Russland

Der schweigende Oligarch

Roman Abramowitsch (59): loyaler Geschäftsmann mit eigenen Regeln Foto: IMAGO/SNA

Am 21. Mai kam es in Kyjiw zu einem Treffen zwischen dem ukrainischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj und dem russischen Geschäftsmann Roman Abramowitsch. Die Nachricht von dessen Reise, die offenbar vom russischen Präsidenten Wladimir Putin gebilligt worden war, löste unter radikalen russischen Kriegsbefürwortern Unmut und Enttäuschung aus: Ist Abramowitschs Auftritt in Kyjiw ein Zeichen dafür, dass Putin doch zu einem direkten Treffen mit Selenskyj und sogar zu einem Kompromiss bereit ist?

Diese von etlichen russischen Bloggern gestellte Frage ist berechtigt: Abramowitsch gilt als Mann des Ausgleichs, der an nahezu allen bislang gescheiterten Vermittlungsversuchen beteiligt war, Gefangenenaustausche begleitete und zudem 2022 an einem Abkommen mitwirkte, das den Export von Getreide aus ukrainischen Schwarzmeerhäfen ermöglichte.

Einziger Gegner eines »ernsten Krieges« in Putins Umfeld

Da sich Putin weiterhin entschlossen zeigt, den Krieg fortzusetzen, erweisen sich diese Sorgen als unbegründet. Abramowitsch bleibt dennoch Ziel heftiger, häufig antisemitisch geprägter Angriffe. So zählt etwa der Philosoph Alexander Dugin ihn zum derzeit einzigen Gegner eines »ernsten Krieges« in Putins Umfeld und brachte Abramowitsch sogar mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Verbindung.

Der inzwischen 59-jährige Abramowitsch kennt derartige Anfeindungen seit den 90er-Jahren, als Dugin und Gleichgesinnte ihn, Boris Beresowski und andere Oligarchen jüdischer Herkunft zum Symbol einer angeblichen »jüdischen Herrschaft« in Russland erklärten. Dabei kommen die jüngsten Angriffe Abramowitsch sogar entgegen. Sie stärken das von ihm im Westen verbreitete Bild eines besonnenen Vermittlers, der zur Beendigung des Blutvergießens beitragen möchte.

Aber welche Rolle spielt Abramowitsch bei den Ukraine-Gesprächen? Und welche Ziele verfolgt er dabei? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in seine Biografie. Sein Aufstieg vollzog sich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Liberalisierung der späten 80er-Jahre und in der turbulenten Transformationsphase der 90er: Der geschäftstüchtige und risikofreudige junge Mann aus der Provinz – geboren in Saratow und aufgewachsen in Uchta – brach sein Forstwirtschaftsstudium ab, machte zunächst mit dem Handel mit Kinderspielzeug ein Vermögen und stieg anschließend ins lukrative Ölgeschäft ein.

Geschäftsparnter von Boris Beresowski

In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre wurde er Geschäftspartner des erwähnten Oligarchen Beresowski, der den ehemaligen KGB-Offizier Putin im Frühjahr 2000 maßgeblich als Nachfolger des politisch und gesundheitlich angeschlagenen Präsidenten Boris Jelzin etablierte. Beresowski, der sich als Königsmacher inszenierte und hoffte, den neuen Präsidenten steuern zu können, verlor jedoch den Machtkampf gegen Putin. Bereits im Herbst 2000 emigrierte er nach Großbritannien, wo er später gegen Abramowitsch prozessierte.

Dieses Zerwürfnis war nahezu unvermeidlich. Nach der Machtübernahme stellte Putin die Oligarchen vor die Wahl: Entweder sie hielten an ihrer politischen Unabhängigkeit fest und riskierten damit ihre wirtschaftliche Existenz, das Exil oder sogar eine Haftstrafe, oder sie verzichteten auf politischen Einfluss und stimmten ihre Geschäfte mit dem Kreml ab. Während Beresowski, der sich 2013 das Leben nahm, Putin stürzen wollte, arrangierte sich Abramowitsch mit den neuen Machtverhältnissen und verdrängte dabei seinen früheren Partner.

In der Kriegsdiplomatie übernimmt er die Rolle eines diskreten Verbindungsmannes.

So avancierte Abramowitsch zum Musterbeispiel eines loyalen Geschäftsmannes, der als Gouverneur des Autonomen Kreises der Tschuktschen erhebliche Summen in die Entwicklung der wirtschaftlich rückständigen Region investierte und später auch die Modernisierung des russischen Fußballs im Vorfeld der Fußball-WM 2018 unterstützte.

Da Abramowitschs Loyalität gegenüber dem Kreml außer Zweifel stand, wurden seine Aktivitäten im Ausland weitgehend toleriert, obwohl sie kaum zum propagierten patriotischen Zeitgeist passten. Er kaufte den Londoner Traditionsverein FC Chelsea, luxuriöse Jachten und Privatflugzeuge sowie Immobilien in Europa. 2018 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft, drei Jahre später – als Nachfahre portugiesischer Juden – zusätzlich die portugiesische. Als Philanthrop förderte er großzügig jüdische Projekte in Russland und im Ausland.

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Abramowitschs Lebensmodell, sein Vermögen in Russland zu erwirtschaften, es im Westen zu investieren, sich durch zusätzliche Staatsbürgerschaften abzusichern und seinen Ruf durch philanthropisches Engagement zu verbessern, wurde durch Putins Ukraine-Krieg jedoch grundlegend erschüttert. Die EU, Großbritannien und die Schweiz verhängten Sanktionen gegen ihn. Zudem musste er den FC Chelsea verkaufen.

Abramowitsch hat den Krieg nicht verurteilt und sich von Putin keineswegs distanziert. In der Kriegsdiplomatie übernimmt der schweigsame Oligarch die Rolle eines diskreten Verbindungsmannes, der im Hintergrund bleibt und Botschaften zwischen den Konfliktparteien übermittelt. Dabei profitiert er von seinem internationalen Netzwerk und dem vor 2022 erworbenen Ansehen. Diese außergewöhnliche Konstellation macht ihn sowohl für Kyjiw als auch für Moskau nützlich. Seine Vermittlungsbemühungen dürften jedoch in erster Linie einem Eigeninteresse dienen. Sie können als Investition in die Zeit nach dem Krieg verstanden werden, verbunden mit der Hoffnung, eines Tages zu jenem Lebensmodell zurückkehren zu können, das ihm der Krieg genommen hat.

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