnitte, Fotografien, die Journalisten und Schaulustige aus aller Welt in die Stadt gespült hatten.
1978 vermachte Jeanne Lévy, Tochter von Alfred und Lucie Dreyfus, dem Haus mehr als 4500 weitere Objekte – Briefe, Telegramme, persönliche Dokumente, die zeigen, wie die Familie den Kampf um die Rehabilitierung von innen erlebte. Der Historiker Pascal Ory betont, dass der Rennes-Prozess auch ein historisches Medienereignis war: Der Filmpionier Georges Méliès drehte bereits 1899 eine filmische Rekonstruktion des Verfahrens, eine der ersten dokumentarischen Inszenierungen der Filmgeschichte.
Das neue Interesse, das die französische Öffentlichkeit an der Dreyfus-Affäre hat, lenkt den Blick auf eine Region, die im Gedächtnis Frankreichs sonst wenig Platz beansprucht: die Bretagne. Eine Halbinsel am Atlantik, weit von Paris entfernt, mit einer eigenen Sprache, einer eigenen Geschichte – und einer jüdischen Vergangenheit, die tiefer reicht, als ihre kargen Gegenwartszahlen vermuten lassen.
Juden haben in der Bretagne nie tiefe Wurzeln geschlagen. Und doch reicht ihre Geschichte weiter zurück, als man vermuten würde. Die älteste dokumentierte Präsenz geht auf das Konzil von Vannes um 465 zurück, das Klerikern verbot, mit Juden zu speisen – ein möglicher Hinweis darauf, dass Juden damals integriert genug waren, um das als Problem zu empfinden. Im 13. Jahrhundert gab es in Nantes, Rennes und Fougères gesicherte Gemeinden.
Nantes galt als Zentrum der Juden der Bretagne (die Großstadt gehört seit 1941 nicht mehr zum Verwaltungsgebiet Bretagne), mit einer großen Synagoge und einem eigenen Tribunal, das Streitigkeiten nach mosaischem Recht entschied. Biblische Vornamen drangen tief in den bretonischen Namensschatz ein. So hörte etwa im 9. Jahrhundert ein bretonischer König auf den hebräischen Namen Salomon.
Der Großvater von Baruch de Spinoza
Als Papst Gregor IX. 1235 zu einem neuen Kreuzzug aufrief, nutzten die Kreuzfahrer der Bretagne den Anlass, um ihre jüdischen Gläubiger loszuwerden: Sie massakrierten die meisten Juden der Region und forderten ihre Ausweisung. 1240 verfügte Herzog Jean le Roux die förmliche Ausweisung: Alle Schulden gegenüber jüdischen Kreditgebern wurden für nichtig erklärt, die Ermordung von Juden faktisch legalisiert. Was von der jüdischen Präsenz übrig blieb, waren Straßennamen: eine Rue des Juifs in Rennes, eine Rue de la Juiverie in Nantes und Aucenis, in Vannes, im Croisic.
Für die 1590er-Jahre ist die Anwesenheit portugiesischer Juden in Nantes nachgewiesen. Unter ihnen befand sich auch Abraham Espinoza, der Großvater des Philosophen Baruch de Spinoza, bevor er sich in Amsterdam niederließ. Um 1808 zählte die jüdische Gemeinde von Nantes 35 Seelen; 1871 wurde dort die erste Synagoge der Bretagne eingeweiht. Die Emigration von Juden aus Algerien, Marokko und Tunesien in den 60er-Jahren ließ die Gemeinde weiterwachsen.
Heute gibt es in der gesamten Bretagne weniger als 1000 Juden. Ihre aktiven Gemeinden befinden sich in Brest, Nantes, Rennes und Lorient. Die Gemeinde von Nantes ist die größte der Region, überwiegend sefardisch, mit rund 600 Menschen. Das kulturelle Zentrum ist das Centre Culturel André Neher – benannt nach dem elsässischen Rabbiner und Philosophen, einem der Erneuerer des französischen Judentums nach der Schoa – mit Hebräischkursen, Chor, Theater und kulturellen Schabbatot, für alle offen. 2025 wurde hier auch das Dia(s)porama-Festival ausgetragen, Frankreichs erstes internationales jüdisches Filmfestival.
Die jüdische Geschichte der Bretagne ist keine der Kontinuität, sondern eine der Lücken.
In Rennes führte die gemeinsame Anstrengung des Bürgermeisters Edmond Hervé, der Safra-Stiftung und der jüdischen Gemeinde 2002 zur Einweihung des Centre Edmond J. Safra; etwa 100 Gemeindemitglieder kommen zu den Hohen Feiertagen, 80 zum gemeinsamen Pessach-Seder. In Brest feierte die Gemeinde im Dezember 2024 Chanukka in Anwesenheit des Großrabbiners von Frankreich, Haïm Korsia. Im November 2023, wenige Wochen nach dem 7. Oktober, versammelten sich in der gesamten Bretagne Menschen gegen Antisemitismus: in Saint-Malo bis zu 1500 Personen, in Brest 600, in Quimper 500.
