Am 17. Juni unterzeichneten die USA und der Iran nach langem Hin und Her ein »Memorandum of Understanding«. Das russische Außenministerium begrüßte diese Vorstufe einer umfassenden Lösung des Konflikts zurückhaltend. Regimetreue russische Medien feiern es hingegen als Triumph der Islamischen Republik. Sie sprechen von einer Kapitulation der Vereinigten Staaten, einer Niederlage für Israel und reklamieren einen »diplomatischen Sieg« für den Kreml.
Die Tatsache, dass Russlands diplomatische Vorstöße – etwa der Vorschlag, das angereicherte Uran aus dem Iran zu übernehmen – verpufften und Moskaus geringen Einfluss in der Region bestätigten, wird ignoriert.
Welche Lehren sollte Russland aus dem Iran-Krieg ziehen?
Aber welche Lehren sollte Russland aus dem Iran-Krieg ziehen? Der Historiker Aleksej Pilko, der die kremlnahe Denkfabrik »Eurasisches Kommunikationszentrum« leitet und in politischen TV-Talkshows auftritt, geht auf diese Frage ein: »Was wäre gewesen, wenn Moskau nicht ständig nach irgendeiner Kompromisslösung für die Ukraine in Istanbul oder Anchorage gesucht hätte, sondern einfach mit voller Härte die Industrie und Infrastruktur der NATO-Staaten angegriffen hätte, die die ukrainischen Streitkräfte mit Waffen beliefern?«
Nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran wurde Wladimir Putin im Westen rasch als einer der größten Nutznießer des Konflikts ausgemacht.
Der Scharfmacher, der sich von Teherans Angriffen auf die Golfstaaten inspiriert zeigt, hat dabei vor allem europäische Staaten ohne eigene Atomwaffen im Blick, insbesondere wohl Deutschland als derzeit größten Unterstützer der Ukraine.
Pilko steht stellvertretend für etliche linientreue Experten, die nun die vermeintliche russische Kompromissbereitschaft diskret kritisieren, die zugespitzt dargestellte iranische Unnachgiebigkeit loben und die Islamische Republik als Vorbild für Russland sehen.
Nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran wurde Wladimir Putin im Westen rasch als einer der größten Nutznießer des Konflikts ausgemacht. Ähnlich wie im Zwölftagekrieg 2025 agierte der Kreml vorsichtig, beschränkte sich vor allem auf die propagandistische Unterstützung der iranischen Machthaber und hoffte, die neue Situation für seinen eigenen Ukraine-Krieg auszunutzen.
Mehrere günstige Folgen für Moskau
Tatsächlich hatte der Iran-Krieg mehrere günstige Folgen für Moskau. Er belastete die westlichen Volkswirtschaften, verschärfte die Spannungen zwischen den USA und ihren europäischen Verbündeten und lenkte die internationale Aufmerksamkeit von der Ukraine ab. Vor allem aber führte der Krieg zu einem für Russland günstigen Anstieg der Ölpreise. Um die Lage auf den Energiemärkten zu stabilisieren, setzte Washington zudem seine Sanktionen gegen die russische Ölindustrie provisorisch aus.
Manche westliche Beobachter befürchteten unter diesen Umständen eine militärische Katastrophe für die Ukraine, die wegen des Iran-Kriegs deutlich weniger Waffen aus den USA erhalten hatte. Das düstere Szenario, Putin könne nun den Krieg für sich entscheiden, machte die Runde. Doch Russland wurde dabei überschätzt, die Ukraine unterschätzt.
Kyjiw konnte die Zusammenarbeit mit den Golfstaaten vertiefen.
Im Iran-Krieg stellte sich die Ukraine auf die Seite der USA und verbesserte dadurch das angespannte bilaterale Verhältnis. Kyjiw vertiefte die Zusammenarbeit mit den Golfstaaten, die Interesse an ukrainischen Militärtechnologien und Erfahrungen im Umgang mit den von Russland eingesetzten iranischen Waffensystemen signalisierten. So konnte sich die Ukraine als leistungsfähige Militärmacht profilieren.
Russland, das wohl strategisch auf einen langen, zermürbenden Krieg im Nahen Osten hoffte, konnte seine Chance hingegen nicht nutzen. Der Iran-Krieg bescherte der russischen Kriegskasse zwar erhebliche Mehreinnahmen aus dem Ölgeschäft. Doch diese werden nach Einschätzung vieler Wirtschaftsexperten die strukturellen Probleme der russischen Kriegswirtschaft nicht nachhaltig lösen. Die wirtschaftliche Situation spitzt sich in Russland weiter zu.
Die russische Frühlingsoffensive blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück
Die russische Frühlingsoffensive blieb zudem deutlich hinter den Erwartungen zurück: Mickrige Geländegewinne im Donbas wurden unter dramatischen Verlusten erreicht, die der Kreml inzwischen allein durch Freiwillige nicht mehr ausgleichen kann. Gleichzeitig gelangen der Ukraine dank geschickter Taktik und technologisch-militärischer Innovationen immer häufiger Erfolge in Gegenoffensiven. Hinzu kommen spektakuläre Angriffe auf Raffinerien und andere strategische Ziele in Russland.
Jüngste ukrainische Erfolge scheinen nicht nur die europäischen Verbündeten, sondern auch Trump beeindruckt zu haben, der lange von einem russischen Sieg überzeugt gewesen sein soll. Mit Blick auf die bevorstehenden Midterm-Wahlen in den USA und angesichts einer bislang durchwachsenen Bilanz im Nahen Osten benötigt der Präsident dringend außenpolitische Erfolge, etwa das Ende des Ukraine-Krieges. Er könnte daher den Druck auf Russland erhöhen.
Im fünften Jahr seines Ukraine-Krieges steht Putin an einem Scheideweg.
Obwohl Putin die Probleme herunterzuspielen versucht und weiterhin den Sieg beschwört, wirken seine Durchhalteparolen immer weniger überzeugend. Im fünften Jahr seines Ukraine-Krieges steht er an einem Scheideweg. Er kann weitere wirtschaftliche Belastungen in Kauf nehmen und zusätzliche menschliche Ressourcen für den Krieg heranziehen, etwa durch eine neue Mobilmachung. Er kann den Konflikt weiter eskalieren lassen, beispielsweise durch eine stärkere Einbindung des Verbündeten Belarus. Oder er könnte sich auf ernsthafte Verhandlungen einlassen.
Während die Ukraine, die Europäer und wohl auch die USA auf die dritte Option hoffen, erscheint sie derzeit für Putin am wenigsten attraktiv. Für den von der Unterwerfung der Ukraine besessenen Kremlchef käme sie einer politischen Bankrotterklärung gleich: dem Eingeständnis, seine Kriegsziele nicht erreicht zu haben. Aleksej Pilko und andere Hardliner können daher weiterhin von einer Eskalation im iranischen Stil träumen.
Der Autor ist Historiker und Experte für Osteuropa.