Während des Jom Kippur-Gottesdienstes sind vor einer Synagoge im kanadischen Belleville Schüsse gefallen. Ein Polizist und ein 29-jähriger Mann wurden dabei schwer verletzt. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler kam es zu einem Schusswechsel mit bis zu 30 abgegebenen Schüssen.
Der mutmaßliche Schütze wurde als Sean Ward aus dem benachbarten Quinte West identifiziert. Der verletzte Polizeibeamte ist Constable Jeff Smith, der seit 2013 für die Polizei von Belleville arbeitet. Smith befindet sich nach Angaben der Behörden in kritischem, aber stabilem Zustand auf der Intensivstation.
Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten. Der höchste jüdische Feiertag hatte bei Sonnenuntergang begonnen. Smith war auf Bitten der Gemeinde vor dem Gebäude postiert worden. Auch ein zweiter Polizeibeamter gab während des Vorfalls Schüsse ab.
Gemeinde suchte Schutz im Gebäude
Nach Angaben der Ermittler soll Ward mit einer Schrotflinte auf Smith geschossen haben. Der Polizist erwiderte das Feuer, anschließend griff auch ein weiterer Beamter ein. Die genauen Abläufe sind allerdings noch Gegenstand der Untersuchung durch die Special Investigations Unit (SIU) der Provinz Ontario.
Der Präsident der Synagoge, Norm Weddum, berichtete von den dramatischen Momenten während des Gottesdienstbeginns. Als die Schüsse zu hören gewesen seien, hätten sich die Menschen im Gebäude in Sicherheit gebracht.
»Es war boom, boom, boom«, sagte Weddum dem CBC News Network. Im Eingangsbereich habe er weitere Schüsse gehört und schließlich erkannt, dass tatsächlich auf der Straße geschossen wurde.
Motiv noch nicht geklärt
Daraufhin habe er die Menschen zurück in den Gebetsraum geführt und die Türen geschlossen. »Alle gingen buchstäblich zu Boden«, sagte Weddum. Er habe die Anwesenden aufgefordert, sich hinzulegen. Nach einigen weiteren Sekunden sei der Schusswechsel beendet gewesen.
Der Synagogenpräsident betonte, dass Polizeischutz bei größeren Veranstaltungen üblich sei. Die zusätzliche Absicherung für den Jom-Kippur-Abend sei bereits eine Woche zuvor routinemäßig angefordert worden. »Gott sei Dank war diese Person dort«, sagte Weddum über den Polizisten.
Ob der Angriff gezielt dem Beamten, der Synagoge oder der jüdischen Gemeinde von Belleville galt, ist bislang offen. Die SIU untersucht insbesondere die Umstände, unter denen die Polizisten ihre Waffen einsetzten.
Die Ermittler sichern derzeit unter anderem Aufnahmen der Körperkameras und der Kameras in den Polizeifahrzeugen. SIU-Sprecherin Kristy Denette erklärte, deshalb lasse sich der genaue Ablauf derzeit noch nicht rekonstruieren.
Nach bisherigen Erkenntnissen sei Ward mit einem Lastwagen gekommen und habe mit einer Schrotflinte auf einen Polizisten geschossen. Dieser habe zurückgefeuert, anschließend sei ein zweiter Beamter hinzugekommen und habe ebenfalls seine Waffe eingesetzt.
Auf die Frage, ob der Zeitpunkt des Angriffs während Jom Kippur und der Ort vor einer Synagoge auf ein antisemitisches Motiv hindeuteten, blieb Denette zurückhaltend: »Ich würde spekulieren, aber... Ich denke, der gesunde Menschenverstand würde sagen, dass dies wahrscheinlich der Fall war«, sagte sie.
Solidarität mit der jüdischen Gemeinde
Gegen Ward waren am Montag zunächst keine Anklagen bekannt gegeben worden. Er selbst befindet sich nach Angaben der Behörden in lebensbedrohlichem Zustand. Polizeibeamte durchsuchten am Montag das Haus, das er mit seiner Mutter in Quinte West bewohnt. Ein früherer Arbeitgeber und Nachbarn berichteten CBC, Ward habe früher beim kanadischen Militär in Alberta gedient.
Am Montagabend versammelten sich zahlreiche Menschen in Belleville zu einer Mahnwache. Mitglieder der jüdischen Gemeinde standen dabei gemeinsam mit Politikern und anderen Einwohnern der Stadt zusammen. Die Veranstaltung sollte Unterstützung für den verletzten Polizisten und die von dem Vorfall erschütterte Gemeinde zeigen.
Bürgermeister Neil Ellis zeigte sich bestürzt über die Schüsse und lobte den Einsatz des verletzten Beamten. »Die Stadt Belleville steht hinter der jüdischen Gemeinde«, sagte er.
Synagoge bleibt zunächst geschlossen
Auch auf Provinz- und Bundesebene wurden Reaktionen veröffentlicht. Kanadas Premierminister Mark Carney erklärte, jüdische Menschen müssten sicher beten und ihr jüdisches Leben frei und selbstbewusst führen können. Die Regierung werde die Sicherheitsbehörden dabei unterstützen, den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Ontarios Premierminister Doug Ford bezeichnete den Vorfall als erschütternd. Er würdigte insbesondere den Polizisten und die anderen Einsatzkräfte, die schnell reagiert hätten.
Die Ermittlungen am Tatort dürften noch mehrere Tage andauern. SIU-Sprecherin Denette sprach von einer komplexen Spurensicherung. An der Straße seien Dutzende Einschusslöcher zu sehen, zudem seien Häuser und Fahrzeuge beschädigt worden.
Für die jüdische Gemeinde hatte der Vorfall unmittelbare Folgen: Die Synagoge blieb zunächst für die Öffentlichkeit gesperrt, sodass die für den Abschluss von Jom Kippur vorgesehenen Gottesdienste dort nicht stattfinden konnten. im