In Quimper erinnert das Théâtre Max Jacob – 2024 nach umfassender Renovierung wiedereröffnet – an den Dichter und Maler Max Jacob, 1876 dort als Kind einer jüdischen Familie geboren, gestorben im März 1944 im Lager Drancy. Saint-Malo, die Korsarenstadt, wurde im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört und danach Stein für Stein wiederaufgebaut. Es ist eine Region, die weiß, was es bedeutet, etwas zu bewahren, das der Staat nicht schützt.
Die Wahl von Rennes als Ort des Prozesses 1899 war kein Zufall. Frankreich befand sich nach der Wiederaufnahme des Verfahrens durch den Kassationshof in einem Zustand extremer Polarisierung; in Paris hatten antisemitische Mobilisierungen und nationalistische Agitation die Regierung erschüttert. Rennes schien als Provinzhauptstadt mit starker militärischer Infrastruktur – Sitz des 10. Armeekorps, mit Kasernen, Militärgerichten, Sicherheitskräften – weit genug von Paris entfernt, um die Affäre aus dem aufgeladenen republikanischen Zentrum herauszuhalten.
Die Peripherie als Zentrum der Krise
Die Region galt als konservativ, katholisch, monarchistisch. Die Behörden hofften, der Revisionsprozess könne ohne viel Aufmerksamkeit oder Störungen über die Bühne gehen. Das Gegenteil war der Fall: Ein internationales Heer an Korrespondenten belagerte die Stadt, ein Verteidiger wurde Opfer eines Attentats, und der Öffentlichkeit wurde das Schmierentheater einer Zwei-Klassen-Justiz vorgeführt. Die Peripherie wurde zum Zentrum der Krise.
Unter denen, die auf der richtigen Seite standen, war Victor Basch, Germanistikprofessor in Rennes und Sohn einer jüdischen Familie aus Budapest. Er gründete 1899 die lokale Sektion der Liga der Menschenrechte; 1926 stieg er zum Präsidenten der nationalen Liga auf. Am 10. Januar 1944 erschossen Milizionäre ihn und seine Frau Ilona auf einer Landstraße bei Lyon. Auf den Körpern hinterließen sie ein Schild: Der Jude wird immer büßen.
Der Wiener Journalist Theodor Herzl hatte nach eigenem Bericht 1894 die Degradierung Dreyfus’ auf dem Marsfeld miterlebt und aufgeschrieben, was die Menge rief: Tod den Juden. Tod dem Judas. Wenn Frankreich, das Land der Menschenrechte, einen unschuldigen jüdischen Offizier verurteilen und seine Verurteilung feiern konnte, dann war die Hoffnung auf Emanzipation eine Illusion. Herzl zog daraus 1896 in Der Judenstaat den Schluss: Juden würden in Europa niemals sicher sein. Der politische Zionismus ist auch ein Kind der Dreyfus-Affäre.
Im November 2025 beförderte das Parlament Dreyfus einstimmig posthum zum Brigadegeneral. Emmanuel Macron erklärte den 12. Juli, den Jahrestag seiner Rehabilitierung durch den Kassationshof 1906, zum nationalen Gedenktag. 2026 ist das erste Jahr, in dem dieser Tag begangen wird. Die Fragen, die die Affäre aufwarf – das Wesen der Laizität, der Charakter staatlicher Institutionen, die Stellung der Juden –, sind heute so offen wie damals.
Große Teile der französischen Linken greifen mit militant antizionistischen Positionen die Fundamente der Republik an; Richter leugnen den offenkundigen antisemitischen Charakter von Morden; die Bereitschaft demokratischer Politiker, sich klar zu positionieren, ist gering. Julien Benda beschrieb 1927 in Der Verrat der Intellektuellen, wie schnell das moralische Mandat an politische Leidenschaften verraten wird. Dem Buch müssten einige Fortsetzungen folgen.
Die jüdische Geschichte der Bretagne ist keine Geschichte der Kontinuität, sondern eine der Lücken: zwischen 1240 und dem 16. Jahrhundert, zwischen 1615 und dem 19., zwischen den Deportierten und den Zugezogenen aus Nordafrika und den Rückkehrern aus den Lagern. In diese Region, die für die jüdische Geschichte Frankreichs immer marginal blieb, kam Dreyfus 1899, weil man ihn aus Paris fortschaffen wollte. Geblieben sind 8000 Dokumente, ein Turnsaal mit seinem Namen, ein Gedenktag und eine kleine Gemeinde, die in Nantes Filme zeigt und in Rennes Pessach feiert. Beides ist hier, weil es hierhin gehört.